Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
Donald Trump hat ein neues Lieblingswort. Es heißt „Superintelligenz” und soll künftig dort stehen, wo bisher von „künstlicher Intelligenz” die Rede war. Wer sich dem sprachlichen Fortschritt widersetzt, muss aufpassen: Nach Berichten aus Washington gelten solche Leute im Weißen Haus als „Feinde”. Das ist konsequent, denn wer die Macht hat, kann nicht nur Verordnungen erlassen, sondern auch die Wörter dazu. Man erinnere sich an den Golf von Mexiko, der per Dekret ein amerikanischer wurde, jedenfalls auf amerikanischen Landkarten. Die Meere haben sich bislang nicht beeindruckt gezeigt.
Dabei ist gegen den Begriff „künstliche Intelligenz” durchaus einiges einzuwenden. „Künstlich” klingt nach Plastik, nach Imitation. Und „Intelligenz” ist ein großes Wort für Systeme, die zwar Beeindruckendes leisten, aber weder wissen, was sie tun, noch warum. Nur folgt daraus nicht „Superintelligenz”. „Super” ist kein wissenschaftlicher Begriff, sondern ein Werbeadjektiv. Das erinnert an den Gebrauchtwagenhändler, der einen rostigen Kleinwagen kurzerhand zum „Supersportwagen” erklärt und jeden, der weiter „Kleinwagen” sagt, für einen Neider hält.
Man sollte das allerdings nicht bloß als präsidiale Eigenart abtun. Der Begriff „Superintelligenz” ist auch ein Finanzierungsbegriff. Wer Hunderte Milliarden Dollar in Rechenzentren, Chips und Kraftwerke lenken will, braucht eine Erzählung, die dieser Größenordnung gewachsen ist. Mit „leistungsfähiger Statistiksoftware” bekommt man kein Kapital in dieser Höhe, mit der Verheißung einer überlegenen Intelligenz schon. Und wenn der Staat dieses Wort zur Pflichtvokabel erhebt, dann geht es weniger um Linguistik als um die Frage, wessen Investitionen künftig als alternativlos gelten sollen. Der Begriff erledigt die Debatte, bevor sie begonnen hat: Wer nach Nutzen, Kosten und Risiken fragt, widerspricht angeblich schon dem Fortschritt.
Dabei hätte man vorher einmal klären können, woran sich Superintelligenz überhaupt erkennen lässt. An der Rechenleistung? Dann hat der Mensch seit jeher neben jedem Taschenrechner alt ausgesehen, und niemand hat dem Gerät deshalb einen Lehrstuhl angeboten. An der Menge des Wissens? Dann wäre jede Bibliothek längst ein Übermensch. Bleibt die Fähigkeit, vernünftige Entscheidungen zu treffen. Das wäre ein interessanter Maßstab, denn dann begegnet uns die Superintelligenz womöglich nicht im Rechenzentrum, sondern im Wohnzimmer.
Ich besitze nämlich einen Irish Setter. Er ist, um ehrlich zu sein, kein Muster an Selbstbeherrschung; ein Eichhörnchen kann seine gesamte Lebensplanung über den Haufen werfen. Aber wenn ich sein Verhalten mit manchen Äußerungen und Entscheidungen des amerikanischen Präsidenten vergleiche, schneidet er in einigen Punkten erstaunlich gut ab. Er merkt, wenn jemand schlechte Laune hat, und richtet sich danach. Er unterscheidet zwischen bekannt und fremd, ohne den Fremden vorsorglich zum Feind zu erklären. Er freut sich über einen Spaziergang, ohne vorher eine Pressekonferenz darüber abzuhalten. Und er verspürt nicht das geringste Bedürfnis, die Welt dadurch zu verbessern, dass er sämtliche Namen ändert. Käme er an einen See, würde er hineinspringen und nicht fragen, ob der See ihm gehört.
Das ist vielleicht der eigentliche Unterschied zwischen Intelligenz und dem, was man ihr nachträglich als „Super” voranstellt: Wer wirklich klug ist, muss seine Überlegenheit nicht ständig verkünden. Ein Hund schon gar nicht. Er wedelt einfach mit dem Schwanz.
Vielleicht hat die Menschheit ihre Suche nach der Superintelligenz also am falschen Ort begonnen. Vielleicht steht sie längst neben uns, mit vier Beinen, langen Ohren und ausgezeichneter Beobachtungsgabe. Und sehr wahrscheinlich würde sie Donald Trump nicht zum Feind erklären. Sie würde ihn erst einmal gründlich beschnuppern. Danach könnte sie immer noch entscheiden.
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Bildquelle: CHIEW / shutterstock
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Dirk Ellerbrock, Jg. 1946, Dipl.-Sozialwissenschaftler, studierte Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie, arbeitete viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.
Mitte der 1990er wandte er sich spirituellen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Seminare Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung" (ISBN 978-3-8391-4517-3). 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift", das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.
Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock
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