Tagesdosis

Auf der Eskalationsrolltreppe in den großen Krieg | Von Tilo Gräser

audio-thumbnail
Tagesdosis 20260624 apolut
0:00
/995.195708

Angesichts der zunehmenden ukrainischen Angriffe auf Russland warnen Beobachter vor den Folgen

Ein Kommentar von Tilo Gräser.

Die Kiewer Führung und ihre westlichen Finanziers glauben sich im Krieg gegen Russland immer noch auf der Gewinnerseite. Dazu tragen aktuell die ukrainischen Drohnenangriffe auf Ziele in Moskau, eine dortige Ölraffinerie, auf das Satellitenkontrollzentrum bei Dubna sowie auf der Krim bei. Russland scheint dem nichts entgegensetzen zu können. Und so fordert der Kiewer Präsidentendarsteller Wolodymyr Selenskyj von seinen westlichen Unterstützern noch mehr Geld und noch mehr Waffen. Und die wollen ihm alle Wünsche erfüllen, wie sie beim jüngsten G7-Gipfel erklärten. Damit soll der Druck auf Moskau erhöht werden, einem Kriegsende unter Kiewer Bedingungen zuzustimmen.

„Wenn die Ukraine brennt, wird auch Moskau brennen“, hatte Selenskyj vor wenigen Tagen angekündigt. Der unabhängige EU-Korrespondent Eric Bonse kommentierte das treffend und machte auf die Konsequenzen aufmerksam:

„Das ist, nun ja, eine Kriegserklärung. Gegen den Angreifer aus Russland, okay, aber auch gegen die stärkste Nuklearmacht der Welt. Da sollte man doch erwarten, daß Nato und EU, die Selenskyj unterstützen, auf die Bremse treten, um eine unkontrollierte Eskalation zu verhindern.“

„Doch das Gegenteil ist der Fall“, stellte Bonse fest. Beim jüngsten Treffen der Ukraine-Kontaktgruppe bei der Nato in Brüssel sei der Einsatz sogar noch erhöht worden. Beim EU-Gipfel mit Selenskyj am 18. Juni in Brüssel sei diesem noch mehr Unterstützung zugesagt worden. Zum Angriff auf Moskau und den möglichen Folgen finde sich im Gipfelbeschluss kein Wort. „Selenskyj dürfte dies als Ermunterung verstehen – und noch härter angreifen“, schätzt Bonse ein. Mutmaßliches Ziel sei es, Russlands Präsidenten Wladimir Putin an den Verhandlungstisch zu bomben. Kiews Machthaber nenne das „Langstreckensanktionen“, die EU spreche von „diplomatischen Bemühungen“ und fordert eine „Schlüsselrolle”. Der EU-Korrespondent stellt klar:

„In Wahrheit geht es darum, den Krieg nach Moskau zu tragen – wie so oft in der europäischen Geschichte. Es ist noch jedes Mal schief gegangen …“

„In den westlichen Ländern scheinen sie sich nicht mehr besonders viel Mühe zu geben, ihre eigene Beteiligung zu verbergen“, konstatierte der norwegische Politologe Glen Diesen. Er sagte das in einem Videogespräch mit dem britischen Ex-Diplomaten Alastair Crooke, veröffentlicht am 19. Juni. Er erinnerte daran, dass die ehemalige bundesdeutsche Außenministerin Annalena Baerbock bereits eingestand: „Wir führen einen Krieg gegen Russland.“ Inzwischen sei die Beteiligung der NATO „sehr offensichtlich“ und werde „fast schon offen zur Schau gestellt“. Für Diesen handelt es sich um einen „Marsch in Richtung eines massiven Krieges mit Russland“, dessen Eskalation zum Atomkrieg nicht kontrollierbar sei.

Fortgesetzte Eskalation

Für den Ex-Diplomaten Crooke handelt es sich bei den ukrainischen Langstreckenangriffen auf Ziele in Russland um einen „großen Schritt nach vorn“. Dieser solle vor allem die russische Bevölkerung verunsichern. London, Paris und Berlin würden gemeinsam versuchen, durch die massive Unterstützung für Kiew den Krieg gegen Moskau doch noch zu gewinnen. Doch die Schäden durch die gesteigerten Angriffe würden Russlands Wirtschaft kaum schaden, ist sich Crooke sicher. Er warnt, dass die zunehmende Eskalation Stimmen in Russland wie die von Sergej Karaganow stärkt. Dieser hatte in den letzten Monaten mehrfach von der russischen Führung gefordert, die westliche Eskalationspolitik zu stoppen – notfalls auch mit begrenztem Atomwaffeneinsatz.

In den westlichen Hauptstädten würden die russischen Warnungen vor der unbegrenzten Eskalation bis heute aber als Bluff angesehen. Zudem werde geglaubt, dass Westeuropa durch Artikel 5 des NATO-Vertrages geschützt sei. Den halte aber Moskau wiederum für einen Bluff. Die europäische Politik versuche derzeit, die Ukraine als Speerspitze von EU und NATO, also als klassisches Bollwerk gegen Russland zu etablieren, so der britische Ex-Diplomat. Zugleich sieht er die verstärkte Aufrüstung in Westeuropa als erfolglos und „Verschwendung“ an.

Er macht darauf aufmerksam, dass die Europäer US-Präsident Donald Trump beim G7-Gipfel wieder „mit ins Boot“ geholt haben. Sie hätten ihn dazu gebracht, die Forderungen der europäischen Politiker nach einem Waffenstillstand und einer Wende zugunsten der Ukraine zu unterstützen. Dabei sei klar: „Russland würde niemals einer davon zustimmen.“ Das Ziel der Führungen in London, Paris und Berlin sei es, einen Krieg gegen Russland anzuzetteln, unterstützt von den USA. Das sei ein „katastrophaler Plan“, warnt Crooke.

Die westliche Politik ignoriert bis heute, dass der Konflikt um die Ukraine und deren anvisierte Mitgliedschaft in der NATO für Russland eine existenzielle Frage ist. Darauf macht der ehemalige US-Offizier und heutige Geopolitik-Analytiker Stas Kaprivnik in einem aktuellen Gespräch mit dem Schweizer Neutralitätsforscher Pascal Lottaz aufmerksam. Moskau werde keine NATO-Atomraketen an seiner Grenze zur Ukraine dulden. Die europäischen Unterstützer Kiews seien keine „Stellvertreter“ der USA mehr im Krieg gegen Russland, sondern längst „aktiver militärischer Teilnehmer“.

Die westeuropäischen Staaten würden für die Ukraine massenhaft Drohnen produzieren, die diese nur zusammenbaue und einsetze. Sie würden „auf Hochtouren laufen, um zu versuchen, Russland in die Knie zu zwingen“. Sie würden fälschlicherweise davon ausgehen, Russland betreibe in der Ukraine nur einen Expansionskrieg. Das ignoriere aber die Sachlage und sei „dumm“, stellt der Analytiker, der heute in Lugansk lebt, fest. Und er warnt ebenfalls:

„Russland hat an diesem Punkt die Wahl: entweder einen konventionellen Krieg mit Europa oder einen Atomkrieg mit der nördlichen Hemisphäre.“

Terroristische Ukraine

Moskau habe sich angesichts der Entwicklung und der fortgesetzten westlichen Eskalation entschlossen, den Krieg auf dem Schlachtfeld zu entscheiden, so Kaprivnik. Die russische Führung würden den Europäern zwar noch zuhören, aber nicht mehr mit ihnen verhandeln wollen. Das Ziel sei nicht mehr allein die Sicherung des Donbass, sondern auch der Kampf gegen die restliche Ukraine. In Moskau setze sich die Erkenntnis durch, dass diese weiter als Terrorstützpunkt gegen Russland genutzt werde. Kiew habe sich vollständig dem Terrorismus zugewandt. Der Westen unterstütze das und sei „absolut schuldig und schwimmt in russischem Blut“.

„Es ist der Westen, der diese Drohnen herstellt; er ist es, der den Terrorismus ermöglicht.“

Mit den ukrainischen Drohnenangriffen auf Ziele in Russland wie die Moskauer Ölraffinerie werde vom weiteren Vorrücken der russischen Truppen in der Ostukraine abgelenkt, schätzt Kaprivnik ein. Er verweist auf die anhaltenden Angriffe auf Zivilisten auf russischem Territorium. Das zeuge von den Werten, die der Westen in der Welt verbreite: „Mord, Chaos, die Vernichtung von Kindern, sei es durch verschiedene Vorgehensweisen, sei es direkter Mord, was auch immer.“

„Die Ukraine hat sich von einer teilweise terroristischen Organisation zu einer vollwertigen Terrororganisation gewandelt, die unter der Kontrolle – um es ganz offen zu sagen – der anderen drei obersten Terrororganisationen dieses Planeten steht: der CIA, des MI6 und des Mossad.“

Der ursprüngliche Plan der USA sei gewesen, Russland so weit zu provozieren, dass es die Ukraine erobert. Dann sollte ein Partisanen-Guerillakrieg entfacht werden, der Russland jahrelang ausbluten lassen würde. Doch das sei nicht gelungen und stattdessen zu einem Zermürbungskrieg geworden. Auch der Ex-US-Offizier warnt vor der Eskalation in einen gesamteuropäischen Krieg, vor der „Eskalations-Rolltreppe, die mit voller Geschwindigkeit fährt“. Die Ukraine habe mit der Slowakei und Ungarn sogar bereits zwei NATO-Staaten angegriffen, durch Drohnenschläge gegen dortige Raffinerien, ebenso Tanker im Schwarzen Meer unter türkischer Flagge. Doch der Westen habe Kiew dafür in keiner Weise bestraft.

Russische Warnungen

In einem weiteren Gespräch, veröffentlicht am Dienstag, geht der norwegische Politologe Diesen auf die Frage ein, unter welchem Druck Russlands Präsident Putin im eigenen Land inzwischen steht. Er spricht darüber mit dem ehemaligen CIA-Analytiker Ray McGovern, einst zuständig für die Sowjetunion und Russland. Diesen sieht einen „großen Druck, entschlossener zurückzuschlagen, nicht nur gegen die Ukraine, sondern möglicherweise auch gegen ihre westlichen Unterstützer, die anscheinend die Grenze zwischen einem Stellvertreterkrieg und einem direkten Krieg überschritten haben“.

Aus Sicht von McGovern hängt die weitere Entwicklung davon ab „wie vorsichtig Wladimir Putin ist“. Er könne sich nicht vorstellen, dass der russische Präsident das Risiko eingeht, einen NATO-Staat anzugreifen. Mit Blick auf die Lage auf dem Schlachtfeld schätzt er ein, dass der Einsatz von Drohnen zwar den russischen Vormarsch verlangsamt habe. Aber es sei nur eine Frage der Zeit, wann Russland die notwendigen Gegenmittel entwickelt habe und einsetze.

„Russland hat weiterhin die Oberhand – ganz gleich, wie viele Drohnen der Westen auf Russland abfeuert.“

Wie andere Beobachter betont McGovern, dass die gegen Moskau eingesetzten ukrainischen Drohnen vor allem optische Effekte erzeugten, aber wenig tiefen Schaden anrichteten. Sie seien mit Kerosin gefüllt gewesen, um bei ihrem Abschuss Brände und Rauch auszulösen. Der ehemalige CIA-Analytiker weist darauf hin, dass Russlands Auslandgeheimdienst die baltischen Staaten gewarnt hat, die Ukraine bei den Angriffen auf Russland zu unterstützen. Das sei erfolgt, obwohl es sich um NATO-Staaten handele. Damit zeige Moskau, dass es nicht davon ausgeht, dass die Beistandsklausel nach Artikel 5 des NATO-Vertrages eingesetzt wird.

Zugleich sei der russischen Führung klar geworden, dass sich die Trump-Administration nicht an die Vereinbarungen des Alaska-Gipfels im August 2025 hält. Deshalb sei sie entschlossen, in der Ukraine alles für einen Sieg zu tun. Das brauche zwar etwas Zeit, sei aber sicher, schätzt McGovern die russische Haltung dazu ein. Trump habe nicht wie zugesagt, mäßigenden Einfluss auf Selenskyj ausgeübt, habe Moskau festgestellt und seine Konsequenzen daraus gezogen.

Putin gehe als „vollendeter Politiker“ schrittweise vor, stellt der Ex-CIA-Analytiker fest. Er verweist auch darauf, dass der Kiewer Präsidentendarsteller ukrainische Nazi-Kollaborateure exhumieren und mit militärischen Ehren bestatten lässt. Es sei unklar, ob Selenskyj sich die Nazi-Denkweise zu eigen gemacht hat oder von den ukrainischen Neofaschisten mit Einfluss auf die Armee unter Druck gesetzt wird.

Mögliche Reaktionen

Zu den möglichen Reaktionen des russischen Präsidenten auf die Drohnenangriffe, die mehr Show als wirkliche Gefahr seien, sagt McGovern, dass seiner Einschätzung nach Putin auch intern sich nicht unter Druck setzen lässt. Er sehe bei Putin „ein Selbstbewusstsein, das der Vorstellung entgegensteht, er müsse sich denen anpassen“, die ihn zu radikalen Schritten drängen. Der russische Präsident sehe keine Notwendigkeit, etwas Drastisches zu unternehmen und halte die Europäer nicht für eine ernsthafte Bedrohung, so McGovern. Russische Hardliner wie Ex-Präsident Dmitri Medwedjew und Politologe Karaganow seien die „bösen Polizisten“, die von Zeit zu Zeit an die geänderte russische Nukleardoktrin erinnern würden.

Die gelassene Reaktion Putins auf die ukrainischen Provokationen überzeugen McGovern davon, „dass dies eine ‚Cool-Hand‘-Strategie ist“. Russlands Präsident sei „ein Typ, der sich nicht provozieren lässt“. Der Ex-CIA-Analytiker meint, dass er sich auch irren könne, aber allem Anschein nach habe Putin die Lage im Griff. Er ist auch überzeugt, dass die westlichen Meldungen über wirtschaftliche Probleme Russlands und die ukrainischen Angriffe nur verdecken, dass Kiew nicht gewinnen könne. Es könne Russland nur Schaden zufügen, der es aber nicht aufhalte.

Auch der ehemalige CIA-Mitarbeiter Larry C. Johnson äußert sich ähnlich wie McGovern. Er weist in einem am Dienstag veröffentlichten Gespräch mit Neutralitätsforscher Lottaz darauf hin, dass der russische Präsidentenberater Juri Uschakow kürzlich erklärte, die Vereinbarungen mit Trump von Anchorage seien hinfällig. Russland habe fast ein Jahr daran festgehalten und sie jetzt aber aufgegeben. Laut Johnson haben sich die militärischen Operationen Russlands in der Ukraine in den letzten beiden Wochen beschleunigt. Auch er meint, dass die ukrainischen Drohnenangriffe auf Ziele wie in Moskau „schlimmer aussehen, als sie sind“.

Aber aufgrund der durch solche Angriffe, unterstützt von Großbritannien, getöteten Zivilisten wachse der Druck auf Putin, zu reagieren. Der Ex-CIA-Analytiker warnt:

„Ich gehe daher davon aus, dass Russland – sollten diese Drohnenangriffe so weitergehen und Großbritannien weiterhin Nachschub liefern – noch vor Ende August Fabriken in Großbritannien angreifen wird. Damit besteht die reale Gefahr einer Ausweitung dieses Krieges, aber die Russen sind nun an diesem Punkt angelangt.“

Die verzweifelten Drohnenangriffe der Ukraine würden aber nichts an der strategischen Lage ändern, ist auch Johnson überzeugt. Er schätzt ein, dass die russische Führung vor Beginn des Krieges in der Ukraine einen solchen Schritt vermeiden wollte, der Europa mit hineinziehen könnte. Doch jetzt sei Russland militärtechnisch bereit, „ganz Europa zu besiegen“. „Jetzt sind sie darauf vorbereitet und bereit und jetzt verkünden sie es“, so Johnson. Moskau habe auch festgestellt, dass die USA weniger leistungsfähig seien als angenommen. Dazu habe auch deren Krieg gegen den Iran beigetragen. Und Europa, das gegen Russland in den Krieg ziehen wolle, deindustrialisere sich unterdessen selbst, auch mit seiner antirussischen Sanktionspolitik. Gegen Ende des Gespräches mit Lottaz stellt Johnson fest:

„Wenn Russland den Vereinigten Staaten oder Europa das antun würde, was Europa und die Vereinigten Staaten Russland angetan haben, wären wir schon längst im Krieg.“

+++

Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

+++

Bild: Ukrainischer Präsident Wolodymyr Selenskyj
Bildquelle: Nicolas Economou / shutterstock


+++
Ihnen gefällt unser Programm? Machen wir uns gemeinsam im Rahmen einer "digitalen finanziellen Selbstverteidigung" unabhängig vom Bankensystem und unterstützen Sie uns bitte mit der:

Spenden-Kryptowährung „Nackte Mark“: https://apolut.net/unterstuetzen/#nacktemark

oder mit

Bitcoin: https://apolut.net/unterstuetzen#bitcoin

Informationen zu weiteren Unterstützungsmöglichkeiten finden Sie hier: https://apolut.net/unterstuetzen/

+++
Bitte empfehlen Sie uns weiter und teilen Sie gerne unsere Inhalte in den Sozialen Medien. Sie haben hiermit unser Einverständnis, unsere Beiträge in Ihren eigenen Kanälen auf Social-Media- und Video-Plattformen zu teilen bzw. hochzuladen und zu veröffentlichen.

+++
Abonnieren Sie jetzt den apolut-Newsletter: https://apolut.net/newsletter/

+++
Unterstützung für apolut kann auch als Kleidung getragen werden! Hier der Link zu unserem Fan-Shop: https://harlekinshop.com/pages/apolut

Tilo Gräser Drohnenangriffe Russland-Ukraine-Krieg Wolodymyr Selenskyj Eric Bonse Glen Diesen Stas Kaprivnik Moskau Ray McGovern


Artikel vorlesen MP3 Download
0:00
0:00