Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
I. Zwei Krisen, eine Aufmerksamkeitsverteilung
Im September 2026 laufen in Brüssel zwei Auseinandersetzungen parallel, die kaum unterschiedlicher sein könnten – und die gerade in dieser Gleichzeitigkeit etwas Wichtiges über den Charakter der Europäischen Union verraten. Die eine dreht sich um die Frage, wie man mit den rund 210 Milliarden Euro russischer Zentralbankreserven verfährt, die seit 2022 in Belgien eingefroren sind. Die andere betrifft die Frage, ob Europa durch den kommenden Winter kommt, ohne dass Industrie und Haushalte unter explodierenden Energiepreisen zusammenbrechen. Die erste Frage beherrscht die Schlagzeilen, Gipfeltreffen, juristische Gutachten. Die zweite wird, wenn überhaupt, in Fachpublikationen der Energiewirtschaft verhandelt, aber kaum als politische Priorität behandelt.
Das ist kein Zufall, und es lässt sich mit einem einfachen psychologischen Mechanismus erklären, auf den der britisch-griechische Analyst Alexander Mercouris wiederholt hingewiesen hat: Wenn ein Problem eine Größenordnung erreicht, die die eigenen Handlungsmöglichkeiten übersteigt, neigen Institutionen – wie Individuen auch – dazu, den Kopf in den Sand zu stecken und sich stattdessen mit lösbaren Nebenschauplätzen zu beschäftigen. Nicht weil diese Nebenschauplätze wichtiger wären, sondern weil sie überhaupt bearbeitbar erscheinen. Genau dieses Muster lässt sich derzeit an der Europäischen Union beobachten, und es fügt sich nahtlos in das Bild, das sich zeichnen lässt, wenn man die EU als das begreift, was sie strukturell ist: ein Zweckbündnis nationaler Kapitalfraktionen, kein Staat mit eigenem Volk und eigener demokratischer Rückbindung.
II. Die Vermögensfrage: Ein Problem, das ins Kartellformat passt
Der Streit um die eingefrorenen russischen Gelder ist, bei aller Schärfe, ein Konflikt, den ein Kartell prinzipiell bearbeiten kann. Es geht um Verhandlungsmasse zwischen Mitgliedstaaten, um juristische Konstruktionen, um die Abwägung von Risiken gegen Nutzen. Belgien, wo der Großteil der Gelder bei der Verwahrstelle Euroclear liegt, blockiert aus nachvollziehbaren Gründen: Eine echte Enteignung staatlicher Vermögenswerte wäre ein Bruch mit dem Völkerrecht, der international als Präzedenzfall gewertet würde – mit der Folge, dass andere Staaten ihre Reserven aus dem Euroraum abziehen könnten. Frankreichs Präsident Macron hat sich öffentlich gegen eine direkte Konfiszierung ausgesprochen, ebenso der belgische Premier Bart De Wever. Selbst EZB-Präsidentin Christine Lagarde soll den Staats- und Regierungschefs geraten haben, das Vorgehen nicht ohne breite internationale Abstimmung zu wagen, aus Sorge um die Stabilität der eigenen Währung.
Diskutiert wird nun eine Zwischenlösung: eine neue, der EU gehörende Verwahrstelle, die Euroclear aus der Haftung nimmt und das politische Risiko auf die Union selbst verlagert. Das ist genau die Art von Problem, für die ein Kartell gebaut ist – ein Interessenausgleich zwischen seinen Mitgliedern, der am Ende in einem Kompromiss mündet, sei er auch juristisch fragwürdig. Es ist lösbar, weil es innerhalb der Logik bleibt, die die EU seit ihrer Gründung beherrscht: Verhandlung zwischen Kapitalfraktionen und Nationalstaaten über die Verteilung von Ressourcen und Risiken.
III. Die Energiefrage: Ein Problem, das die Kartelllogik übersteigt
Ganz anders die Energieversorgung. Die Zahlen, die im September 2026 vorliegen, sind alarmierend, auch wenn sie in der politischen Debatte kaum Resonanz finden. Die europäischen Gasspeicher waren Anfang September nur zu rund 65 Prozent gefüllt – gegenüber einem langjährigen Durchschnitt von 88 Prozent zu dieser Jahreszeit und einem offiziellen EU-Ziel von 90 Prozent. Verantwortlich dafür ist eine Kombination mehrerer Faktoren, die sich gegenseitig verstärken: Der Konflikt am Persischen Golf hat wiederholt zu Unterbrechungen der Flüssigerdgas-Schifffahrt (LNG steht für "liquefied natural gas", also per Schiff transportiertes, verflüssigtes Erdgas) durch die Straße von Hormus geführt. Die weltgrößte Verflüssigungsanlage in Katar, der Komplex von Ras Laffan, ist teilweise außer Betrieb. Rekordhitzewellen und niedrige Wasserstände am Rhein erschweren den Kohletransport. Und aus technischen Gründen – zu warmes Kühlwasser – läuft auch die Kernkraftproduktion gedrosselt.
Die Folgen sind direkt spürbar: Die Gaspreise am europäischen Referenzmarkt TTF (benannt nach dem niederländischen "Title Transfer Facility", dem wichtigsten Handelsplatz für Erdgas in Europa) erreichten im August einen Monatsdurchschnitt von über 60 Euro pro Megawattstunde, mit Spitzen über 70 Euro. Die Stromkosten, die in vielen Ländern noch immer stark an den Gaspreis gekoppelt sind, sind laut Analysen des Thinktanks Ember EU-weit um über 50 Prozent gestiegen. In Italien beeinflusste der Gaspreis in diesem Jahr bereits in 89 Prozent aller Stunden den Strompreis. Energieintensive Branchen, allen voran die Luftfahrt, aber auch die energieintensive Industrie insgesamt, warnen bereits jetzt vor der wirtschaftlichen Tragfähigkeit ihrer Geschäftsmodelle. Fachpublikationen sprechen unverblümt von einem "heißen Winter", der bevorsteht – nicht wegen der Temperaturen, sondern wegen der Versorgungslage.
Das ist keine Randnotiz, sondern der Kern dessen, was über die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit Europas entscheidet. Und es ist genau das Problem, das eine Kartelllogik nicht lösen kann, weil es keine Verhandlungsmasse zwischen Mitgliedstaaten ist, sondern eine strukturelle Systemfrage: Wer soll eine europäische Energieunion aufbauen, die Windkraft aus dem Norden mit Solarenergie aus dem Süden verbindet? Wer soll die milliardenschweren Investitionen in Netze, Speicher und heimische Energiequellen koordinieren, die notwendig wären, um die Abhängigkeit von volatilen Weltmärkten zu verringern? Das würde eine Instanz voraussetzen, die tatsächlich im Interesse der europäischen Bevölkerung handelt und nicht im Interesse der jeweiligen nationalen Kapitalfraktionen, die an kurzfristigen Marktanteilen und nicht an langfristiger Infrastruktur interessiert sind. Genau diese Instanz existiert nicht – und kann in der gegenwärtigen Verfasstheit der EU auch nicht entstehen.
IV. Der Vogel-Strauß-Reflex als Systemlogik
Hier schließt sich der Kreis zur These, mit der dieser Text begonnen hat. Wenn ein Problem die eigene Handlungsfähigkeit strukturell übersteigt, wird es nicht bearbeitet, sondern verdrängt – zugunsten von Fragen, die wenigstens den Anschein von Handlungsfähigkeit erlauben. Die Vermögensfrage ist genau ein solches Ersatzfeld: Sie erzeugt Schlagzeilen, Gipfeltreffen, moralische Empörung gegenüber Russland, und sie endet, wie auch immer sie ausgeht, in einem Kompromiss, den das Kartell mit seinen eigenen Mitteln erzielen kann. Die Energiefrage dagegen würde offenlegen, was in den vorangegangenen Texten bereits als strukturelles Grundproblem der EU beschrieben wurde: eine Union ohne gemeinsame Industriepolitik, ohne gemeinsame Investitionsstrategie, ohne die institutionelle Kapazität, ihre Mitglieder zu einem gemeinsamen, langfristig tragfähigen Projekt zu verpflichten.
Diese Beobachtung lässt sich auch auf die Militarisierungsagenda übertragen, die in den vorangegangenen Texten bereits beschrieben wurde. Auch die Aufrüstung, die neuen Sicherheitsmechanismen, die Zentralisierung sicherheitspolitischer Kompetenzen in Brüssel sind, unter diesem Blickwinkel betrachtet, eine Form des Vogel-Strauß-Verhaltens: Sie erzeugen Aktivität, Zusammenhalt, eine gemeinsame Erzählung – während die eigentliche Systemfrage, die wirtschaftliche und energetische Zukunftsfähigkeit Europas, unbearbeitet bleibt, weil ihre Lösung eine politische und institutionelle Kapazität erfordern würde, die das Kartell nicht besitzt und aus sich selbst heraus auch nicht entwickeln kann.
V. Schluss
Man könnte einwenden, dass die Vermögensfrage immerhin 210 Milliarden Euro betrifft und insofern keine Marginalie ist. Aber genau das ist die Pointe: Auch 210 Milliarden Euro sind, gemessen an der wirtschaftlichen Substanz eines Kontinents mit rund 450 Millionen Einwohnern, eine bearbeitbare, endliche Größe – ein Betrag, über den man verhandeln, den man verteilen, über den man am Ende eine juristische Konstruktion finden kann, mit der alle Beteiligten leben können. Eine strukturelle Energieabhängigkeit, die die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten europäischen Industrie auf Jahre hinaus bedroht, ist das nicht. Sie lässt sich nicht in einem Gipfeltreffen lösen. Sie erfordert genau das, was der EU seit ihrer Gründung als Kartell fehlt: eine Instanz, die im Interesse eines europäischen Gemeinwesens handelt, nicht im Interesse der Kapitalfraktionen, die dieses Kartell tragen. Solange diese Instanz fehlt, wird Brüssel weiter über das streiten, was es beherrschen kann – und das ignorieren, was es beherrschen müsste.
+++
Bildquelle: Andromeda stock / shutterstock
+++
Quellen
- Euronews: "EU-Verwahrstelle für russische Vermögen: Chance auf Ende der Blockade", 5. September 2026. Quelle für: den Stand der Verhandlungen um eine neue, EU-eigene Verwahrstelle für die eingefrorenen russischen Zentralbankreserven, die Positionen Belgiens (Außenminister Maxime Prévot) und der EZB (Christine Lagarde) sowie die Rolle von Euroclear.
- Yahoo Nachrichten/Focus (Cedric Kienhöfer): "Streit über Vermögenswerte – EU will russische Milliarden für Ukraine nutzen – jetzt tritt Macron auf die Bremse". Quelle für: den Vorschlag der EU-Kommission zu einem Reparationskredit, die Positionen von Emmanuel Macron und dem belgischen Premier Bart De Wever sowie die Größenordnung der bei Euroclear verwahrten Gelder (rund 183 von insgesamt rund 300 Milliarden Euro in Europa).
- Berliner Zeitung: "Russland-Enteignung 'absolut illegal': Top-Völkerrechtler rechnet mit EU ab". Quelle für: die völkerrechtliche Einschätzung des Londoner Anwalts Robert Volterra zu den rechtlichen Risiken einer Enteignung sowie die russische Reaktion (Klage vor dem Moskauer Schiedsgericht, Stellungnahme von Maria Sacharowa).
- Tabularasa Magazin (Engelbert Eichholz): "Russisches Vermögen – Recht ist kein Luxus", 20. September 2026. Quelle für: die Gesamtsumme der eingefrorenen russischen Zentralbankreserven (rund 210 Milliarden Euro) sowie die juristische Unterscheidung zwischen Einfrieren und Enteignen.
- energiezukunft.eu: "Europas Energiepreiskrise 2026: Maßnahmen gegen die Preiskrise", 20. April 2026. Quelle für: die Auswirkungen des Nahost-Konflikts auf Öl-, Gas- und Strompreise sowie die Einschätzungen von DIHK, BDEW und Agora Energiewende.
- energiezukunft.eu: "Fossile Falle: Die nächste Energiekrise ist bereits da". Quelle für: den Anstieg der gasbedingten Stromkosten in der EU um über 50 Prozent (Analyse des Thinktanks Ember), die unterschiedliche Preis-Volatilität zwischen Mitgliedstaaten (Beispiel Spanien/Italien) sowie die niedrigen Gasspeicherfüllstände.
- fundresearch.de: "Europas Gasmarkt steht vor einem heißen Winter". Quelle für: den Speicherfüllstand von rund 65 Prozent Anfang September 2026 (gegenüber einem langjährigen Durchschnitt von 88 Prozent), die Ausfälle der Verflüssigungsanlage Ras Laffan in Katar sowie die Einschätzung zur Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie im Vergleich zu den USA.
- photovoltaik.sh: "Verknappung und Preissprünge auf europäischen Gas-, Kohle- und Strommärkten im Spätsommer 2026", 9. September 2026. Quelle für: die TTF-Spotpreise (Monatsdurchschnitt und Spitzenwerte im August 2026), die Störungen der LNG-Schifffahrt in der Straße von Hormus sowie die zusätzlichen Belastungsfaktoren (niedrige Rheinpegel, gedrosselte Kernkraftproduktion).
+++
Dirk Ellerbrock, Jahrgang 1946, ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Nach Studien der Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie arbeitete er viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.
Mitte der 1990er wandte er sich mystischen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen-Buddhismus, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Unterweisungen Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung". 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift", das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.
Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock
+++
Ihnen gefällt unser Programm? Machen wir uns gemeinsam im Rahmen einer "digitalen finanziellen Selbstverteidigung" unabhängig vom Bankensystem und unterstützen Sie uns bitte mit der:
Spenden-Kryptowährung „Nackte Mark“: https://apolut.net/unterstuetzen/#nacktemark
oder mit
Bitcoin: https://apolut.net/unterstuetzen#bitcoin
Informationen zu weiteren Unterstützungsmöglichkeiten finden Sie hier: https://apolut.net/unterstuetzen/
+++
Bitte empfehlen Sie uns weiter und teilen Sie gerne unsere Inhalte in den Sozialen Medien. Sie haben hiermit unser Einverständnis, unsere Beiträge in Ihren eigenen Kanälen auf Social-Media- und Video-Plattformen zu teilen bzw. hochzuladen und zu veröffentlichen.
+++
Abonnieren Sie jetzt den apolut-Newsletter: https://apolut.net/newsletter/
+++
Unterstützung für apolut kann auch als Kleidung getragen werden! Hier der Link zu unserem Fan-Shop: https://harlekinshop.com/pages/apolut