Artikel

Von Mackinders Herzland-Theorie zum Roboterkrieg | Von Wolfgang Effenberger

Von Mackinders Herzland-Theorie zum Roboterkrieg | Von Wolfgang Effenberger

120 Jahre Geopolitik und die neue amerikanische Kriegsmaschine (T2COM & FASCOM)

Ein Meinungsbeitrag von Wolfgang Effenberger.

Die US Army hat am 30. September (AUTOWARCOM) und am 13. Oktober 2026 (FASCOM) bemerkenswerte organisatorische Entwicklungen bekannt gemacht: Das bisherige "Futures and Concepts Command" soll als "Futures and Autonomous Systems Command" neu ausgerichtet werden. Diese Ankündigung bietet einen konkreten Anlass, die zunehmende Bedeutung autonomer Systeme in der amerikanischen Militärplanung zu untersuchen. (1)

Wird aus der Entwicklung neuer Waffensysteme eine umfassende organisatorische Neuordnung des Krieges?

Die stringente Entwicklung von TRADOC über "Win in a Complex World 2020-2040" bis T2COM und FASCOM gibt all denen, die sich mit Friedenspolitik beschäftigen, Anlass zur Sorge. Diese Organisationsstrukturen lassen durchaus weiterführende Interpretation wie Omniwar oder autonome Kriegführung real erscheinen.

Das heutige Ergebnis scheint auf Mackinder 1904, die amerikanische Weltordnung nach 1990, die globale Militärpräsenz und die Frage nach der Kontrolle strategischer Räume zurückzugehen. 

120 Jahre Geopolitik und die neue amerikanische Kriegsmaschine

Wer die Entwicklung der modernen Kriegführung verstehen will, darf nicht erst bei Drohnen, künstlicher Intelligenz oder autonomen Waffensystemen beginnen. Die entscheidende Frage ist älter: Wer verfügt über die strategischen Räume, die Verkehrswege, die Rohstoffe und die technischen Mittel, mit denen sich politische Macht durchsetzen lässt?

Am 25. Januar 1904 stellte der britische Geograph Halford John Mackinder vor der Royal Geographical Society seinen Vortrag The Geographical Pivot of History vor. Er untersuchte darin, welche Bedeutung die geografische Lage des eurasischen Kontinents für das globale Machtgleichgewicht besitzt. Eisenbahnen, territoriale Größe, wirtschaftliche Ressourcen und militärische Beweglichkeit standen im Mittelpunkt seiner Überlegungen.

Mackinder erkannte, dass die technischen Veränderungen seiner Zeit das Verhältnis zwischen Land- und Seemacht verschoben. Die Eisenbahn konnte den Transport von Menschen und Material über weite kontinentale Räume beschleunigen und damit die strategische Bedeutung des eurasischen Binnenlandes erhöhen.

Seine Überlegungen begründeten keine zwangsläufige Entwicklung der Weltgeschichte. Sie lieferten jedoch ein geopolitisches Denkmodell: Die Kontrolle geografischer Räume und ihrer Verbindungen ist entscheidend für die Möglichkeit politischer und militärischer Macht.

Mehr als 120 Jahre später hat sich die Technik grundlegend verändert. An die Stelle der Eisenbahn als Symbol strategischer Mobilität sind Satelliten, digitale Kommunikationsnetze, Präzisionswaffen, unbemannte Flugkörper und autonome Systeme getreten. Doch die Grundfrage ist geblieben: Wie lassen sich räumliche, wirtschaftliche und technische Vorteile in politische Handlungsfähigkeit übersetzen?

Der Unterschied liegt in der Geschwindigkeit, der Reichweite und der zunehmenden Automatisierung militärischer Entscheidungen.

Der Geist von Mackinder beherrscht auch heute noch das gesamte strategische Denken Amerikas. Der amerikanische Geograf Nikolas J. Spykman passte dieses Denken mit seiner Theorie des Rimland (eurasische „Randland“) dem Kontext des Zweiten Weltkrieges an. Der sowjetisch-amerikanische Kalte Krieg und die Containment-Doktrin sind, geopolitisch betrachtet, der Kampf der atlantischen Seemacht gegen das sowjetische Herzland. Von Realisten wie Kissinger und Brzezinski bis zu den heutigen Neokonservativen richtet sich die gesamte amerikanische Geopolitik in der Tradition Mackinders gegen die doppelte Gefahr (von den USA aus betrachtet) der Allianz einer Großmacht Europa mit Russland oder einer Allianz von Russland mit China.
Nicholas J. Spykman formulierte, dass immer wer immer Eurasien regiert, das Schicksal der Welt kontrolliert. Aus diesem Grund mußte die US-Außenpolitik dafür sorgen, dass die eurasische Landmasse nie eine überwältigend dominierende Macht in Europa und dem Fernen Osten beherbergt; insbesondere musste man eine feindliche, totalitäre Nation daran hindern, politische oder militärische Kontrolle über Zentraleurasien plus jegliche wesentlichen Teile der eurasischen "Randländer" zu errichten. (2) 

Von der Geopolitik zur globalen Ordnung nach 1990

Mit dem Ende des Kalten Krieges entstand eine neue strategische Konstellation. Die Sowjetunion zerfiel, die Vereinigten Staaten blieben als militärisch und wirtschaftlich besonders leistungsfähige Macht zurück. In Washington stellte sich damit nicht nur die Frage nach der Sicherheit des eigenen Landes, sondern auch nach der Gestaltung der internationalen Ordnung.

George H. W. Bush sprach am 11. September 1990 vor dem US-Kongress von einer „neuen Weltordnung“. Diese Formulierung war zunächst eine politische Zielvorstellung und kein Beweis für einen einheitlichen, über Jahrzehnte unverändert gebliebenen Masterplan. Gleichwohl lohnt es sich, die anschließenden Strategiedokumente und militärischen Reformen in ihrem historischen Zusammenhang zu untersuchen.

Ein wichtiger Bezugspunkt ist die 1992 bekannt gewordene Defense Planning Guidance des US-Verteidigungsministeriums. Der Entwurf behandelte die Verhinderung des Wiederaufstiegs eines gleichrangigen globalen Konkurrenten als strategisches Anliegen. Die Debatte darüber macht deutlich, dass die Frage nach einer dauerhaft gesicherten amerikanischen Vorrangstellung bereits unmittelbar nach dem Ende des Ost-West-Konflikts diskutiert wurde.

Auch die amerikanische Militärplanung veränderte sich. Das TRADOC-Pamphlet 525-5 Force XXI Operations von 1994 beschäftigte sich mit den Folgen des Informationszeitalters und den Anforderungen künftiger militärischer Operationen. Die Digitalisierung erschien darin nicht als bloße technische Ergänzung bestehender Streitkräfte, sondern als Faktor, der Organisation, Führung und Einsatzweise verändern würde.

Die militärische Planung ging zunehmend davon aus, dass Streitkräfte Informationen schneller erfassen, verarbeiten und in Handlungen umsetzen müssen. Die Verbindung von Aufklärung, Kommunikation und Wirkung wurde damit zu einem entscheidenden Bestandteil moderner Operationsführung.

Daraus folgt nicht, dass alle späteren Konflikte nach einem einzigen Plan abliefen. Es ergibt sich aber eine nachvollziehbare Entwicklungslinie: Die Sicherung strategischer Interessen wurde zunehmend mit globaler Beweglichkeit, technologischer Überlegenheit und der Fähigkeit verbunden, unterschiedliche militärische Mittel koordiniert einzusetzen. 

TRADOC und die Planung des zukünftigen Krieges

Eine wichtige Quelle für die Untersuchung dieser Entwicklung ist das US Army Training and Doctrine Command, kurz TRADOC. Seine Publikationen dienen dazu, zukünftige Anforderungen an die Landstreitkräfte zu beschreiben und daraus Konsequenzen für Ausbildung, Ausrüstung, Organisation und Operationsführung abzuleiten.

Das TRADOC-Pamphlet 525-3-1 The U.S. Army Operating Concept: Win in a Complex World 2020-2040 von 2014 formulierte die Herausforderung, in einer komplexen und sich ständig verändernden Umwelt militärisch handlungsfähig zu bleiben. Das Dokument betonte die Integration verschiedener Fähigkeiten und die Zusammenarbeit über mehrere operative Ebenen hinweg.

Dabei ist zwischen der ursprünglichen Fassung von 2014 und der späteren Weiterentwicklung der amerikanischen Landstreitkräftedoktrin zu unterscheiden. Für eine belastbare Analyse müssen die jeweiligen Ausgaben und ihre konkreten Aussagen getrennt geprüft werden.

Der entscheidende Gedanke liegt in der Verbindung von Informationsgewinnung, Führung, Bewegung und Wirkung. Militärische Überlegenheit soll nicht allein aus der Zahl der Soldaten oder Waffen entstehen. Sie hängt ebenso davon ab, wie schnell eine Streitkraft Situationen erkennt, gegnerische Handlungen antizipiert und eigene Fähigkeiten zusammenführt.

Hier liegt eine Brücke zur autonomen Kriegführung.

Ein autonomes System ist nicht nur ein unbemanntes Fahrzeug. Entscheidend ist, welche Aufgaben es selbstständig wahrnehmen darf, wie es Informationen verarbeitet, welche Entscheidungen es trifft und an welchen Stellen Menschen eingreifen oder die Kontrolle behalten.

Die Entwicklung führt deshalb über die technische Konstruktion einzelner Plattformen hinaus. Sie berührt die gesamte Organisation militärischer Kräfte.

Vom Informationskrieg zur autonomen Kriegführung 

Die technische Entwicklung lässt sich in mehreren, miteinander verbundenen Schritten beschreiben.

Zunächst wurden Aufklärung und Kommunikation digitalisiert. Satelliten, Sensoren und vernetzte Führungsmittel ermöglichten es, Informationen aus unterschiedlichen Quellen schneller zusammenzuführen.

Darauf folgte die zunehmende Automatisierung einzelner Prozesse. Systeme können große Datenmengen auswerten, Bewegungen verfolgen, mögliche Ziele markieren und Handlungsvorschläge erzeugen. Künstliche Intelligenz erweitert diese Fähigkeiten, wobei ihre Zuverlässigkeit von Datenqualität, Einsatzumgebung und technischer Ausgestaltung abhängt.

Der nächste Schritt besteht darin, unbemannte und bemannte Systeme miteinander zu verbinden. Fluggeräte, Bodenfahrzeuge, Sensoren und logistische Systeme können als Bestandteile eines gemeinsamen Verbundes eingesetzt werden. Damit verschiebt sich die Frage von der Leistungsfähigkeit einer einzelnen Waffe zur Leistungsfähigkeit des Gesamtsystems.

Autonomie kann dabei unterschiedliche Bedeutungen haben: Ein System kann sich selbstständig bewegen, Hindernissen ausweichen, Informationen auswerten oder bestimmte Aufgaben ausführen. Daraus folgt nicht automatisch, dass es auch selbstständig über einen tödlichen Waffeneinsatz entscheidet. Diese Unterscheidung ist für jede sachliche Diskussion unerlässlich.

Dennoch entsteht eine neue militärische Qualität, wenn immer mehr Funktionen miteinander verknüpft werden. Ein schnellerer Informationsfluss kann Entscheidungsprozesse beschleunigen. Eine größere Zahl unbemannter Systeme kann die räumliche Verteilung militärischer Fähigkeiten verändern. Automatisierte Prozesse können die Abhängigkeit von einzelnen Bedienern verringern, zugleich aber neue technische und organisatorische Abhängigkeiten schaffen.

Die zentrale Frage lautet deshalb nicht nur: Was kann ein Roboter?

Sie lautet vielmehr: Welche Aufgaben übernimmt er innerhalb einer militärischen Organisation, welche Entscheidungen werden automatisiert und wer trägt Verantwortung für die Folgen?

13. Oktober 2026: Ein neuer organisatorischer Schritt

Am 30. September 2026 kündigte US-Verteidigungsminister Pete Hegseth die Einrichtung eines Autonomous Warfare Command an. Am 1. Oktober wies der kommissarische Heeresminister Adam Telle die Einrichtung des U.S. Army Futures and Autonomous Systems Command" an – kurz FASCOM. Die US Army veröffentlichte dazu am 2. Oktober eine Mitteilung.

Am 13. Oktober wurde außerdem öffentlich bekannt, dass das bisherige "Futures and Concepts Command" als FASCOM neu bezeichnet und ausgerichtet wird. Nach den veröffentlichten Angaben soll das Kommando autonome Fähigkeiten in unterschiedlichen Bereichen der Landstreitkräfte entwickeln und integrieren. Dazu zählen unter anderem Aufklärung, Luftfahrt, gepanzerte Kräfte, Feuerunterstützung, Pionieraufgaben und logistische Funktionen.

Die US Army verbindet damit Organisationsentwicklung, Beschaffung, Ausbildung und Personalplanung. Für bestimmte autonome Fähigkeiten wurden Ziele bis zum Haushaltsjahr 2028 genannt.

Diese Angaben sind mehr als eine allgemeine Absichtserklärung zur Förderung neuer Technik. Sie zeigen, dass autonome Systeme stärker in die reguläre Struktur der Streitkräfte eingebunden werden sollen.

Gleichzeitig muss zwischen angekündigten Zielen, organisatorischen Maßnahmen und tatsächlich erreichten Fähigkeiten unterschieden werden. Eine neue Kommandostruktur beweist noch nicht, dass alle vorgesehenen Systeme bereits einsatzreif sind oder im Gefecht zuverlässig zusammenarbeiten.

Gerade deshalb ist der Vorgang strategisch interessant. Wenn autonome Fähigkeiten dauerhaft in Ausbildung, Beschaffung und Truppenstruktur verankert werden, verändert sich nicht nur das technische Arsenal. Es verändert sich auch direkt, wie Streitkräfte ihre zukünftigen Operationen planen.

Der historische Zusammenhang zu TRADOC liegt in der wiederkehrenden Verbindung von Zukunftsplanung, Doktrin, technischer Innovation und militärischer Umgestaltung. 

Vom Heartland zum vernetzten Operationsraum

Mackinders geopolitische Überlegungen richteten den Blick auf den eurasischen Kontinent und die Bedeutung seiner geografischen Lage. In der heutigen Welt reicht es nicht mehr aus, strategische Räume allein anhand von Landflächen, Häfen oder Eisenbahnlinien zu betrachten.

Hinzu kommen Satellitenverbindungen, Unterseekabel, Datenzentren, Energieinfrastrukturen, globale Lieferketten und digitale Kommunikationssysteme. Sie bilden eine technische Infrastruktur, von der sowohl zivile Wirtschaft als auch moderne Streitkräfte abhängen.

Damit verändert sich der Begriff des strategischen Raums. Ein Gebiet kann militärisch bedeutsam sein, weil es Verkehrswege kontrolliert, Rohstoffe bereitstellt oder Zugang zu wichtigen Seegebieten ermöglicht. Es kann ebenso bedeutsam sein, weil dort Kommunikationsverbindungen verlaufen oder digitale Systeme gesteuert werden.

Autonome Kriegführung verbindet diese Dimensionen. Ein unbemanntes System benötigt nicht nur einen Antrieb und Sensoren. Es muss gegebenenfalls navigieren, Informationen verarbeiten, mit anderen Systemen kommunizieren und in eine operative Struktur eingebunden werden. Die Leistungsfähigkeit hängt damit auch von Energieversorgung, Software, Daten, Wartung und industrieller Fertigung ab.

Geopolitik wird dadurch nicht überflüssig. Sie wird um eine technologische Dimension erweitert.

Wer über wichtige Produktionskapazitäten, Halbleiter, Kommunikationsnetze, Softwarekompetenz und Rohstoffe verfügt, besitzt Einfluss auf die militärischen Möglichkeiten anderer Staaten. Wer solche Abhängigkeiten reduzieren will, muss deshalb nicht nur Waffen beschaffen, sondern auch industrielle und technische Voraussetzungen sichern.

Die Auseinandersetzung um strategische Räume findet somit zugleich auf der Landkarte, in der industriellen Produktion und in digitalen Netzwerken statt. 

Omniwar: ein analytischer Begriff für die Verbindung der Ebenen 

Für diese Entwicklung lässt sich der Begriff Omniwar als analytischer Rahmen verwenden. Er beschreibt die Vorstellung, dass künftige Konflikte mehrere miteinander verbundene Ebenen umfassen: militärische Operationen, Wirtschaft, Information, Technologie, Kommunikation und gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit.

Der Begriff ist nur dann hilfreich, wenn er konkrete Vorgänge unterscheidbar macht. Nicht jede digitale Störung ist Krieg, nicht jede wirtschaftliche Konkurrenz ist militärische Auseinandersetzung und nicht jede Anwendung künstlicher Intelligenz ist Teil eines autonomen Waffensystems.

Entscheidend ist vielmehr, ob und wie unterschiedliche Instrumente miteinander koordiniert werden, welche Ziele sie verfolgen und welche Folgen sie für die Handlungsfähigkeit eines Staates haben.

Autonome Systeme könnten diese Verbindung verstärken. Sie können Informationen aus unterschiedlichen Quellen verarbeiten, Aufgaben unter bestimmten Bedingungen selbstständig ausführen und mit anderen Plattformen zusammenarbeiten. Zugleich können sie durch fehlerhafte Daten, technische Störungen, Manipulation oder Kommunikationsausfälle verwundbar werden.

Eine militärische Organisation, die sich stark auf automatisierte Systeme stützt, gewinnt möglicherweise an Geschwindigkeit und Reichweite. Sie schafft aber auch neue Abhängigkeiten und muss mit Fehlern rechnen, deren Folgen sich über mehrere miteinander verbundene Systeme ausbreiten können.

Damit wird die Fähigkeit zur technischen Integration zu einer strategischen Ressource – und die Kontrolle über diese Integration zu einer politischen und rechtlichen Aufgabe. 

Die multipolare Welt und das Sicherheitsdilemma

Die Vereinigten Staaten sind nicht die einzigen, die ihre Streitkräfte modernisieren. Auch China, Russland und weitere Staaten entwickeln unbemannte Systeme, künstliche Intelligenz, elektronische Kampfführung und neue Formen der Vernetzung. Die jeweiligen Fähigkeiten, Ziele und Einsatzkonzepte unterscheiden sich und müssen anhand konkreter Quellen untersucht werden.

In einer multipolaren Weltordnung konkurrieren mehrere Machtzentren um Sicherheit, wirtschaftlichen Einfluss und strategische Handlungsfreiheit. Die technologische Entwicklung findet deshalb nicht in einem politischen Vakuum statt.

Wenn ein Staat autonome Systeme zur eigenen Verteidigung entwickelt, können andere Staaten darin eine Bedrohung ihrer Sicherheit sehen. Sie reagieren mit eigenen Programmen, erweitern ihre Fähigkeiten und begründen dies wiederum mit dem Verhalten ihrer Konkurrenten. So kann ein Sicherheitsdilemma entstehen: Maßnahmen, die eine Seite als Schutz versteht, können auf der anderen Seite die Furcht vor einem Angriff verstärken.

Dieser Mechanismus ist nicht neu. Neu sind möglicherweise die Geschwindigkeit, die Skalierbarkeit und die zunehmende Verknüpfung technischer Systeme.

Die Gefahr liegt nicht allein in einem einzelnen autonomen Waffensystem. Sie liegt auch darin, dass kurze Reaktionszeiten, unvollständige Informationen und automatisierte Abläufe den politischen Entscheidungsspielraum in einer Krise verkleinern könnten.

Gleichzeitig kann Technik Risiken reduzieren, wenn sie etwa der Aufklärung, der Entschärfung von Minen, der Logistik oder dem Schutz von Menschen dient. Die Folgen hängen vom konkreten Einsatz, den technischen Grenzen und den politischen Regeln ab.

Eine multipolare Ordnung muss daher nicht zwangsläufig zu einem neuen globalen Krieg führen. Sie verlangt jedoch Verfahren, mit denen Staaten ihre Sicherheitsinteressen artikulieren, Missverständnisse begrenzen und Rüstungskonkurrenz kontrollierbar halten können.

Die rechtliche und menschliche Grenze

Mit der zunehmenden Autonomie militärischer Systeme verschärft sich die Frage nach der Verantwortung.

Das humanitäre Völkerrecht verpflichtet die Konfliktparteien unter anderem zur Unterscheidung zwischen militärischen Zielen und Zivilpersonen, zur Beachtung der Verhältnismäßigkeit und zu Vorsichtsmaßnahmen beim Angriff. Diese Anforderungen gelten auch dann, wenn bei der Durchführung militärischer Handlungen automatisierte oder autonome Technologien eingesetzt werden.

Die technische Möglichkeit, ein Ziel zu erkennen, bedeutet noch nicht, dass seine Bekämpfung rechtlich zulässig ist. Eine Maschine kann Daten verarbeiten und Muster identifizieren. Die rechtliche Bewertung eines konkreten Einsatzes hängt jedoch von der Situation, den verfügbaren Informationen und den geltenden Regeln ab.

Deshalb reicht es nicht, die Frage nach menschlicher Kontrolle auf einen einfachen Schalter zwischen „Mensch“ und „Maschine“ zu reduzieren. Zu untersuchen ist, wer den Einsatz freigibt, wer die Einsatzparameter festlegt, wer das System überwacht, welche Eingriffsmöglichkeiten bestehen und wie Verantwortlichkeit im Nachhinein festgestellt werden kann.

Die internationale Diskussion über autonome Waffensysteme muss diese Fragen konkret beantworten. Technische Leistungsfähigkeit allein kann die rechtliche und politische Verantwortung nicht ersetzen. 

Vom technologischen Wettlauf zur Friedensordnung 

Die historische Linie von Mackinder bis zur autonomen Kriegführung zeigt keinen zwangsläufigen Weg in einen Weltkrieg. Sie zeigt vielmehr, wie sich die Mittel verändern, mit denen Staaten geografische, wirtschaftliche und technologische Vorteile in Macht umsetzen.

1904 standen die strategische Bedeutung des eurasischen Raumes und die neue Mobilität durch Eisenbahnen im Mittelpunkt. Nach 1990 rückten globale militärische Handlungsfähigkeit, Informationsverarbeitung und die Frage nach der internationalen Führungsrolle der Vereinigten Staaten stärker in den Vordergrund. Heute werden autonome Systeme zunehmend in die Organisation und Planung der Streitkräfte eingebunden.

Die entscheidende Veränderung ist daher nicht allein der Roboter auf dem Gefechtsfeld. Es ist die Verbindung von strategischer Planung, industrieller Leistungsfähigkeit, digitaler Infrastruktur und automatisierter Ausführung.

Ob diese Entwicklung die internationale Stabilität erhöht oder gefährdet, ist noch offen. Vieles hängt davon ab, wie Staaten ihre Fähigkeiten einsetzen, welche Grenzen sie vereinbaren und wie sie mit den Sicherheitsinteressen anderer umgehen.

Eine tragfähige Friedensordnung darf deshalb weder technologische Entwicklungen ignorieren noch sie als unausweichliches Schicksal hinnehmen. Sie muss die tatsächlichen Fähigkeiten untersuchen, die Interessen der Beteiligten offenlegen und Regeln schaffen, die eine Eskalation begrenzen.

Dazu gehört auch, strategische Dokumente sorgfältig zu lesen. Zwischen einer veröffentlichten Doktrin, einer politischen Zielsetzung, einer organisatorischen Entscheidung und einer nachgewiesenen Absicht zur Vorbereitung eines bestimmten Krieges bestehen erhebliche Unterschiede. Wer diese Unterschiede beachtet, kann Zusammenhänge erkennen, ohne aus Indizien voreilige Gewissheiten abzuleiten.

Mackinders geopolitische Frage bleibt damit in veränderter Form aktuell: Wie entsteht Macht aus der Verbindung von Raum, Technik und Organisation? Die Antwort des 21. Jahrhunderts wird nicht allein auf Landkarten oder in militärischen Planungsstäben gegeben. Sie wird ebenso in Forschungszentren, Produktionshallen, Rechenzentren und internationalen Verhandlungen entschieden.

Die Zukunft ist nicht allein eine Frage der Waffen, sondern auch eine Frage der politischen Ordnung, in der sie eingesetzt werden.

Frieden in Freiheit durch Wahrheit bedeutet deshalb, strategische Entwicklungen weder zu verharmlosen noch zu dramatisieren, sondern ihre Voraussetzungen, Interessen und Folgen offenzulegen. Nur auf dieser Grundlage lässt sich beurteilen, welche technischen Möglichkeiten der Sicherheit dienen – und welche politischen Entscheidungen neue Gefahren schaffen.

Nicht die einzelne Waffe verändert den Krieg, sondern möglicherweise das Zusammenspiel von Organisation, Technologie, Doktrin und politischem Machtanspruch. Und möglicherweise erhöht die zunehmende Vernetzung die Gefahr einer schwer kontrollierbaren Eigendynamik.

+++

Anmerkungen und Quellen

1. Halford J. Mackinder: The Geographical Pivot of History, Vortrag 1904, veröffentlicht im The Geographical Journal. (3)

2. U.S. Army TRADOC: Force XXI Operations, TRADOC Pamphlet 525-5, 1994.

3. U.S. Army TRADOC: The U.S. Army Operating Concept: Win in a Complex World, TRADOC Pamphlet 525-3-1, 2014. (4)

4. U.S. Army Public Affairs: Army announces Futures and Autonomous Systems Command, 2. Oktober 2026. (5)

5. ures and Concepts Command as new

Wolfgang Effenberger, Jahrgang 1946, erhielt als Pionierhauptmann bei der Bundeswehr tiefere Einblicke in das von den USA vorbereitete "atomare Gefechtsfeld" in Europa. Nach zwölfjähriger Dienstzeit studierte er in München Politikwissenschaft sowie Höheres Lehramt (Bauwesen/Mathematik) und unterrichtete bis 2000 an der Fachschule für Bautechnik. Seitdem publiziert er zur jüngeren deutschen Geschichte und zur US-Geopolitik. Zuletzt erschienen vom ihm:

  • „Schwarzbuch EU & NATO“ (2020)
  • "Die unterschätzte Macht" (2022)
  • "Vom Krieg zur Weltordnung" (Juni 2026)
  • "Der Kalte Geist des Krieges " (Oktober 2026)

+++

1) https://breakingdefense.com/2026/10/laneve-redesignates-armys-futures-and-concepts-command-as-new-fascom-autonomy-command/?utm_source=chatgpt.com

2) Mit der Geopolitik zur Weltherrschaft
Halford John Mackinder & Wolfgang Effenberger, Rottenburg 2024

3) https://disp.web.uniroma1.it/sites/default/files/Mackinder_Geographical%2BPivot%2Bof%2BHistory.pdf

4) https://api.army.mil/e2/c/downloads/367967.pdf

5) https://www.army.mil/article/295913/army_announces_futures_and_autonomous_systems_command

+++

Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

+++

Bild: Bewaffnete Roboter marschieren in Formation
Bildquelle: Pavel Chagochkin / shutterstock


+++
Ihnen gefällt unser Programm? Machen wir uns gemeinsam im Rahmen einer "digitalen finanziellen Selbstverteidigung" unabhängig vom Bankensystem und unterstützen Sie uns bitte mit der:

Spenden-Kryptowährung „Nackte Mark“: https://apolut.net/unterstuetzen/#nacktemark

oder mit

Bitcoin: https://apolut.net/unterstuetzen#bitcoin

Informationen zu weiteren Unterstützungsmöglichkeiten finden Sie hier: https://apolut.net/unterstuetzen/

+++
Bitte empfehlen Sie uns weiter und teilen Sie gerne unsere Inhalte in den Sozialen Medien. Sie haben hiermit unser Einverständnis, unsere Beiträge in Ihren eigenen Kanälen auf Social-Media- und Video-Plattformen zu teilen bzw. hochzuladen und zu veröffentlichen.

+++
Abonnieren Sie jetzt den apolut-Newsletter: https://apolut.net/newsletter/

+++
Unterstützung für apolut kann auch als Kleidung getragen werden! Hier der Link zu unserem Fan-Shop: https://harlekinshop.com/pages/apolut

Wolfgang Effenberger AUTOWARCOM FASCOM US-Armee Halford John Mackinder Nikolas J. Spykman TRADOC Roboter


Artikel vorlesen MP3 Download
0:00
0:00