Drohnenproduktion als Eintrittskarte in die strategische Gefahrenzone
Ein Meinungsbeitrag von Wolfgang Effenberger.
Im April 2026 traf Bundeskanzler Friedrich Merz den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zu deutsch‑ukrainischen Regierungskonsultationen in Berlin. (1)
Dabei wurde eine Vereinbarung zur vertieften Verteidigungszusammenarbeit beschlossen, unter anderem zur gemeinsamen Produktion von Drohnen mittlerer und großer Reichweite. Selenskyj sprach von einem „Drohnen‑Deal“, der der größte seiner Art in Europa werden könnte.
Bei dem Besuch wurden im Kanzleramt verschiedene ukrainische Drohnen und unbemannte Systeme vorgeführt; Deutschland will von den ukrainischen Kriegserfahrungen und Technologien lernen. (3)
Bereits zwei Monate zuvor hatten bei Gauting nahe München Verteidigungsminister Boris Pistorius und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj eine gemeinsame deutsch‑ukrainische Drohnenfabrik eröffnet und dort die erste in Deutschland gefertigte Mehrzweck‑Kampfdrohne für die Ukraine entgegengenommen. (4)
Im Umfeld dieser Politik kooperiert die bayerische Firma Quantum Systems mit einem ukrainischen Partner in einem Joint Venture namens Quantum Frontline Industries (QFI), das Drohnen („Linza“) für die Ukraine entwickelt und in Deutschland produziert.
Merz und Selenskyj ließen sich Drohnen von QFI demonstrieren, was die politische Aufmerksamkeit für die bayerische Drohnen‑ und KI‑Rüstungsindustrie unterstreicht.
Das Joint Venture will laut Vereinbarungen im Rahmen „Build with Ukraine“ bis Jahresende mindestens 10.000 Drohnen an die ukrainischen Streitkräfte liefern, die Mengen werden vom ukrainischen Verteidigungsministerium festgelegt. Quantum Systems stellt die Fabrik und Automatisierung, Frontline Robotics liefert Design, Know-how und Support.
QFI produziert primär die Mehrzweckdrohne „Linza“, entwickelt von Frontline Robotics und bereits an der Front erprobt; aktuell wird das Modell Linza 3.0 gefertigt.
Linza 3.0 ist eine taktische Mehrzweckdrohne mit bis zu 60 Minuten Flugzeit, einsetzbar als Aufklärungsdrohne oder als „Loitering Munition“ (Kamikaze‑Drohne).
Die Drohne ist für Kampfeinsätze, Aufklärung und logistische Unterstützung geeignet und wird in Lizenz in Deutschland produziert, um die durch russische Angriffe eingeschränkte ukrainische Rüstungsproduktion zu kompensieren.
Quantum Systems bringt industrielle Infrastruktur, Automatisierung und die Erfahrung aus der bisherigen Lieferung von über 1.500 Aufklärungsdrohnen an die Ukraine ein.
Das Unternehmen stellt die Produktionshallen, den automatisierten Fertigungsprozess und die Qualitätskontrolle in einer sicheren Umgebung in Deutschland bereit.
Quantum Systems sorgt zudem für Serien‑Skalierung und die Einhaltung technischer und sicherheitsrelevanter Standards (inklusive Schnittstellen zu NATO‑Normen).
Frontline Robotics entwickelt das Drohnendesign, stellt die lizenzierten Konstruktionspläne und bringt das technische Konzept aus der Front‑Erfahrung in die Serienproduktion ein.
Das Unternehmen schult das Personal, liefert Schulungsunterlagen und sorgt für Produkt‑ und Lifecycle‑Support (Betrieb, Wartung, Upgrades) nach NATO‑Standards.
Strategisch legt die ukrainische Seite – konkret das Verteidigungsministerium – die benötigten Stückzahlen fest und bindet QFI in die operative Bedarfsplanung der ukrainischen Streitkräfte ein.
Die enge Verzahnung von Quantum Systems mit dem 2024 entstandenen Berliner Defense-Tech-Start-up STARK, das bewaffnete, autonome Drohnensysteme für europäische Streitkräfte entwickelt, sowie mit sicherheitspolitischen Initiativen (Hightech‑Agenda, Drohnenkompetenz‑ und ‑abwehrzentrum in Erding) schafft ein industriell-politisches Rückgrat, das Russland als bedrohlich empfinden muss.
Der enge Bezug zu Quantum Systems ist personell und strategisch: STARK wurde aus dem Umfeld von Quantum Systems mitgeprägt, insbesondere durch Florian Seibel, der Quantum Systems mitgegründet hat. (5)
STARK tritt als europäisches Rüstungsunternehmen auf und fokussiert sich auf sogenannte „Kamikazedrohnen“ (Loitering Munitions), die wie kleine mit Sprengkopf ausgerüstete Drohnen erst längere Zeit über einem Gebiet „kreiseln“ und erst dann ein Ziel angreifen.
Die Drohnenbauszene ist stark vernetzt: dieselben Gründer, Investoren und Partner tauchen mehrfach auf, etwa Sequoia, Project A, der NATO Innovation Fund und teils auch Peter Thiel. Außerdem gibt es Kooperationen und Überschneidungen bei Technologie, Produktion und Beschaffung. (6) Allein dieses Rüstungssegment lässt den Schluss zu, dass der Krieg gegen Russland noch gar nicht richtig begonnen hat.
Diese Vermutung wird zudem von der Aussage von Verteidigungsminister Pistorius unterstützt, der betonte, dass diese 10.000 Stück zunächst die „anfängliche“ Kapazität markieren; nach oben gebe es längerfristig keine feste Grenze außer den industriellen Möglichkeiten der Firma.
Die Staatsregierung und die CSU‑Landtagsfraktion sprechen von „Verteidigungstechnologie made in Bavaria“ und wollen Bayern zum Zentrum für Drohnenabwehr und moderne Verteidigung in Deutschland machen.
In der öffentlichen Debatte wird explizit diskutiert, ob sich Deutschland mit der Drohnenfabrik zu einem militärischen Ziel Russlands macht; Befürworter sprechen von notwendiger Solidarität und Abschreckung, Kritiker warnen vor Eskalations‑ und Vergeltungsrisiken. (7)
Gleichzeitig spaltet das Projekt die öffentliche Meinung – zwischen Solidarität mit der Ukraine und der Sorge, Bayern stärker in den Konflikt hineinzuziehen. Leser‑Debatten und Kommentare spiegeln diese Spannungen deutlich.
Neue Sicherheitslage für Bayern
Bayern beherbergt mit QFI in Gauting und weiteren Standorten im Großraum München sichtbare Elemente der europäischen Drohnenproduktion; damit wird der Freistaat objektiv zu einem „strategischen Unterstützungsstandort“ für die Ukraine, wie es der russische Generalstab formuliert. (8)
Im April 2026 bezeichnete Dmitri Medwedew, stellvertretender Vorsitzender des russischen Sicherheitsrates und hochrangiger Funktionär der Regierungspartei „Einiges Russland“, tatsächlich veröffentlichte Listen von europäischen Standorten an denen Drohnen oder Komponenten für die Ukraine hergestellt würden, ausdrücklich als „Liste potenzieller Ziele für die russischen Streitkräfte“. (9)
Auf diesen Listen stehen auch Standorte im Raum München; Medwedew und andere russische Vertreter verbinden dies mit Warnungen vor „unvorhergesehenen Folgen“ und einer „Eskalation der Situation“. (10)
Nach humanitärem Völkerrecht gelten Waffenfabriken, die effektiv zur Kriegsführung beitragen, grundsätzlich als militärische Ziele, sofern ein Angriff einen klaren militärischen Vorteil bringt und der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit gewahrt bleibt. (11)
Die symbolische Einstufung solcher Standorte als „potenzielle legitime Ziele“ durch Medwedew erhöht die sicherheitspolitische Verwundbarkeit: Bayern wird in russischer Rhetorik von einem fernen Beobachter zu einem möglichen Kriegsschauplatz für Fernwaffen oder Sabotageoperationen.
Die Verlagerung ukrainischer Drohnenproduktion nach Europa kommt einem Ritt auf der Rasierklinge gleich. Während die Befürworter die ukrainische Drohnenproduktion in Bayern nicht automatisch gleichbedeutend mit „aktiver Kriegsführung“ und dem Verlust jedes Neutralitätsstatus sehen, sind Deutschland und viele EU‑Staaten politisch längst Partei im Sinne der aktiven Unterstützung. Nachdem sich die USA seit ihrem völkerrechtswidrigen Angriff vom 24. März 1999 gegen Restjugoslawien nicht mehr um Rechtfertigungen scheren, verzichten sie seither auf Kriegserklärungen.
Formal befindet sich Russland derzeit nicht in einem erklärten Krieg mit Deutschland oder den USA; es spricht selbst von „militärischer Spezialoperation“ gegen die Ukraine und von „Konfrontation“ oder „hybridem Krieg“ mit dem Westen. (13)
Völkerrechtlich ist eine Kriegserklärung ein formeller Akt, mit dem ein Staat einen Kriegszustand gegenüber einem anderen erklärt; diese Praxis ist seit 1945 selten geworden, weil Staaten aus politischen und rechtlichen Gründen lieber von „Operationen“, „Interventionen“ oder „Spezialoperationen“ sprechen. Die USA haben seit dem Zweiten Weltkrieg viele Militäreinsätze geführt (Vietnam, Irak, Afghanistan usw.), meist ohne klassische Kriegserklärung, eher auf Basis von Kongressbeschlüssen, Resolutionen oder Bündnisverpflichtungen. (14)
In der offiziellen Darstellung wirft Russland NATO‑Staaten vor, über Waffenlieferungen, Ausbildung, Aufklärung und Sanktionen „einen Stellvertreterkrieg“ gegen Russland zu führen, vermeidet aber bewusst die formale Feststellung eines direkten Kriegs mit Deutschland oder den USA. (15) In der russischen Öffentlichkeit werden Deutschland und andere europäische Staaten zunehmend als „Feinde“ wahrgenommen; eine Umfrage des Lewada‑Instituts zeigt Deutschland als viertwichtigsten „Feindstaat“, aber eben auf der Ebene politischer Feindbilder, nicht als erklärten Kriegsgegner. (16)
Russische Führung und Medien reagieren sehr scharf auf die geplante Stationierung neuer US‑Langstrecken‑Raketen und das potenziell nuklearfähige hypersonische Dark Eagle-RaketenSystem in Deutschland ab 2026, sprechen von „Roten Linien“, „spiegelgerechter Reaktion“ und der Gefahr einer Krise wie im Kalten Krieg. (17) Gleichzeitig rüstet Deutschland massiv auf und verschiebt seine Militärstrategie klar in Richtung Abschreckung gegenüber Russland, was in Moskau als Vorbereitung auf einen möglichen zukünftigen Großkonflikt gelesen werden kann. (18)
Ob und wann Russland offiziell erklärt, sich im Krieg mit Deutschland oder den USA zu befinden, hängt politisch von Schwellen ab, die es selbst definiert – etwa Stationierung bestimmter Waffensysteme, direkte Beteiligung westlicher Truppen in der Ukraine oder Angriffe auf russisches Territorium durch westliche Kräfte. (19) Aus strategischer Sicht vermeidet der Kreml eine solche Feststellung, weil sie die Eskalationsspirale weiterdrehen, eigene Handlungsspielräume einschränken und die Schwelle für direkte Konfrontation mit der NATO senken würde; solange er diese Risiken scheut, bleibt es bei der Formel „Konfrontation mit dem Westen“ ohne formales Kriegsverhältnis. (20)
Einige sicherheitspolitische Institute und Nachrichtendienste warnen: Russland könnte ab 2027 wieder militärisch stark genug sein, um NATO‑Staaten, vor allem die baltischen, „erheblich herauszufordern“; im Extremfall wird sogar von einer möglichen Konfrontation „in wenigen Jahren“ gesprochen.
Andere Experten halten solche Zeitangaben für zu früh oder zu spekulativ und betonen, dass Russland durch den Ukrainekrieg zunächst ausgelaugt ist und mehrere Jahre braucht, um seine militärische Stärke zu regenerieren – realistisch sei eher ein schleichender Aufbau von Druck statt eines klaren „Angriffstermins“. (21)
Der BND warnt, dass Europa sich bestenfalls in einem „eisigen Frieden“ mit Russland befindet, der jederzeit punktuell „in heiße Konfrontation umschlagen“ kann, ohne dass man sich auf eine bestimmte Jahreszahl verlassen sollte. (22)
Völkerrechtlich wären konventionelle Angriffe auf Drohnenfabriken zwar in einer großen Eskalationslage nicht ausgeschlossen, politisch wären sie aber ein Tabubruch gegenüber einem NATO‑Staat und würden eine qualitativ neue Stufe des Konflikts markieren – genau deshalb nutzen russische Akteure die Drohung vorerst vor allem als Druckmittel. (23)
Für die Bevölkerung in Bayern bedeutet das eine höhere abstrakte Gefährdungslage als vor dem Ukrainekrieg, aber keine unmittelbare, akute Kriegsfront
Deutschland und Bayern sind durch ihre Rolle im Ukrainekrieg sicherheitspolitisch exponiert und völkerrechtlich wie faktisch nicht mehr neutral, aber das bedeutet nicht automatisch, dass Russland „völlig abseits des Völkerrechts“ handeln würde – auch Moskau ist an humanitäres Völkerrecht gebunden, selbst wenn es dieses politisch anders interpretiert.
Die Rolle von USA/EU/NATO als „Korsettstangen“ im Ukraine-Russlandkrieg
Ohne groß zu spekulieren, kann behauptet werden, dass der Krieg ohne westliche Waffenlieferungen und Finanzhilfen wahrscheinlich militärisch bereits zugunsten Russlands entschieden worden wäre. Damit sind USA, EU und NATO faktisch tragende Säulen („Korsettstangen“) der ukrainischen Kriegsfähigkeit: sie liefern Waffen, Munition, Ausbildung, Zielkoordinaten, Geheimdienstinformationen und finanzielle Stabilisierung.
Politisch wird das von westlichen Regierungen als „Unterstützung eines angegriffenen Staates“ und als Verteidigung der europäischen Sicherheitsordnung begründet; aus russischer Sicht ist es aktive Kriegsbeteiligung ohne formale Kriegserklärung.
Gleichzeitig überschreitet Deutschland mit schweren Waffenlieferungen, Ausbildung ukrainischer Soldaten, Aufklärungsdaten und gemeinsamer Rüstungsproduktion (Drohnen, Munition, Panzer) die Schwelle einer „bloßen Neutralität“. Viele Völkerrechtler sprechen deshalb von „Mitwirkung an einem internationalen bewaffneten Konflikt“ oder de facto Mit‑Kriegsführung.
Im humanitären Völkerrecht wird nicht alles binär „neutral“ oder „Kriegspartei“: Staaten können den Konflikt „konkret beeinflussen“, ohne formale Kriegserklärung, und werden trotzdem als legitime Ziele für bestimmte militärische Maßnahmen angesehen, wenn sie substantiell zur Kriegsführung beitragen. Das ist genau die Linie, auf die russische Drohungen gegenüber europäischen Rüstungsfirmen abzielen.
Deutschland gilt seit Beginn der Sanktionen und Waffenlieferungen als „unfreundlicher Staat“; das ist eine politische Einstufung, die im russischen Diskurs genutzt wird, um harte Maßnahmen (wirtschaftlich, hybrid, im Extremfall militärisch) innenpolitisch zu legitimieren.
Moskau könnte – gegen das heutige Völkerrechtsverständnis – argumentieren, dass deutsche Rüstungsproduktion für die Ukraine (Drohnen, Panzer, Munition) Deutschland zu einem legitimen Ziel mache, ohne dass eine formale Kriegserklärung nötig wäre. Juristisch wäre das höchst umstritten, politisch aber nicht ausgeschlossen, dass Russland solche Argumentationslinien benutzt, um Angriffe oder Sabotage zu rechtfertigen.
Großmächte haben in der Geschichte immer wieder militärische Aktionen durchgeführt, die sie selbst als legal darstellen, die aber von der Gegenseite und vielen Juristen als völkerrechtswidrig betrachtet werden. Das gilt für Russland, die USA, Israel, NATO – niemand ist davor gefeit, das Recht politisch zu dehnen oder zu ignorieren.
Deutschland und insbesondere Bayern sind durch Rüstungsproduktion und direkte militärische Unterstützung der Ukraine objektiv in die Konfliktlogik hineingezogen. Rüstungsstandorte, Drohnenfabriken, Kommunikations‑ und Energieinfrastruktur werden für Russland zu potentiellen Zielen – mindestens rhetorisch, im Extremfall auch faktisch.
Ob Russland diese Ziele tatsächlich angreift, hängt weniger von juristischen Feinheiten als von politischer und militärischer Kalkulation ab: Kosten‑Nutzen, Risiko einer NATO‑Reaktion, innenpolitischer Druck, militärische Lage in der Ukraine. Völkerrecht ist hier eher Argumentationsrahmen als tatsächliche Schranke.
Politische Forderungen: „Krieg nach Russland tragen“
Mehrere prominente deutsche Politiker und Militärs reden inzwischen offen darüber, den Krieg „tief nach Russland zu tragen“ – also russisches Territorium mit westlichen Waffen und Fähigkeiten direkt zum Schauplatz zu machen, nicht nur die Ukraine zu stärken.
Der CDU-Außenpolitiker und frühere Bundeswehr‑Offizier Roderich Kiesewetter hat mehrfach öffentlich erklärt: „Der Krieg muss nach Russland getragen werden“, konkret durch Angriffe der Ukraine auf russische Militäreinrichtungen, Hauptquartiere, Ministerien, Kommandoposten und Gefechtsstände.
Er fordert, Deutschland müsse die Ukraine in die Lage versetzen, solche tiefen Schläge ins russische Hinterland auszuführen – mit Langstreckenwaffen wie Taurus, umfassender Zielaufklärung und technischer Unterstützung.
Kritiker wie Amira Mohamed Ali und andere warnen explizit: Wer mit deutschen Waffen Angriffe tief nach Russland ermöglicht, „trägt den Krieg nach Deutschland“, weil Russland solche Angriffe als direkte Beteiligung und mögliche Rechtfertigung für Gegenschläge gegen deutsche Ziele sehen würde. (24)
Hier zeigt sich, wie weit Teile der politischen Elite bereit sind, die Grenze vom „Unterstützen der Ukraine“ zur aktiven Mitgestaltung eines Krieges auf russischem Territorium zu verschieben.
Die eigentliche Sicherheitslage für Bayern ergibt sich aus dieser Macht‑ und Risikopolitik: erhöhte Gefahr hybrider Angriffe (Cyber, Sabotage, Desinformation), ein theoretisches Risiko konventioneller Fernschläge, und im äußersten Eskalationsfall die Einbeziehung in nukleare Abschreckungslogik. Aber all das bleibt bisher Szenario, keine unmittelbare Realität.
Festzuhalten ist:
- der Westen hält den Ukrainekrieg militärisch am Laufen und verhindert eine russische Entscheidung des Konflikts.
- Deutschland und andere EU‑Staaten haben damit ihre klassische Rolle als „Zuschauer“ verlassen und sind faktisch Teil der Kriegsökonomie und ‑strategie geworden.
- dadurch steigt das Risiko, selbst Ziel von Gegenmaßnahmen zu werden – rechtlich, wirtschaftlich, im Extremfall militärisch.
- die Feindstaatenklauseln stehen noch im Text der UN‑Charta, wurden nie gestrichen und ihre Obsoletität wird von Großmächten behauptet, die selbst wiederholt Normen verletzt haben.
- der Kosovo‑Krieg 1999 und spätere Interventionen der USA/NATO haben die Glaubwürdigkeit des Gewaltverbots stark beschädigt und liefern Russland heute rhetorische Munition, eigene Gewaltakte relativ zu rechtfertigen. (25)
Die Gewaltgeschichte der USA und ds offizielle Narrativ von Freiheit und Gerechtigkeit klaffen massiv auseinander, und die offizielle Sprache wirkt für viele wie orwellsches Doppelsprech. (26)
Die US‑geführte „War on Terror“-Politik seit 2001 hat nach unabhängigen Untersuchungen zu Hunderttausenden Toten und massiven Zerstörungen in Afghanistan, Irak, Syrien, Jemen, Pakistan, Libyen u.a. geführt. (27)
Eine Studie des „Costs of War“-Projekts der Brown University schätzt, dass diese Kriege mindestens 37 Millionen Menschen zur Flucht gezwungen haben, mit einer möglichen Obergrenze bei 59 Millionen – ein Ausmaß, das nahezu einer kompletten „Verlagerung“ der Bevölkerung eines Landes wie Kanada entspricht. (28)
Kritische Analysen betonen, dass viele dieser Interventionen unter konstruierten oder hochselektiven Begründungen (Massenvernichtungswaffen im Irak, Regimewechsel, Terrorbekämpfung) stattfanden und oft neue Konflikte und Migrationswellen erst hervorgebracht haben. (29)
Ob die USA diesen „komplexen Krieg“ gemäß der Vorgabe „Win in a Complex World 2020-2040“ im weiteren Sinne „verlieren“, ist heute offen; klar ist aber, dass ihre militärische Dominanz politisch, wirtschaftlich und moralisch stark erodiert.
Was in den US-Doktrinen tatsächlich steht
Das Army Operating Concept „Win in a Complex World 2020–2040“ ist eine Doktrin zur langfristigen Ausrichtung der US‑Landstreitkräfte; es beschreibt, wie die Armee weltweit Konflikte verhindern, Sicherheitsräume „formen“ und Kriege gewinnen soll – ausdrücklich als global agierende Macht. (30)
In den Begleitpapieren und strategischen Analysen werden Russland, China, Nordkorea und Iran regelmäßig als zentrale „Revisionist Powers“ bzw. Bedrohungen genannt, deren Fähigkeiten begrenzt, unterlaufen oder im Ernstfall ausgeschaltet werden sollen; damit geht es nicht nur um unbekannte Gegner, sondern klar um diese vier Kernakteure. (31)
Dass unter dem Punkt 2.4 (Künftige Konflikte) in einem TRADOC‑Dokument explizit steht, dass die US‑Streitkräfte im Zeitraum 2020–2040 genau diese Bedrohungen adressieren und „beseitigen“ sollen, fügt sich in dieses strategische Bild: Es ist ein langfristiger Rahmenplan für einen strukturellen Konflikt mit Russland, China, Nordkorea und Iran, nicht eine neutrale Friedensdoktrin. (32)
Russische und chinesische Einordnung von „Win in a Complex World 2020-2040“
Russische und chinesische Strategiepapiere lesen den US‑Ansatz „Win in a Complex World“ im Kern als langfristige Hegemonialdoktrin – und antworten mit eigenen Konzepten, die den US‑Einfluss begrenzen, regionale Machtzonen stärken und die bestehende Ordnung schrittweise in Richtung Multipolarität verschieben. (33)
Die russischen Militärdoktrinen seit 2014 benennen die USA und die NATO ausdrücklich als Hauptbedrohung, inklusive „globaler Raketenabwehr“, NATO‑Osterweiterung und „farbigen Revolutionen“ als Instrumenten westlicher Einflussnahme. (34)
Die sogenannte „Putin‑Doktrin“ in der Außen‑ und Sicherheitspolitik zielt darauf, russische Souveränität und Einflussräume (Eurasien, postsowjetischer Raum, Naher Osten) gegen US‑Dominanz zu sichern und notfalls auch militärisch zu verteidigen – einschließlich hybrider Mittel, Informationskrieg und begrenzter Interventionen. (35)
Im Kern versteht Russland die US‑Doktrin als Versuch, Russland auf allen Ebenen (militärisch, ökonomisch, politisch) zu schwächen; die Antwort ist:
Aufbau eigener Abschreckungsfähigkeit (inkl. Atomarsenal und Hyperschallwaffen). (36)
Nutzung regionaler Konflikte und Energiepolitik, um Druck auf NATO/EU auszuüben.
Enge Kooperation mit anderen „Unruhepolen“ aus US‑Sicht (China, Iran), zumindest taktisch.
Russische Strategen sehen sich dabei weniger als Aggressor, sondern als Akteur, der eine aus ihrer Sicht aggressive US‑Strategie „kontert“ und die Auflösung US‑Dominanz beschleunigt.
Chinas zentrale Linie ist, den US‑Einfluss strukturell zu verringern, ohne in eine direkte militärische Konfrontation zu geraten: Belt and Road Initiative, neue Finanzinstitutionen, gezielte Partnerschaften im Globalen Süden und selektives Engagement in UN‑Organisationen, aus denen sich die USA teilweise zurückziehen. (37)
Pekings Strategic Messaging betont „gemeinsame Sicherheit“, „win‑win“ und „Stabilität“, stellt die USA aber gleichzeitig als „hegemoniale Macht“ dar, deren Einfluss in wichtigen Regionen (Asien‑Pazifik, Afrika, Lateinamerika) zurückgedrängt werden soll. (38)
Für China ist „Win in a Complex World“ im Grunde der Versuch der USA, eine schwindende Hegemonie militärisch abzusichern; die Antwort ist eine Mischung aus ökonomischer Verflechtung, institutioneller Machtverschiebung und gezielter militärischer Abschreckung.
Die US‑Doktrin ist für Russland und China jedenfalls keine neutrale Friedensstrategie, sondern ein Rahmen, um sie und andere „Problemmächte“ über Jahrzehnte hinweg in Schach zu halten oder zu schwächen – und im Zweifel auch militärisch zu „beseitigen“. (39)
Beide Staaten reagieren mit Gegen‑Doktrinen, die zwar rhetorisch „Stabilität“ und „Frieden“ betonen, faktisch aber darauf zielen, die US‑Handlungsfreiheit einzuhegen und eigene Spielräume auszuweiten.
Zugleich ist das Verhältnis zwischen Russland und China selbst von Misstrauen geprägt; ihre Gegenstrategien sind eher parallele Projekte zur Schwächung der US‑Dominanz als ein geschlossenes „antiwestliches Bündnis“ mit gemeinsamer Friedensordnung. (40)
Multipolare Ordnung als Gegenentwurf
Analysen zur globalen Entwicklung sehen seit Jahren eine Verschiebung hin zu einer multipolaren Ordnung: aufstrebende Mächte wie China, Indien, Russland, Brasilien, regionale Zusammenschlüsse im globalen Süden und neue sicherheitspolitische Netzwerke schwächen die einstige US‑Hegemonie. (41)
Viele Stimmen im globalen Süden betrachten die US‑geführte Kriegs- und Interventionspolitik als Kernursache für Destabilisierung, Fluchtbewegungen und wirtschaftliches Chaos – und verbinden multipolare Projekte explizit mit dem Ziel, diese Form der Dominanz zu überwinden. (42)
Ob eine „multipolare Friedensordnung“ tatsächlich friedlicher wird, hängt allerdings davon ab, ob neue Machtzentren ihre eigenen Interessen weniger brutal durchsetzen als die bisherigen Hegemonen. (43)
Die UN‑Charta und das formale Vokabular bleiben zwar bestehen, werden aber von Großmächten selektiv angewandt: Rechtsverstöße (Kosovo 1999, Irak 2003, diverse Interventionen) werden politisch rationalisiert, während man sich gleichzeitig auf das Völkerrecht beruft, wenn es eigenen Zielen dient. (44) Diese Diskrepanz zwischen normativer Fassade und realer Machtpraxis wird von Vielen in der nichtwestlichen Welt und in kritischen westlichen Kreisen klar gesehen. (45)
Seit dem 1. Juli 2026 hat sich die gesamte Lage dramatisch verschlechtert: Die Angriffe zwischen den USA und dem Iran wurden wieder aufgenommen; die Gespräche in Doha befinden sich in einer Sackgasse. Der Sprecher des iranischen Außenministeriums, Baghaei, bestätigte an diesem Tag, dass Teheran und Washington über politische Kanäle kommunizieren, doch die Unterstützung der Trump-Regierung für die „Groß-Israel“-Politik im Libanon bedeutet letztlich das Scheitern einer Lösung.
Parallel dazu geht der selbstmörderische Militäraufbau in Europa gegen Russland weiter. Der scheidende britische Premierminister Keir Starmer präsentierte den neuen, 300 Milliarden Pfund schweren Verteidigungsinvestitionsplan als Beschäftigungsprogramm. Darüber hinaus fordert die NATO Unternehmen des privaten Sektors auf, Technologien für Fernangriffe auf Flugplätze in Russland zu entwickeln. (46)
Der 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung am 4. Juli wäre ein Anlass, einmal innezuhalten und sich an die universell gültigen Prinzipien zu erinnern, die der Gründung der amerikanischen Republik und ihrem Sieg über das Britische Empire zugrunde lagen.
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Anmerkungen und Quellen
Wolfgang Effenberger, Jahrgang 1946, erhielt als Pionierhauptmann bei der Bundeswehr tiefere Einblicke in das von den USA vorbereitete "atomare Gefechtsfeld" in Europa. Nach zwölfjähriger Dienstzeit studierte er in München Politikwissenschaft sowie Höheres Lehramt (Bauwesen/Mathematik) und unterrichtete bis 2000 an der Fachschule für Bautechnik. Seitdem publiziert er zur jüngeren deutschen Geschichte und zur US-Geopolitik. Zuletzt erschienen vom ihm: „Schwarzbuch EU & NATO“ (2020), "Die unterschätzte Macht" (2022), "Vom Krieg zur Weltordnung" (2026)
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1) https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/deutsch-ukrainische-konsultationen-102.html
4) https://www.zdfheute.de/video/heute-nachrichten/videos/selenskyj-pistorius-treffen-kynast-100.html
6) https://www.vestbee.com/insights/articles/stark-secures-500-m
9) https://de.euronews.com/my-europe/2026/04/16/deutschland-moskau-medwedew-drohnen
13) https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-02/usa-russland-militaer-dialog-ukraine-krieg
14) https://www.tagesschau.de/faktenfinder/trump-syrien-105.html
16) https://de.euronews.com/2026/01/29/russen-sehen-deutschland-als-feind
18) https://www.wsws.org/de/articles/2026/04/22/28bb-a22.html
19) https://www.dw.com/de/putin-warnt-vor-raketenkrise-wie-im-kalten-krieg/a-69790852
20) https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-02/usa-russland-militaer-dialog-ukraine-krieg
22) https://www.zeit.de/news/2025-10/13/bnd-zu-russland-heisse-konfrontation-jederzeit-moeglich
24) https://www.nachdenkseiten.de/?p=110943
25) https://www.zaoerv.de/59_1999/59_1999_3_b_863_876.pdf
26) https://www.swp-berlin.org/en/publication/the-united-states-and-the-war-on-terrorism
28) https://www.transcend.org/tms/2020/12/the-u-s-war-on-terror-has-displaced-37-million-people/
29) https://www.fcnl.org/sites/default/files/2022-08/FailuresOfTheWarOnTerror.14.pdf
30) https://archive.org/details/DTIC_ADA611359
33) https://www.dw.com/de/china-usa-machtkampf-weltordnung-v2/a-75783642
36) https://www.swp-berlin.org/publications/products/aktuell/2015A12_kle.pdf
37) https://www.tagesspiegel.de/wissen/auf-dem-sprung-zur-globalen-gestaltungsmacht-6614695.html
38) https://www.swp-berlin.org/publications/products/studien/2020S01_lpt_prt_WEB.pdf
39) http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=29857
40) https://www.dw.com/de/china-usa-machtkampf-weltordnung-v2/a-75783642
41) https://www.swp-berlin.org/en/publication/the-united-states-and-the-war-on-terrorism
46) https://6faai.r.a.d.sendibm1.com/mk/cl/f/sh/SMK1E8tHeGSV37UvZnGQEzkuaphT/wvTzuvgMoNTe
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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.
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Bild: Bundeskanzler Friedrich Merz und bayerischer Ministerpräsident Markus Söder
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