Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
Die Debatte über die Instabilität und potenzielle Labilität der Herrschaft der Al Saud gewinnt vor dem Hintergrund der radikalen Umgestaltung des Königreichs durch Kronprinz Mohammed bin Salman (MBS) sowie aktueller Lageberichte und Narrative – wie sie unter anderem von Analysten wie Pepe Escobar im Rahmen des Formats Transition Protocol diskutiert werden – eine scharfe Dynamik. Um das Ausmaß der derzeitigen Systemkrise realistisch einzuschätzen, müssen die internen Machtstrukturen, das Agieren regionaler Akteure sowie die aktuellen militärischen und geopolitischen Entwicklungen im Zusammenhang betrachtet werden.
I. Innenpolitik: Der Wandel zur vertikalen Autokratie und der interne Machtkampf
Historisch beruhte die Stabilität des saudi-arabischen Staates auf einem ausgeklügelten System der horizontalen Machtteilung unter den Hauptlinien der Al Saud. Entscheidungen wurden im Konsens getroffen, was das System gegen Alleingänge und abrupte Palastrevolutionen absicherte.
Seit der Machtübernahme von Mohammed bin Salman wurde dieses System jedoch durch eine vertikale Autokratie ersetzt. Die daraus resultierenden aktuellen Spannungen prägen die gegenwärtige Führungskrise:
- Der akute Konflikt zwischen MBS und Prinz Khalid: Im Zentrum der aktuellen Analyse steht ein offener oder verdeckter Machtkampf innerhalb des engsten Führungszirkels, insbesondere zwischen Kronprinz MBS und seinem Bruder, Verteidigungsminister Prinz Khalid bin Salman. Wie in Verhandlungskreisen berichtet wird, führt dieser interne Zwist zu einer Blockade diplomatischer Lösungsansätze im Jemen-Konflikt. Während diplomatische Kanäle versuchen, Regelungen zu vermitteln, verhindern das Eitelkeitsbedürfnis, Unfähigkeit und fraktionelle Machtkämpfe zwischen den Prinzen eine geschlossene saudi-arabische Verhandlungslinie.
- Spaltung der Prinzenfamilie und der Stämme: Dieser Machtkampf beschränkt sich nicht auf die beiden Hauptakteure, sondern zieht weitere Prinzenfraktionen und Beduinenstämme mit hinein. Die Risse in den traditionellen Loyalitäten führen dazu, dass Stämme beginnen, sich von der Führung in Riad abzuwenden oder eigenständige Positionen zu beziehen. Dies wird von Beobachtern als möglicher Beginn einer tiefgreifenden Auflösung der saudi-arabischen Machtbasis gewertet.
- Zentralisierung der Sicherheitsorgane: Durch die direkte Unterstellung aller Streitkräfte und Geheimdienste unter die Kontrolle des Kronprinzen und seines engsten Umfelds versucht MBS, das Land gegen einen Umsturz abzusichern. Dennoch bleibt die Spitze isoliert, wenn der gesellschaftliche und familiale Konsens bricht.
II. Die militärische Lage im Jemen: Kessellage und strategische Niederlage
Ein wesentlicher Katalysator für die Krise des Hauses Saud ist die aktuelle militärische Dynamik im Jemen-Krieg:
- Scheitern der inszenierten Erfolge: Nach Berichten aus dem Umfeld der Verhandlungen erweisen sich von Riad und seinen Medien inszenierte Erfolgsmeldungen (wie angebliche Rückeroberungen strategischer Orte wie Bab al-Mandab oder Mocha) als bloße Medien-Inszenierungen. Der massive Einsatz von Kampfflugzeugen und Bodentruppen hat die strategische Lage nicht zugunsten Sauds wenden können.
- Kesselbildung und Vormarsch von Ansar Allah: Auf dem Vormarsch befindliche Kräfte der Ansar Allah (Huthis) haben gegnerische Einheiten und Söldnerverbände in isolierten Kesseln eingeschlossen. Durch taktische Bündnisse mit lokalen Stammesführern rücken sie in Schlüsselregionen wie Taizz und Marib vor – oft mit minimalem Blutvergießen, da die lokale Bevölkerung sie teils als Befreier empfängt.
- Bedrohung der saudischen Kernprovinzen: Der strategische Erfolg von Ansar Allah öffnet die Perspektive, dass die Kampfhandlungen auf die drei südlichen Provinzen (Asir, Jizan und Najran) übergreifen könnten, die historisch umstritten sind und 1934 an Saudi-Arabien fielen. Ein solches Szenario würde die militärische Hilflosigkeit Riads offenlegen und den Zerfall der staatlichen Autorität an den Rändern beschleunigen.
III. Geopolitische Bündnisse und finanzielle Eskalationsstufen
Die äußere Verwundbarkeit des Königreichs wird durch die Rolle regionaler Großmächte und internationale Währungsentscheidungen weiter verschärft:
- Die Rolle Pakistans zwischen Schutzabkommen und Verweigerung: Pakistan ist durch bilateralen Verteidigungsabkommen und das Maka-Abkommen verpflichtet, das saudi-arabische Territorium zu schützen. Vor dem Hintergrund eigener wirtschaftlicher Zwänge (wie dem angestrebten Ausstieg aus IWF-Vorgaben) hat Pakistan zwar Truppen in die südlichen Grenzregionen entsandt. Allerdings betont die Führung in Islamabad (sowohl der Geheimdienst als auch das Außenministerium), dass diese Truppen rein defensiv agieren und sich keinesfalls an offensiven Aktionen gegen Ansar Allah beteiligen werden. Pakistan übernimmt stattdessen zusammen mit dem Iran eine aktive Vermittlerrolle, stößt dabei aber auf die genannte sture Haltung innerhalb der saudischen Königsfamilie.
- Irans geopolitischer Schachzug an der Straße von Hormus: Parallel dazu hat der Oberste Nationale Sicherheitsrat des Iran Entscheidungen von hoher Tragweite getroffen: Zur Stützung der eigenen Währung verlangt Teheran für die Passage der Straße von Hormus künftig Zahlungen ausschließlich in iranischem Rial (abgewickelt über das chinesische CIPS-System). Gleichzeitig wurden amerikanische Kompromissangebote kategorisch abgelehnt, was den diplomatischen Kanal vorübergehend totlegt und die geopolitische Eskalationsspirale am Golf weiter anheizt.
IV. Gesellschaft und Ökonomie: Erosion des Rentenstaates
Unterhalb der militärischen und diplomatischen Krise schwelt der ökonomische Wandel:
- Aufkündigung des Verteilungsstaates: Im Rahmen der Vision 2030 führt MBS Steuern und Abgaben ein und kürzt Subventionen. Damit bricht das Versprechen des Wohlstands im Gegenzug für politische Passivität.
- Entmachtung des Klerus: Der Bruch mit dem konservativen wahhabitischen Klerus und die Durchsetzung gesellschaftlicher Liberalisierungen bedienen zwar die städtische Jugend, verprellen jedoch die konservative Stammesschicht und religiöse Kreise im Landesinneren.
Fazit
Die von Pepe Escobar und regionalen Insidern skizzierte Lage zeichnet das Bild eines Regimes, das an mehreren Fronten gleichzeitig unter extremen Druck gerät: Während das Haus Saud im Jemen vor einer schweren strategischen Niederlage steht und die Ränge der verbündeten Stämme bröckeln, blockieren interne Machtkämpfe zwischen MBS und Prinz Khalid jegliche pragmatische Diplomatie. Bündnispartner wie Pakistan verweigern die offensive Gefolgschaft, und der Iran erhöht über wirtschaftliche und maritime Stellschrauben den Druck.
Die Stabilität der Saud-Herrschaft erweist sich damit nicht nur als theoretisch gefährdet, sondern befindet sich in einer akuten Bewährungsprobe, in der die militärischen und internen Schwachstellen der vertikalen Autokratie offen zutage treten.
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Bildquelle: Mijansk786 / shutterstock
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Quellenanhang
I. Innenpolitik
Konflikt zwischen MBS und Prinz Khalid.
- Ein Beitrag auf munaeem.org vom 27.09.2026 geht der Geschichte nach. Sie kursiert in saudischen Oppositionskanälen. Der Autor schreibt ausdrücklich, er könne die behauptete Konfrontation nicht verifizieren. Url: https://munaeem.org/2026/09/27/saudi-houthi-war-mbs-khalid-bin-salman-rift/ munaeem
- Als Gegenbild ist Khalid bin Salman im August als Verteidigungsminister von Trump empfangen worden (Axios, 01.08.2026). Url: https://www.axios.com/2026/08/01/saudi-crown-prince-trump-iran-attacks Axios
Spaltung der Stämme. Die Substack-Analyse „The End of the Saudi Crown Prince MBS" (Asiatic Global Order) behauptet, Stämme hätten die Forderungen des Palasts zurückgewiesen und den Huthis den Weg geöffnet. Url: https://www.asiaticglobalorder.com/p/the-end-of-the-saudi-crown-prince asiaticglobalorder
II. Jemen
Huthi-Offensive und Bab al-Mandab.
- Url: https://www.aljazeera.com/news/2026/10/5/yemen-forces-claim-to-seize-dhubab-sites-near-bab-al-mandeb-from-houthis Al Jazeera
- Axios berichtet vom 11.09.2026, MBS habe Trump zweimal angerufen und Schläge gegen die Huthis verlangt. Url: https://www.axios.com/2026/09/11/houthis-yemen-saudi-trump-mbs-strikes Axios
- Transition Protocol behandelt das in den Folgen vom 14.09. und 16.09.2026. Urls: https://transitionprotocol.substack.com/p/pepe-escobarmbs-called-trump-twice und https://transitionprotocol.substack.com/p/pepe-escobarsaudi-arabia-is-boxed
Taizz und Marib. Laut Reuters (über Tribune) haben die Huthis um Taizz weiter Boden gewonnen, während Regierungstruppen an der Küste vorrückten. Url: https://tribune.com.pk/story/2633194/houthis-pushed-back-from-bab-el-mandeb.
Übergreifen auf Asir, Jizan und Najran. Zum aktuellen Geschehen meldet Al Jazeera Angriffe auf südliche saudische Flughäfen. Al Jazeera
III. Bündnisse und Finanzen
Pakistan.
- Das Abkommen heißt in den Quellen Mecca (oder Makkah) Joint Defence Agreement. Es wurde am 7. August 2026 zwischen Pakistan, Saudi-Arabien und der Türkei in Kraft gesetzt. Es baut auf dem bilateralen Abkommen vom 17. September 2025 auf. Url: https://en.wikipedia.org/wiki/Mecca_Joint_Defence_Agreement Wikipedia
- Zur Verweigerung der Offensivbeteiligung: Transition Protocol beruft sich auf Quellen in Islamabad und weist selbst darauf hin, dass dies nicht unabhängig bestätigt ist (Folge vom 29.09.2026). Url: https://transitionprotocol.substack.com/p/exclusive-pepe-mbs-wanted-pakistans Substack
- Die rein defensive Rolle bestätigt die pakistanische Armee öffentlich. Laut CNN bestätigte sie, dass Truppen in Saudi-Arabien stehen, äußerte sich aber nicht zu Einsätzen jenseits der Grenze. Url: https://www.cnn.com/2026/10/07/middleeast/houthis-attack-saudi-airports-latam-intl CNN
Iran, Rial und CIPS.
- Die Quelle ist die Folge „The Talks Continue. The Bargaining Has Stopped." vom 06.10.2026. Dort heißt es, nach eigener Berichterstattung habe der Oberste Nationale Sicherheitsrat entschieden, nur noch Rial zu akzeptieren und die Abwicklung auf das chinesische CIPS zu verlagern. CIPS ist das Cross-Border Interbank Payment System, Chinas Zahlungsverkehrssystem für Auslandsüberweisungen. Das ist also eigene Recherche der Sendung und keine amtliche Mitteilung. Url: https://transitionprotocol.substack.com/p/the-talks-continue-the-bargaining Substack
- Zum Hintergrund: Die Durchfahrtsgebühren gehen auf die im Mai 2026 geschaffene Persian Gulf Strait Authority zurück, die Gebühren von bis zu 2 Millionen Dollar pro Passage erhebt, teils in Yuan. Url: https://migflug.com/jetflights/iran-strait-hormuz-navigational-fees-may-2026/ migflug
IV. Gesellschaft und Ökonomie
- Saudi-Arabien verbuchte im ersten Quartal ein Haushaltsdefizit von 125,7 Milliarden Riyal bei geschlossener Straße von Hormus (Al Jazeera, 06.05.2026). Url: https://aljazeera.com/economy/2026/5/6/saudi-arabia-posts-33-5bn-budget-deficit-amid-drop-in-oil-sales Al Jazeera
- Zur Steuer- und Subventionspolitik: Ein Analyst erklärt, Subventionsreformen blieben politisch heikel, weshalb die Regierung auf indirekte Steuern, vor allem die Mehrwertsteuer, setze. Url: https://www.alhurra.com/saudi-arabia alhurra
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Dirk Ellerbrock, Jg. 1946, Dipl.-Sozialwissenschaftler, studierte Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie, arbeitete viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.
Mitte der 1990er wandte er sich spirituellen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Seminare Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung" (ISBN 978-3-8391-4517-3). 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift", das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.
Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock
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