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Fehlende Demut westlicher „Spitzenpolitiker“ | Von Uwe Froschauer

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Fehlende Demut westlicher „Spitzenpolitiker“

Ein Standpunkt von Uwe Froschauer.

Im Kern beschreibt Demut eine realistische Selbsteinschätzung. Der demütige Mensch erkennt seine Fähigkeiten ebenso wie seine Grenzen an, ohne sich über andere zu erheben oder sich selbst geringzuschätzen. Demut ist damit das Gegenstück zum Hochmut, der zu Verblendung, Konflikten und Leid führen kann. Demut bedeutet, das eigene Ego nicht zum Mittelpunkt der Welt zu machen, sondern sich als Teil eines größeren Zusammenhangs zu begreifen.

Demut verbindet Klarheit mit Mitgefühl, Wahrheit mit Offenheit und Selbstbewusstsein mit Begrenztheit. In einer Zeit, die stark von Selbstinszenierung, Konkurrenz und permanenter Bewertung geprägt ist, gewinnt Demut eine neue Aktualität.

Politische Sprache im Licht philosophischer Demut

Demut gehört zu jenen Tugenden, die politisch selten eingefordert werden, philosophisch jedoch als Voraussetzung verantwortlichen Handelns gelten. Sie ist keine Geste der Schwäche, sondern Ausdruck realistischer Selbsterkenntnis. Aristoteles beschrieb Tugend als die Fähigkeit, Maß zu halten – als Mitte zwischen Mangel und Übermaß. Hochmut (Hybris) war für ihn kein Zeichen von Größe, sondern von Maßlosigkeit: das Überschreiten der eigenen Rolle, das Vergessen der eigenen Begrenztheit. Betrachtet man die politische Sprache der Gegenwart, ist festzustellen, dass dieses Maß zunehmend verloren geht.

Selbstgewissheit statt Maß: Emmanuel Macron

Als Emmanuel Macron 2017 erklärte, man müsse „nur über die Straße gehen, um einen Job zu finden“, war die Empörung groß. Philosophisch betrachtet liegt das Problem dieser Aussage weniger in ihrer Provokation als in ihrem impliziten Menschenbild: Der Einzelne erscheint als autonomes, rational handelndes Subjekt, das lediglich Willen zeigen muss, um erfolgreich zu sein. Slogans wie „Just do it“ des Sportartikelherstellers Nike weisen in die gleiche Richtung. Aristoteles hätte darin eine Verkennung der Umstände gesehen – jener sozialen, ökonomischen und biografischen Bedingungen, ohne deren Berücksichtigung moralische Urteile leer bleiben.

Später, als Macron betonte, Europa dürfe „nicht schwach oder defätistisch“ sein, verschob sich der Ton von sozialer Vereinfachung zu geopolitischer Selbstvergewisserung. Stärke wurde zur moralischen Kategorie erhoben. Doch Stärke ohne Selbstzweifel ist philosophisch prekär. Sie kippt leicht in das, was Augustinus als “Superbia” bezeichnete: jene innere Haltung, in der der Mensch sich selbst zum Maßstab erhebt und vergisst, dass sein Wissen immer fragmentarisch bleibt.

Macrons politische Sprache offenbart ein erhebliches Maß an vermeintlicher Selbstgewissheit. Im Frühjahr 2024 erklärte der französische Präsident:

„Heute müssen wir, um Frieden in der Ukraine zu haben, nicht schwach sein.“

Wenig später schloss er sogar die Entsendung europäischer Bodentruppen in die Ukraine nicht aus und betonte, Russland habe kein Mitspracherecht, falls die Ukraine solche Truppen anfordere.

Diese Aussagen demonstrieren Entschlossenheit, sie lassen jedoch kaum Raum für eine Tugend, die in der Politik unverzichtbar ist: Demut. Denn Demut bedeutet unter anderem, die Grenzen des eigenen Wissens und der eigenen Einflussmöglichkeiten anzuerkennen. Wer über einen Krieg spricht, in dem sich zwei Atommächte indirekt gegenüberstehen, sollte sich der Unwägbarkeiten bewusst sein und mit größter Vorsicht formulieren.

Macron hingegen spricht häufig in Kategorien von Stärke und Schwäche, als gäbe es nur einen richtigen Weg und als seien die Folgen des eigenen Handelns bereits absehbar. Wer aber glaubt, die Geschichte zu kennen, bevor sie geschrieben ist, überschätzt sich selbst. Darin besteht die Gefahr des Hochmuts, dem europäische Kriegstreiber unterliegen.

Besonders deutlich wird diese Haltung in Macrons Aussage:

„Nichts wird uns von der Ukraine abbringen.“

Der Satz klingt entschlossen und heroisch. Er vermittelt aber auch den Eindruck einer Politik, die kaum noch Zweifel zulässt und die Möglichkeit ausblendet, dass sich Rahmenbedingungen ändern oder frühere Einschätzungen falsch gewesen sein könnten.

Die Geschichte lehrt jedoch: Jene Politiker, die mit größter Gewissheit auftreten, unterschätzen nicht selten die Grenzen ihrer Erkenntnis. Demut bedeutet nicht Untätigkeit oder Schwäche. Demut bedeutet, sich bewusst zu sein, dass Macht niemals Allwissenheit verleiht und dass politische Entscheidungen stets unter Bedingungen der Unsicherheit getroffen werden. Wer diese Unsicherheit nicht mehr anerkennt, verlässt den Boden der Demut und betritt das gefährliche Terrain der Hybris.

Historische Mission statt demütiger Selbstbegrenzung: Keir Starmer

Auch der britische Premierminister Keir Starmer bedient sich einer Sprache, der es an philosophischer Demut mangelt. Im Zusammenhang mit dem Ukrainekrieg erklärte er, Europa befinde sich an einem „Scheideweg der Geschichte“ und müsse entschlossen handeln. Gemeinsam mit Emmanuel Macron rief er eine „Koalition der Willigen“ ins Leben und erklärte, Großbritannien sei sogar bereit, „Boots on the ground“, also Soldaten, zur Absicherung eines Friedensabkommens in die Ukraine zu entsenden. Zudem betonte er mehrfach, man dürfe bei der Unterstützung der Ukraine „den Ball nicht aus den Augen verlieren“ und es dürfe „kein Nachlassen“ geben.

Solche Aussagen mögen Führungsstärke demonstrieren. Sie vermitteln aber zugleich den Eindruck einer Politik, die sich ihrer moralischen und historischen Rolle außerordentlich sicher ist. Wer von einem „Scheideweg der Geschichte“ spricht, erhebt die eigene Position zu einer historischen Notwendigkeit. Wer sich als Anführer einer „Koalition der Willigen“ präsentiert, suggeriert zugleich, dass die anderen entweder unwillig oder ihrer Verantwortung nicht gerecht würden.

Hierin zeigt sich der Gegensatz zur Demut. Der demütige Politiker weiß, dass Geschichte selten geradlinig verläuft, dass geopolitische Konflikte unvorhersehbar sind und dass politische Entscheidungen unter Bedingungen radikaler Unsicherheit getroffen werden. Der Hochmütige hingegen spricht, als hätte er die Zukunft bereits verstanden.

Das alte Sprichwort „Hochmut kommt vor dem Fall“ bringt diese Gefahr treffend auf den Punkt – die politische Position Keir Starmers wackelt erheblich.
Politische Macht und moralische Gewissheit sind keine Garantie für historische Richtigkeit. Die Geschichte ist voller Staatsmänner, die überzeugt waren, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen – und deren Gewissheiten später in sich zusammenfielen.

Starmer spricht häufig mit dem Vokabular der Entschlossenheit, der Führung und der historischen Verantwortung. Was man hingegen kaum hört, ist das Eingeständnis der eigenen Begrenztheit: die Möglichkeit, dass auch die eigene Analyse unvollständig sein könnte, dass andere Perspektiven berechtigt sein könnten oder dass politische Entwicklungen einen ganz anderen Verlauf nehmen könnten als geplant.

Demut fragt: „Was übersehe ich?“ Hochmut hingegen erklärt: „Ich weiß, was getan werden muss.“ Zwischen diesen beiden Haltungen liegt oft nur ein schmaler Grat – aber auf ihm entscheidet sich nicht selten das Schicksal ganzer Nationen.

Die radikale Selbstabsolutierung: Donald Trump

Bei Donald Trump tritt diese Superbia offener zutage als bei den meisten anderen westlichen Politikern.

„Ich allein kann das Problem lösen“,

erklärte er bereits 2016. Der Satz war nicht bloß Wahlkampfrhetorik, sondern Ausdruck eines Politikverständnisses, in dem die eigene Person zum entscheidenden Maßstab erhoben wird. Augustinus bezeichnete diese Einstellung als die Ursünde des Hochmuts: der Glaube, sich selbst genug zu sein und keiner Korrektur zu bedürfen.

Auch in seiner zweiten Amtszeit zeigt Trump immer wieder dieses Muster. Im Zusammenhang mit dem jüngsten Krieg zwischen Israel und Iran stellte er sich als entscheidenden Friedensstifter dar und vermittelte den Eindruck, der Waffenstillstand sei in erster Linie seiner persönlichen Entschlossenheit und Verhandlungskunst zu verdanken. Politische Führer wie Trump können bisweilen auf diplomatische Erfolge verweisen. Problematisch wird es jedoch, wenn komplexe geopolitische Entwicklungen auf die eigene Person reduziert und als Beleg der eigenen Unfehlbarkeit präsentiert werden.

Die Kriegsbeteiligung gegen den Iran war das größte außenpolitische Eigentor der USA seit Jahrzehnten. Um diesen Lapsus als Erfolg zu verkaufen, bedarf es einer großen Portion Hybris.

Trump spricht häufig nicht wie ein Staatsmann unter vielen, sondern wie ein Regisseur der Weltpolitik. Konflikte erscheinen in seiner Rhetorik oft als Probleme, die lediglich auf den richtigen Mann warten – nämlich auf ihn. Wo Demut die Grenzen des Einzelnen anerkennt, kultiviert Trump das Bild des unersetzbaren Führers.

Seine Äußerungen zum Ukrainekrieg folgen diesem Muster. Wiederholt erklärte er, den Krieg innerhalb kürzester Zeit beenden zu können oder nur er verfüge über die notwendige Autorität, die Konfliktparteien an den Verhandlungstisch zu bringen. Ob dies gelingt oder nicht, ist dabei fast zweitrangig. Philosophisch bedeutsam ist die dahinterliegende Haltung:

die Überzeugung, komplexe historische und geopolitische Prozesse seien letztlich eine Frage der eigenen Persönlichkeit.

Immanuel Kant hätte hierin eine gefährliche Verwechslung von Macht und Vernunft gesehen. Kein Mensch, kein Präsident und keine Regierung verfügt über vollständige Einsicht in die Folgen des eigenen Handelns. Wer dennoch den Eindruck erweckt, er könne Kriege nach Belieben beenden, Bündnisse nach seinem Willen formen oder die internationale Ordnung durch persönliche Entschlossenheit neu gestalten, überschreitet die Grenze zwischen Selbstvertrauen und Selbstüberhöhung.

Der Hochmütige sagt: „Vertraut mir, ich habe die Lösung.“ Der demütige Staatsmann sagt: „Ich werde mein Bestes tun, aber die Wirklichkeit ist größer als ich.“ Donald Trump ist das Gegenteil eines demütigen Staatsmannes. Kein Mensch darf sich anmaßen, den allgemeinen Willen vollständig zu verkörpern. Wer sich selbst zur letzten Instanz erklärt, handelt nicht autonom, sondern despotisch – auch dann, wenn er demokratisch gewählt wurde.

Macht ohne Selbstrelativierung: Ursula von der Leyen

Auch subtilere Formen der Überheblichkeit verdienen philosophische Aufmerksamkeit. Wenn Ursula von der Leyen sagt:

„Wer einen von uns angreift, greift uns alle an“,

ist dies zunächst ein Ausdruck kollektiver Solidarität. Doch zugleich verschiebt sich die Sprache vom Abwägen zur moralischen Eindeutigkeit. Die eigene Position erscheint nicht mehr als eine politische Sichtweise unter mehreren, sondern als die einzig legitime und moralisch überlegene Haltung.

Besonders deutlich wurde dies im Ukrainekrieg. Von der Leyen erklärte wiederholt, die Ukraine kämpfe „für unsere Werte“, „für Europa“ und letztlich „für unsere Freiheit“. Solche Formulierungen erzeugen eine moralische Geschlossenheit, in der Zweifel, Gegenargumente oder abweichende Einschätzungen den Anschein bekommen, nicht nur politisch falsch, sondern moralisch fragwürdig zu sein.

Hinzu kommt bei Ursula von der Leyen eine scheinbare Gewissheit über den Verlauf der Geschichte. Bereits kurz nach Kriegsbeginn verkündete von der Leyen, Russland werde wirtschaftlich, finanziell und technologisch scheitern, während die Ukraine den Krieg gewinnen werde. Die Zukunft wurde nicht als offene Möglichkeit beschrieben, sondern als feststehende Tatsache. Demut beginnt dort, wo Menschen anerkennen, dass Geschichte selten nach Plan verläuft und politische Prognosen oft an der Wirklichkeit scheitern.

Eine ähnliche Haltung zeigte sich auch gegenüber politischen Entwicklungen innerhalb der Europäischen Union. Wiederholt ließ von der Leyen erkennen, dass Regierungen, die vom politischen Mainstream in Brüssel abweichen, als Problem für die europäische Gemeinschaft betrachtet werden. Ihre Äußerungen über mögliche Konsequenzen für Mitgliedstaaten, die aus Sicht der EU-Kommission rechtsstaatliche oder politische Vorgaben verletzen, sind in meinen Augen überheblich. Es schwingt bisweilen ein paternalistischer Ton mit:

Brüssel als Hüter der richtigen Werte, die Mitgliedstaaten als Schüler, die gegebenenfalls korrigiert werden müssen.

Philosophisch betrachtet ist dies problematisch. Kant hätte hierin die Gefahr erkannt, politische Überzeugungen mit moralischer Unfehlbarkeit zu verwechseln. Wer glaubt, im Besitz der einzig richtigen Werte und der einzig richtigen historischen Richtung zu sein, verliert die Fähigkeit zur Selbstkritik. Demut hingegen bedeutet, auch die eigene Position der Prüfung auszusetzen und anzuerkennen, dass politisches Verständnis nicht allwissend ist.

Die Europäische Union versteht sich als Wertegemeinschaft, die meines Erachtens aber stark bröckelt. Eine Wertegemeinschaft sollte sich davor hüten, ihre eigenen Überzeugungen mit geschichtlicher Unfehlbarkeit zu verwechseln. Wo die eigene Sichtweise zur einzig moralischen Wahrheit erhoben wird, beginnt der schmale Grat zwischen legitimer Überzeugung und politischem Hochmut.

Rhetorische Überlegenheit im nationalen Diskurs: Friedrich Merz

Wenn Friedrich Merz über politische Gegner wie Olaf Scholz sagt, andere Staats- und Regierungschefs hätten „keine Lust mehr“, ihm zuzuhören, dann ist dies mehr als zugespitzte Kritik. Es ist eine rhetorische Hierarchisierung: Der Sprecher erhebt sich über den anderen; nicht argumentativ, sondern symbolisch. Aristoteles hätte hierin ein Zeichen fehlender Phronesis gesehen – jener praktischen Klugheit, die nicht auf persönliche Überlegenheit, sondern auf das Gemeinwohl gerichtet ist.

Besonders entlarvend für die Überheblichkeit der Partei von Friedrich Merz war der später zurückgezogene Begriff der sogenannten „Lifestyle-Teilzeit“, der im Februar 2026 im Rahmen der Produktivitätsdebatte – treffender wäre wohl die Bezeichnung „Sozialabbau zugunsten der Kriegswirtschaft“ – verwendet wurde. Der Begriff suggerierte, Teilzeit sei in erster Linie eine Frage individueller Bequemlichkeit. Dass Millionen Menschen, vor allem Frauen, Kinder erziehen, Angehörige pflegen und neben ihrer Erwerbsarbeit einen zweiten, unbezahlten Job leisten, wurde dabei weitgehend ausgeblendet.

Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katharina Dröge sprach deshalb zu Recht von einer „absoluten Unverschämtheit gegenüber der Lebensrealität von Frauen“. Die Debatte offenbarte vor allem eines: die Distanz eines Teils der politischen Elite zur Lebenswirklichkeit der Menschen, über die sie spricht und entscheidet.

Auch in der Außenpolitik tritt bei Merz immer wieder eine überzogene Selbstgewissheit zutage. Im Zusammenhang mit dem jüngsten Konflikt zwischen Israel und Iran stellte er die Lage wiederholt in einer moralischen Eindeutigkeit dar, die keinen Raum für historische, geopolitische oder völkerrechtliche Zwischentöne lässt. Komplexe Konflikte werden auf einfache Freund-Feind-Schemata reduziert. Wer hingegen zur Differenzierung aufruft oder auf die Mitverantwortung westlicher Politik hinweist, gerät in den Verdacht, auf der falschen Seite zu stehen.

Eine weitere Form politischer Überheblichkeit zeigt sich im Umgang mit Kritik. In einer Demokratie müssen Bürger die Möglichkeit haben, ihren Frust über Politiker auch scharf und überspitzt zum Ausdruck zu bringen. Wenn ein Bürger wegen der Bezeichnung „Lügenfritz“ strafrechtlich belangt wird, entsteht der Eindruck einer politischen Kultur, die gegenüber der eigenen Kritikempfindlichkeit deutlich sensibler ist als gegenüber den Sorgen der Bevölkerung. Die Botschaft lautet dann unausgesprochen:

Die Politik darf die Bürger belehren, die Bürger sollten sich mit ihren Urteilen über die Politik hingegen besser zurückhalten.

Demut sähe anders aus. Demut würde Kritik nicht als Majestätsbeleidigung begreifen, sondern als unvermeidlichen Bestandteil einer lebendigen Demokratie. Wer politische Verantwortung trägt, sollte sich bewusst sein, dass Vertrauen nicht eingefordert, sondern verdient werden muss – und dass scharfe Worte von Bürgern oft Ausdruck einer tiefen Enttäuschung sind.

Politische Klugheit verlangt, Kritik so zu formulieren, dass sie Verständigung ermöglicht. Wo Sprache hingegen auf Überlegenheit zielt, wird sie selbst zum Machtinstrument – und verliert ihren ethischen Maßstab. Der wirklich Demütige muss nicht ständig zeigen, dass er über den Dingen steht. Er weiß, dass politische Macht ein Amt auf Zeit ist – und kein Adelstitel.

Die stille Arroganz: Olaf Scholz

Hochmut existiert.nicht nur im Lauten, sondern auch im Schweigenden. Olaf Scholz oft kritisierter Kommunikationsstil – ausweichend, formelhaft, distanziert – ist in meinen Augen ebenfalls als Überheblichkeit zu interpretieren. Philosophisch lässt sich dies als negative Form der Superbia lesen: nicht als offene Selbstverherrlichung, sondern als implizite Annahme, den Bürgern keine umfassende Rechenschaft schuldig zu sein.

Besonders deutlich wurde dies in der Cum-Ex-Affäre. Auf die Frage, warum er sich an zentrale Treffen mit dem Warburg-Bankier Christian Olearius nicht erinnern könne, antwortete Scholz immer wieder mit Erinnerungslücken. Juristisch ist ihm daraus leider kein Vorwurf erwachsen. Politisch hinterließ die Affäre bei mir jedoch den Eindruck einer eigentümlichen Distanz zur Verantwortung. Wer das höchste Regierungsamt bekleidet, kann sich nicht dauerhaft hinter einem „Ich kann mich nicht erinnern“ verschanzen, ohne das Vertrauen in die politische Rechenschaftspflicht zu beschädigen.

Ähnlich verhielt es sich bei der sogenannten „Zeitenwende“. Scholz verkündete einen historischen Kurswechsel, sprach von einer neuen Ära deutscher Sicherheits- und Außenpolitik und stellte milliardenschwere Aufrüstungspakete in Aussicht. Die Tragweite dieser Entscheidungen war enorm. Umso eigentümlicher war, wie selten grundlegende Fragen öffentlich diskutiert wurden: Welche langfristigen Folgen hat dieser Kurs? Wo liegen die Grenzen militärischer Lösungen? Welche Risiken birgt eine zunehmende Konfrontation mit Russland? Der Eindruck entstand, die Richtung stehe bereits fest und müsse der Bevölkerung lediglich noch vermittelt werden. Gefragt – wie in der Schweiz –werden deutsche Bürger ohnehin nicht.

Auch in der Energiepolitik und während der wirtschaftlichen Krise wirkte Scholz häufig wie ein Regierungschef, der lieber verwaltet als erklärt. Die Formel vom „Doppel-Wumms“ – dem mit rund 200 Milliarden Euro finanzierten Rettungspaket zur Dämpfung der explodierenden Energiepreise – vermittelte Handlungsstärke, konnte jedoch die grundlegende Diskussion über die Ursachen der Energiekrise und die politischen Fehlentscheidungen, die zu ihr beigetragen hatten, nicht ersetzen. Wo Sprache zum Slogan wird und Begründungen hinter Schlagworten verschwinden, entsteht der Eindruck, die Bürger müssten Entscheidungen lediglich akzeptieren, nicht aber wirklich verstehen.

Kant sah öffentliche Rechtfertigung als Kern republikanischer Moral. Wer Macht ausübt, muss bereit sein, seine Gründe offen darzulegen und sich kritischen Nachfragen zu stellen. Demokratie lebt nicht von Verlautbarungen, sondern von Rechenschaft.

Die stille Arroganz besteht deshalb nicht darin, sich selbst für großartig zu halten. Sie besteht darin, sich der Mühe der Erklärung zu entziehen. Der Bürger wird dann nicht mehr als mündiger Souverän behandelt, dem man Entscheidungen nachvollziehbar machen muss, sondern als Zuschauer, der darauf vertrauen soll, dass die Regierenden schon wissen, was sie tun.

Demut verhält sich anders. Sie nimmt die Bürger ernst. Sie erklärt, begründet und stellt sich der Kritik. Sie weiß, dass politische Macht geliehen ist und dass Vertrauen jeden Tag neu verdient werden muss.

Schweigen kann mitunter klug sein. Dauerhaftes Schweigen gegenüber berechtigten Fragen ist hingegen selten ein Zeichen von Bescheidenheit – oft ist es Ausdruck einer stillen Form politischer Überheblichkeit.

Fazit

Demut sollte in der Politik eine anzustrebende Tugend sein.
Was diese Beispiele verbindet, ist kein moralisches Versagen Einzelner, sondern ein struktureller Wandel politischer Selbstdeutung. Führung wird mit Gewissheit verwechselt, Zweifel mit Schwäche. Aristoteles, Augustinus und Kant sind sich in einem Punkt einig: Wer seine Begrenztheit vergisst, verliert seine Orientierung.
Im Umgang mit dem Krieg in der Ukraine zeigt sich, wie sehr politische Orientierung verloren gehen kann, wenn Macht mit moralischer Gewissheit verwechselt wird. Oder wie sehen Sie das, Herr Merz, Frau von der Leyen, Herr Macron, Herr Starmer?

Demut ist keine sentimentale Tugend, sondern eine politische Notwendigkeit. Sie bedeutet, Macht als vorläufig zu verstehen, Wissen als begrenzt und Entscheidungen als korrigierbar. In einer Zeit globaler Unsicherheit wäre Demut nicht das Ende von Führung – sondern ihr reifster Ausdruck.

Die europäische Politik tritt im Ukraine-Konflikt häufig mit dem Anspruch auf, auf der „richtigen Seite der Geschichte“ zu stehen. Dieser Anspruch erzeugt eine Rhetorik der Alternativlosigkeit: Waffenlieferungen gelten als moralische Pflicht, Eskalationsrisiken als notwendiger Preis, diplomatische Initiativen als naiv oder gefährlich. Was dabei zunehmend verschwindet, ist das Bewusstsein eigener Begrenztheit – strategisch, historisch, militärisch und moralisch.

Hier fehlt es an politischer Demut – nicht im Sinne von Nachgiebigkeit oder Kapitulation, sondern in der Einsicht, dass sich komplexe geopolitische Konflikte nicht aus einer vermeintlichen moralischen Überlegenheit heraus steuern lassen. Wer glaubt, die Dynamik eines Krieges kontrollieren zu können, nur weil die eigenen Motive als gerecht empfunden werden, überschätzt die eigene Wirkmacht und unterschätzt die Unberechenbarkeit von Eskalation.

Die Arroganz zeigt sich dabei weniger in einzelnen Entscheidungen als in der Haltung, mit der sie getroffen werden. Wissen wird als ausreichend betrachtet, Prognosen als verlässlich, Folgen als beherrschbar. Abweichende Stimmen – insbesondere solche, die auf diplomatische Möglichkeiten oder langfristige Risiken hinweisen – werden rasch delegitimiert. Zweifel gilt als Schwäche, Zurückhaltung als mangelnde Solidarität. Doch hier bestätigt sich der zuvor formulierte Satz:

Wer seine Begrenztheit vergisst, verliert seine Orientierung.

Demut wäre in diesem Kontext keine sentimentale Tugend, sondern eine politische Notwendigkeit. Sie würde bedeuten, Macht als vorläufig zu verstehen und Wissen als begrenzt – insbesondere über die inneren Dynamiken eines Krieges. Entscheidungen wären korrigierbar, und würden nicht mehr als moralisch sakrosankt gelten. Eine demütige Politik würde Eskalation nicht ausschließen, aber sie würde sie nicht als Beweis von Entschlossenheit verklären.

Europa, das sich gern als Friedensprojekt und (vermeintlich) moralische Instanz der Welt präsentiert, verrät seinen eigenen Anspruch. Wo Demut fehlt, tritt häufig Selbstgewissheit an ihre Stelle. Wer sich auf der Seite des Guten wähnt, hinterfragt die eigenen Entscheidungen immer seltener und blendet deren mögliche Folgen aus.

Demut ist in der Außen- und Sicherheitspolitik eine unverzichtbare – aber von westlichen Politikern kaum mehr praktizierte –Tugend.

Sie bedeutet, anzuerkennen, dass keine Regierung unfehlbar ist, dass auch der politische Gegner Motive und Sicherheitsinteressen besitzt und dass jede Eskalation Folgen haben kann, die sich der Kontrolle entziehen.

Fehlt diese Demut, wächst die Gefahr, Konflikte immer weiter anzuheizen und selbst das Risiko eines größeren europäischen Krieges als hinnehmbaren Preis für vermeintlich höhere Ziele (?!) zu betrachten.

Wahre politische Verantwortung zeigt sich nicht in moralischer Überheblichkeit, sondern in der Bereitschaft, die eigenen Annahmen ständig zu überprüfen und alles zu tun, um Krieg zu verhindern.

Diese Bereitschaft fehlt bei den europäischen Kriegstreibern in Spitzenpositionen.

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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Bild: Französischer Präsident Macron, britischer Premierminister Starmer, Bundeskanzler Merz, polnischer Premierminister Tusk, ukrainischer Präsident Zelensky und Olena Zelenska auf dem Unabhängigkeitsplatz Kiew Ukraine, 10. Mai 2025
Bildquelle: paparazzza / shutterstock


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