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Das autoritäre Gift aus dem Kanzleramt | Von Dirk Ellerbrock

Das autoritäre Gift aus dem Kanzleramt | Von Dirk Ellerbrock

Über Autorität, Reformzwang und die Kunst, den Wähler für krank zu erklären

Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.

Ein Wahlabend und seine Deutung

Wahlabende sind Momente, in denen ein politisches System unfreiwillig Auskunft über sich selbst gibt. Am 20. September geschah das mit seltener Deutlichkeit. In Mecklenburg-Vorpommern liegt die CDU bei unter fünf Prozent und scheidet aus dem Landtag aus, die AfD erreicht 38,3 Prozent. In Berlin verliert die CDU ihre Spitzenposition, die Linke wird erstmals stärkste Kraft, die SPD fällt auf ein historisches Tief, und die Linke kommt auf 25,3 Prozent. Der Bundeskanzler räumte ein, das Ergebnis im Nordosten lasse sich nicht schönreden, die CDU sei dort zwischen SPD und AfD aufgerieben worden. Seine Schlussfolgerung lautete dennoch, dass Aufschieben nicht infrage komme. Und dann folgte die Erklärung, um die es hier gehen soll: Die Reformen seien das Mittel gegen das „autoritäre Gift“, das mit der „Faszination des Autoritären“ immer tiefer in die Gesellschaft eindringe. Landtagswahlen: Warum Friedrich Merz’ Reformkurs schwieriger wird +5

Wer von „autoritär“ spricht, greift auf eine Denktradition zurück, die genau das Gegenteil dessen gezeigt hat, was der Kanzler daraus macht. Die Frage, wer hier eigentlich autoritär auftritt, ist deshalb keine Polemik, sondern eine Prüfaufgabe: Was heißt Autorität, und wie verhält sich der Sprecher zu ihr?

Der Satz: Medizin statt Politik

Der Satz ist sorgfältig gebaut, und das macht ihn aufschlussreich. Er verwandelt ein politisches Problem, nämlich eine Regierung, die das Vertrauen ihrer Wähler verliert, in ein medizinisches. Wo ein Gift wirkt, gibt es Vergiftete, und wo es Vergiftete gibt, braucht es ein Gegengift, das der Arzt kennt. Dem Wähler, der eine Politik abgewählt hat, wird damit der Status eines Urteilenden entzogen. Er wird zum Symptomträger. Sein Votum ist dann keine Aussage mehr über Lebenslage, Erfahrung und Interesse, sondern der Beleg einer Erkrankung.

Die Formel von der „Faszination“ verschärft das. Sie unterstellt, Menschen wählten die AfD, weil sie einer Verführung erlegen sind, nicht weil sie Gründe haben. Das ist Massenpsychologie im Stil des 19. Jahrhunderts: Die Menge erscheint als irrationales Wesen, das von außen infiziert wird. Von einer Analyse der gesellschaftlichen Lage ist das weit entfernt. Hinzu kommt die Topografie des Übels. Merz beklagte, der Ton in der Gesellschaft sei rauer und unversöhnlicher geworden, das Vertrauen in Institutionen werde von radikalen Parteien an den Rändern untergraben. Das Übel sitzt also draußen, am Rand, während die Mitte, die regiert, als gesund gilt. Diese Verlagerung ist die eigentliche Funktion der Metapher: Sie macht die Krise zu einem Problem der anderen. ZDFheute

Was Autorität ist und was nicht

Das Wort geht auf das lateinische auctoritas zurück, abgeleitet von augere, „mehren“. Gemeint war ein Ansehen, das jemandem zuerkannt wird, ausdrücklich unterschieden von der potestas, der Amtsgewalt, die man kraft Stellung besitzt. Schon in der Wortgeschichte liegt der entscheidende Punkt: Autorität beruht auf Anerkennung. Man hat sie nicht, man bekommt sie.

Max Weber hat den Gedanken soziologisch gefasst. Herrschaft ist bei ihm die Chance, für einen Befehl Gehorsam zu finden, und sie trägt nur, solange die Gehorchenden an ihre Legitimität glauben. Ob dieser Glaube auf Tradition, auf Charisma oder auf rational-legalen Regeln beruht, ändert nichts daran, dass er fehlen kann. Hannah Arendt hat in „Was ist Autorität?“ (1961) die Konsequenz gezogen: Autorität ist weder Zwang noch Überzeugung. Zwang setzt sie außer Kraft, denn wo Gewalt nötig wird, ist die Autorität bereits gescheitert. Auch Überzeugung ist etwas anderes, denn wer argumentiert, geht von Gleichen aus, und Autorität setzt gerade Anerkennung ohne Argument voraus.

Für den Wahlabend heißt das: Ein Wahlergebnis ist der nüchternste denkbare Entzug von Anerkennung. Wer darauf mit dem Satz antwortet, man müsse erst recht weitermachen, erklärt Autorität, die ihm soeben entzogen wurde, per Erklärung für fortbestehend. Das ist ein Widerspruch in der Sache. Im Sinne Arendts bleibt an dieser Stelle nur noch Belehrung.

Der autoritäre Charakter und was der Kanzler daraus macht

Wer den Begriff „autoritär“ so beiläufig verwendet, sollte wissen, woher er kommt. Max Horkheimer legte 1936 mit den „Studien über Autorität und Familie“ am Frankfurter Institut für Sozialforschung den Grundstein. Die These lautete, dass Autorität nicht bloß von oben verordnet wird. Sie wird über Familie und Erziehung so reproduziert, dass Menschen Unterordnung schließlich als eigenen Wunsch erleben. Erich Fromm entwickelte dafür das Bild des sadomasochistischen Charakters: Unterwerfung nach oben, Aggression nach unten. 1940 folgte Horkheimers Aufsatz „Autoritärer Staat“, der die strukturelle Seite behandelt: Der Staat übernimmt in der Krise die Steuerung der Gesellschaft, und das Individuum verliert an Boden.

Die berühmteste Weiterentwicklung ist „The Authoritarian Personality“ (1950), dessen Autoren Theodor W. Adorno, Else Frenkel-Brunswik, Daniel Levinson und Nevitt Sanford waren, während Horkheimer die Buchreihe mitherausgab. Das Buch entwickelte die sogenannte F-Skala, wobei das F für Faschismus steht. Sie ist ein Fragebogen, der die Anfälligkeit für autoritäres Denken über neun Merkmale misst. Für unseren Zusammenhang sind vier davon wichtig: die Projektion, also die Verlagerung eigener unliebsamer Regungen auf andere; die autoritäre Aggression gegen Abweichende; das Denken in Kategorien von Macht und Stärke; und die Stereotypie, das feste Bild von Gut und Böse.

Der entscheidende Punkt wird in der Rezeption regelmäßig übersprungen. Adorno und Horkheimer suchten die Ursachen nicht im einzelnen Charakter, sondern in den gesellschaftlichen Verhältnissen. Horkheimer schrieb 1939, wer vom Kapitalismus nicht reden wolle, solle auch vom Faschismus schweigen. Adorno hielt in seinem Vortrag „Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit“ (1959) das Fortleben des Nationalsozialismus in der Demokratie für potenziell bedrohlicher als Angriffe auf die Demokratie von außen, weil die gesellschaftlichen Voraussetzungen, die den Faschismus hervorgebracht hatten, fortbestünden. Das autoritäre Potenzial liegt danach in der Gesellschaft selbst, in ökonomischer Verunsicherung, in der Angst vor dem Abstieg und in der Deklassierung, also dem sozialen Statusverlust.

Dass die Studie methodisch angreifbar ist, sei nicht verschwiegen. Kritiker verwiesen auf die Ja-sage-Neigung der Fragebögen, andere auf die Frage eines linken Autoritarismus, und Seymour Martin Lipset hielt dem Ansatz seine These vom „Extremismus der Mitte“ entgegen. Für die Argumentation hier spielt das eine untergeordnete Rolle, denn es geht nicht darum, jemanden zu diagnostizieren. Der Begriff wird als Gesellschaftskritik gebraucht, nicht als Psychogramm.

Die Umkehrprobe

Nimmt man diese Merkmale ernst und wendet sie auf das Sprachhandeln des Kanzlers an, nicht auf seine Person, kehrt sich das Bild um.

Projektion. Das Übel wird nach außen verlagert. Das „Gift“ dringt von irgendwoher in die Gesellschaft ein, während die eigene Politik, deren Wirkungen die Wähler zu spüren bekommen, als Ursache gar nicht erst in Betracht kommt.

Aggression nach außen. Die Verantwortung für den Vertrauensverlust liegt bei den Rändern, bei Extremisten beider Seiten. Wer sich in dieser Semantik bewegt, wird von Reinigung und Abwehr sprechen müssen, nicht von Zuhören. news.de

Machtdenken. Verlangt wird Durchhalten. Der Kanzler sprach von Rückgrat, Standhaftigkeit und Geduld, und die Reformen müssten kommen, Veränderungen kosteten Kraft und fänden nicht immer schnellen Beifall. Das ist die Sprache der Zumutung: Die Bürger sollen tragen, und wer sich verweigert, gilt als schwach oder als infiziert. NIUSNZZ

Unterordnung als Norm. Die Bürger erscheinen als Adressaten einer Erziehung. Der Souverän wird zum Objekt von Belehrung, die Regierung zum Sachwalter einer Notwendigkeit, über die abzustimmen sich erübrigt.

Damit ist der Befund gestellt: Wer Autorität zuerst verspielt und dann per Diagnose einfordert, verhält sich im Sinne der Kritischen Theorie autoritärer als die Gescholtenen. Die Formel „gegen das Autoritäre“ dient dabei als Legitimation für eben das, was sie zu bekämpfen vorgibt.

Zwei Wahlsieger, ein Adressat

Die Vergiftungsthese hat ein Problem, das der Wahlabend selbst liefert. Am selben Abend gewinnen in Mecklenburg-Vorpommern die AfD und in Berlin die Linke. Das sind Parteien mit gegensätzlichen Programmen, und doch haben sie denselben Adressaten. Linken-Fraktionschefin Reichinnek warf dem Kanzler vor, eine Politik, die die Menschen wiederholt abgewählt hätten, gebetsmühlenartig zur Lösung zu erklären, und mit sozialem Kahlschlag und der Übernahme rechter Positionen den Rechtsextremen die Wähler zuzutreiben. Man muss ihre Wertung nicht teilen, um zu sehen, dass hier eine Erklärung angeboten wird, die beide Ergebnisse erfasst: Die Wähler lehnen den Kurs ab und suchen sich dafür unterschiedliche Adressen. Tagesspiegel

Die Psychopathologie der Rechten kann nur eines dieser Ergebnisse erklären. Ein Interessenmodell erklärt beide. Es liegt auch nahe, dass die Reformen selbst zum Nährboden werden. Es geht um Sozialstaatsreformen, deren rasche Umsetzung etwa die Landkreise im Nordosten von der neuen Landesregierung erwarten. Wenn Adorno und Fromm recht haben, dass Statusangst und Abstiegssorge den Boden für autoritäre Reaktionen bereiten, dann wäre das Gegengift der Erreger, und der Kanzler behandelte die Krankheit mit ihrer Ursache. ZDFheute

Bezeichnend ist schließlich der Befund aus Schwerin. Laut NZZ hat gerade eine der prominentesten Kritikerinnen seines Reformkurses die SPD dort bei 36 Prozent gehalten, mehr als zwanzig Punkte über dem Berliner Ergebnis. Die Wähler belohnen offenkundig, wer sich vom Kurs abgrenzt. NZZ

Autoritärer Etatismus: Regieren gegen das Wahlergebnis

Die strukturelle Deutung liefert Nicos Poulantzas in seiner „Staatstheorie“ (1978). Er beschrieb einen „autoritären Etatismus“: In Legitimationskrisen verschiebt sich das Gewicht des Staates zur Exekutive, also zu Regierung und Verwaltung, während Parlamente und Parteien an Bedeutung verlieren und Entscheidungen zunehmend gegen den Ausdruck des Wählerwillens durchgesetzt werden. Der Staat wird in dieser Sicht nicht schwächer, sondern autoritärer, weil er seine Zustimmung nicht mehr über Beteiligung, sondern über Sachzwang und Verwaltung beschafft.

Der Wahlabend fügt sich in dieses Muster. Mit Sachsen-Anhalt vor zwei Wochen, jetzt Mecklenburg-Vorpommern und Berlin liegen bereits mehrere schwere Rückschläge in kurzer Folge hinter der CDU. Die Antwort besteht nicht in einer Korrektur, sondern in der Bekräftigung. Dass darauf mit dem Vokabular der Vergiftung reagiert wird, ist konsequent: Wer den Wählerwillen als Krankheitsbild behandelt, kann ihn ohne schlechtes Gewissen ignorieren. ZDFheute

Die Kunst, den Wähler für krank zu erklären

Man kann diese Logik satirisch zuspitzen, und sie verdient es. Es gehört zu ihr, dass sie sich selbst immunisiert: Jedes Wahlergebnis bestätigt die Diagnose, jeder Widerspruch ist ein weiteres Symptom. Ein Beipackzettel des Präparats „Reformkurs“ liest sich so:

Anwendungsgebiete: Behandlung des als „Vergiftung“ bezeichneten Vertrauensverlusts der Bevölkerung. Nebenwirkungen: Wahlniederlagen (sehr häufig), Verlust der Parlamentspräsenz (in einzelnen Bundesländern), Zulauf zu den politischen Rändern (gelegentlich beobachtet). Hinweis: Bei Auftreten von Nebenwirkungen ist die Dosis zu erhöhen. Bei Verschlechterung des Zustands ist nicht das Präparat, sondern der Patient zu wechseln.

Hinter der Pointe steht ein ernster Punkt. Immanuel Kant nannte Aufklärung den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Die Rede vom vergifteten Wähler stellt ihn wieder in den Zustand der Unmündigkeit zurück, allerdings ohne Selbstverschulden: Er ist ja nur Opfer der Faszination. Wer dem Souverän die Fähigkeit zum Urteil abspricht, betreibt keine Aufklärung, sondern deren Gegenteil.

Schluss: Was von der Autorität bleibt

Autorität lässt sich nicht verordnen. Wo sie fehlt, greift man nach Arendt zu Zwang oder zu Erziehung, und beides ist ein Zeichen ihres Verlusts, nicht ihrer Stärke. Die Kritische Theorie hat außerdem nie behauptet, das Autoritäre lasse sich durch Belehrung bekämpfen. Ihr Gegenmittel wäre materielle Sicherheit, Mündigkeit und reale Beteiligung, also genau das, was ein Reformkurs gegen den erklärten Willen der Wähler schwerlich liefern kann.

Am Anfang stand der Satz vom Gift und vom Gegenmittel. Am Ende bleibt die Frage, wer im Bild des Kanzlers eigentlich der Kranke ist. Wer den Wähler für vergiftet erklärt, hat den Kontakt zum Souverän verloren, und das ist keine Diagnose der Wähler, sondern eine der Regierung.

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Bildquelle: photocosmos1 / shutterstock

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Dirk Ellerbrock, Jahrgang 1946, ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Nach Studien der Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie arbeitete er viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.

Mitte der 1990er wandte er sich mystischen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen-Buddhismus, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Unterweisungen Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung". 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift", das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.

Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock


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