Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
Vor wenigen Tagen wurde in dem Artikel „Die Erweiterung, die keine ist – Wie die EU ihre Rentabilitätskrise exportiert" beschrieben, wie die EU ihre Erweiterung mit Ländern wie Moldau, Serbien und Armenien beschleunigt vorantreibt. Der Artikel argumentierte, dass es dabei nicht um Werte, sondern um Bilanzverlängerung geht: Eliten werden gekauft, Kredite gegen Privatisierung vergeben, Rohstoffe gebunden.
Nun hat der Finanzexperte Alex Krainer in einem Interview mit Glenn Diesen dargelegt, warum die EU überhaupt neue Vermögenswerte braucht – und was die Folgen dieser Politik sein werden. Krainer, ehemaliger Hedgefonds-Manager und Autor, liefert die finanzielle Tiefenstruktur, die im ersten Artikel nur angedeutet werden konnte. Seine zentrale These: Der Westen verliert die Kontrolle über seine kolonialen Vermögenswerte, die alten Zahlungsströme versiegen – und die EU-Erweiterung ist der Versuch, dieses Loch mit neuen Peripherien zu stopfen.
Sein Ausgangspunkt ist der Markt für zehnjährige US-Staatsanleihen – mit großem Abstand der größte und wichtigste Markt der Welt, weil dort der Preis des Geldes bestimmt wird. Und dieser Markt sendet seit Jahren Warnsignale. Im Jahr 2021, als die Vereinigten Staaten sich aus Afghanistan zurückzogen, brach der Anleihemarkt fast unmittelbar danach ein. Die Preise fielen, die Zinsen begannen dauerhaft zu steigen. In den folgenden zwei Jahren erlebte die Welt den größten Bärenmarkt für Anleihen seit Beginn der Aufzeichnungen – und diese Aufzeichnungen reichen 240 Jahre zurück. Krainer zufolge ist das kein Zufall.
Der koloniale Ausfall
Der westliche Wohlstand basierte jahrzehntelang auf einem einfachen Mechanismus: Westliche Finanzinstitute vergaben Kredite an Länder wie Saudi-Arabien, Katar oder die Ukraine, damit diese ihre Ressourcen erschließen konnten. Wenn diese Länder dann Öl, Gas oder Getreide exportierten, nutzten sie die daraus entstehenden Zahlungsströme, um die Kredite zurückzuzahlen. Diese Zahlungsströme wurden in Finanzinstrumente verpackt, verbrieft und weiterverkauft. Das ganze System beruhte auf der Annahme, dass die Peripherie stabil bleibt und liefert.
Doch diese Annahme bröckelt. Krainer nennt es den „kolonialen Ausfall": Die westlichen Mächte verlieren die Kontrolle über ihre Einflusszonen. Die Geldströme, die früher aus der Ukraine, dem Nahen Osten oder Afrika in die westlichen Finanzzentren flossen, versiegen. Und viele Finanzinstrumente basierten genau auf diesen Zahlungsströmen. „Das würde diese Finanzinstrumente im Grunde wertlos machen", sagt Krainer. „Faule Kredite oder zumindest sehr, sehr stark beeinträchtigte Vermögenswerte."
Das Hebelproblem
Das Problem: Die Banken sind extrem hochverschuldet. Sie haben vielleicht fünf Prozent oder weniger Eigenkapital in ihren Bilanzen, das Verluste auffangen kann. Wenn fünf Prozent ihrer Anleihestände ausfallen, könnten sie vollständig zahlungsunfähig sein. In einer echten Marktwirtschaft würden diese Banken pleitegehen. Doch in der westlichen Welt sehen wir keine Bankenanstürme mehr. Der Grund, so Krainer, ist die vollständige Kontrolle der Bankenoligarchien über die Wirtschaftssysteme. Seit der Finanzkrise 2008, als Hank Paulson noch auf Knien um 700 Milliarden Dollar Rettung bitten musste, haben sich die Spielregeln geändert. Die Zentralbanken können heute so viel Geld drucken, wie sie wollen – ohne Parlament, ohne Genehmigung.
„Sie geben Geld aus, um all diese schlechten Schulden abzusichern", erklärt Krainer. „Das bedeutet, dass sie die Kaufkraft der im Umlauf befindlichen Währung schrittweise verwässern." Die Folge: Inflation, Kaufkraftverlust, Enteignung der Sparer. „Statt dass die Banken scheitern, werden sie dafür sorgen, dass die gesamte Bevölkerung ihr Vermögen und ihre Ersparnisse verliert."
Und hier schließt sich der Kreis zur EU-Erweiterung. Denn wenn die alten Sicherheiten nicht mehr tragen, braucht das System neue. Krainer beschreibt, wie die Vereinigten Staaten bereits venezolanisches Öl und Gold als Sicherheit nutzen, wie kanadische Ölreserven in die Bilanzen der Wall Street wandern, wie Grönland in den Fokus rückt. Doch die Europäer haben diese Möglichkeiten nicht. Sie können nicht einfach Länder militärisch in ihr System zwingen. Also brauchen sie ein anderes Instrument: die EU-Erweiterung.
Wie genau dieses Instrument auf der Ebene der Eliten funktioniert – Kredite gegen Privatisierung, Elitenkauf über laxe britische Finanzgesetze, visafreie Reisefreiheit als Lockmittel für die Bevölkerung – wurde im ersten Artikel anhand von Patrik Baabs Recherche beschrieben. Krainer liefert dazu die Systemebene: warum das Kapital diese neuen Sicherheiten überhaupt braucht.
Doch warum jetzt? Krainers Antwort führt in die Struktur des westlichen Kapitals selbst. In allen EU-Ländern wie auch in den USA ist das Verhältnis von investiertem Kapital zu erzieltem Gewinn seit Jahrzehnten rückläufig. Die Fertigung wirft nicht mehr ab, was Investoren erwarten. Das war der eigentliche Grund für die Liberalisierung der Finanzmärkte unter Thatcher und Reagan: Wo die Produktion nicht mehr genug abwarf, sollten die Finanzmärkte selbst zur Profitquelle werden. Nach der Finanzkrise und schärferer Bankenregulierung verlagerte sich ein Großteil dieser Geschäfte ins unregulierte Schattenbankensystem, wo mit Optionsscheinen und strukturierten Wertpapieren gehebelt wird.
Das Volumen dieser Hebelgeschäfte ist gewaltig: Laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) belief sich der Nominalwert ausstehender OTC-Derivate Mitte 2025 auf 846 Billionen US-Dollar – das gut Siebenfache der gesamten globalen Wirtschaftsleistung von rund 115 Billionen US-Dollar. Und selbst dieser Wert ist noch konservativ gerechnet: Der tatsächliche Marktwert dieser Kontrakte macht nur rund zweieinhalb Prozent ihres Nominalwerts aus – der Rest ist reine Wette, papierne Hebelwirkung ohne reale Deckung. Das ist, als würde man eine Versicherung auf ein Haus abschließen, das man nicht besitzt – und dann weitere Versicherungen auf diese Versicherung.
Genau darin liegt der Zwang: Für derart gehebelte Positionen braucht es fortlaufend neue Sicherheiten. Länder müssen erschlossen, ihre Staatsvermögen privatisiert, ihre Rohstoffe – Kohle, Stahl, Erz, Öl, Lithium – an westliche Energiekonzerne vertraglich gebunden werden, um als Deckung für die nächste Runde Finanzgeschäfte zu dienen. Wenn die alten Sicherheiten nicht mehr tragen, wird ein neuer Krieg gebraucht, um die alten Investitionen auf andere Weise rentabel zu machen.
Die Ukraine-Falle
Hier liegt der Schlüssel zur Ukraine-Falle. Krainer zufolge geht es bei den eingefrorenen russischen Vermögenswerten um einen Betrag zwischen 200 und 300 Milliarden Euro. Ein Teil dieses Geldes wurde bereits verschwendet und ausgegeben. Aber sie können immer so tun, als wäre es noch da und es als Sicherheit verwenden. Doch es ist eine begrenzte Summe, und das politische Establishment, die Banken und die Unternehmen verbrauchen sie sehr schnell. Wenn sie die Ukraine verlieren – und Krainer zufolge haben sie sie größtenteils bereits verloren – dann versiegen die Geldströme, die europäische Finanzinstitutionen aus der Ukraine erwartet hatten. Die Europäische Zentralbank und die Zentralbanken einzelner Länder werden einfach die nötige Liquidität aus dem Nichts schaffen müssen, um das System über Wasser zu halten. Das führt zur Entwertung des Euro, zu Inflation und letztlich zu Hyperinflation. „Wenn man die Währung zerstört, zerstört man die Gesellschaft", sagt Krainer.
Deshalb, so seine Prognose, werden EU und NATO zusammenbrechen. Wie die einzelnen Länder Europas dann weitermachen, ist eine offene Frage. Krainer erwartet „sehr, sehr harte Kämpfe um die politische Zukunft Europas" – und fürchtet, dass dazu auch viel Terrorismus und viele Attentate gehören werden. Er erinnert an die 1970er und 1980er Jahre, als die NATO die Operation Gladio durchführte, an die Entführung des italienischen Ministerpräsidenten Aldo Moro, an die Terroranschläge in Belgien, Deutschland und Italien. Und er erinnert an die Ermordung des Deutsche-Bank-Chefs Alfred Herrhausen, der kurz vor dem Fall der Berliner Mauer ein Abkommen mit Russland empfahl: deutsche Technologie und Industrie, russische Rohstoffe, zum gegenseitigen Vorteil. Wie Krainer es liest, wurde er wegen dieser Ideen ermordet. „Stattdessen haben wir die NATO erweitert und Bedingungen für den Krieg geschaffen, an dessen Rand wir jetzt stehen."
Doch Krainer belässt es nicht bei der düsteren Prognose. Er hält dem eine Alternative entgegen: das „nationale System der politischen Ökonomie", das auf Ökonomen wie Friedrich List, Alexander Hamilton und Henry Carey zurückgeht – das Modell, das die Vereinigten Staaten von einem Flickenteppich britischer Kolonien zur Supermacht machte, und das heute China vormacht, wenn es innerhalb von 18 Jahren 50.000 Kilometer funktionierendes Hochgeschwindigkeitsschienennetz baut, während die USA nach Jahrzehnten der Debatte auf 120 nicht betriebsbereite Meilen kommen. Statt am Wettlauf nach unten teilzunehmen, investiert eine Nation, die diesem Modell folgt, ihre Produktivität zurück in Gesundheitsversorgung, Bildung und Infrastruktur. Krainer sieht den Westen an diesem Wendepunkt: „Ich denke, das ist ein großartiger Ort, der Ort maximaler Gefahr, aber auch maximaler Chancen." Seine Hoffnung ist, dass das Kartenhaus der Bankenoligarchien zusammenbricht und Raum entsteht, den Menschen von unten nutzen können, um eine andere Zukunft aufzubauen.
Ob die EU-Erweiterung 2026 tatsächlich der letzte Versuch ist, das sinkende System mit neuen Peripherien zu stabilisieren, wird sich zeigen. Krainers Analyse legt nahe, dass es genau das ist – und dass die Ukraine-Falle dabei der Beschleuniger war. Die neuen Zielgebiete Westbalkan, Armenien und Moldau sind keine Wertegemeinschaft. Sie sind die nächste Runde im Spiel um Sicherheiten. Und wenn die alten Sicherheiten nicht mehr tragen, braucht es einen neuen Krieg, um die alten Investitionen auf andere Weise rentabel zu machen. Serbien könnte der nächste sein.
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Bildquelle: Vitalii Vodolazskyi / shutterstock
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Quellen
- Alex Krainer im Interview mit Glenn Diesen (YouTube, 23. September 2026): Grundlage für alle Krainer-Zitate und -Analysen in diesem Artikel – Anleihemarkt, kolonialer Ausfall, Bankenoligarchie, Ukraine-Falle, EU-/NATO-Prognose, China-Vergleich, nationales System.
→ https://youtubetotranscript.com/transcript?v=5MuLVoshN8s - Eigener Artikel: „Die Erweiterung, die keine ist – Wie die EU ihre Rentabilitätskrise exportiert" → https://substack.com/home/post/p-217030428
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Dirk Ellerbrock, Jahrgang 1946, ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Nach Studien der Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie arbeitete er viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.
Mitte der 1990er wandte er sich mystischen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen-Buddhismus, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Unterweisungen Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung" (ISBN 978-3-8391-4517-3). 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift", das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.
Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock
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