Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
Die US-Luftwaffe hat öffentlich eingeräumt, aktiv Waffen im Erdorbit zu stationieren. Kein Test, keine Ankündigung eines zukünftigen Programms, sondern die Bestätigung eines bereits laufenden Einsatzes – ohne Angaben dazu, was, wann und womit gestartet wurde. Air-Force-Staatssekretär Troy Meink verkündete es auf der Jahreskonferenz der Air & Space Forces Association, deren Motto in diesem Jahr bezeichnenderweise "Advancing Air & Space Dominance" lautete: Man verfüge jetzt über "Space Control Weapons" im Orbit, die den Verbund der Streitkräfte gegen feindliches Vorgehen verteidigen könnten. Offen ließ er, ob es sich um kinetische Systeme handelt, die Ziele physisch zerstören, oder um nicht-kinetische, die sie lediglich stören oder blenden.
Der ehemalige UN-Waffeninspekteur Scott Ritter hat dazu in einem aktuellen Gespräch Hintergründe geliefert, die über die bloße Meldung hinausgehen. Die naheliegende Reaktion wäre, die Einzelheiten zu prüfen: Existiert die Fähigkeit wirklich, wie beschrieben? Das sei die falsche Frage. Interessant ist nicht, ob die Angaben im Detail stimmen, sondern was der Akt der öffentlichen Bestätigung selbst innerhalb der bestehenden Machtverhältnisse bewirkt – und was er ungewollt preisgibt.
Es handelt sich, glaubt man Ritter, nicht um kinetische Waffen, die Satelliten physisch zerstören, sondern um Systeme elektronischer Kampfführung – Satelliten, die gegnerische Aufklärungssysteme überlagern, stören oder für begrenzte Zeit lahmlegen können, reversibel und damit ohne den unmittelbaren Vergeltungsdruck, den eine physische Zerstörung auslösen würde.
Genau ein solcher "Korridor der Blindheit", so Ritter, habe im März den unbemerkten Anflug amerikanischer B-2-Bomber auf iranische Nuklearanlagen ermöglicht. Die Fähigkeit ist also nicht neu, sie wurde nur bislang nicht eingestanden. Und diese Ankündigung stand nicht für sich: Nur zwei Wochen zuvor hatte das Space Command "Apollo Maneuvers 2026" abgeschlossen, die erste Live-Übung, bei der tatsächliche US-Militärsatelliten koordiniert über mehrere Orbits hinweg manövrierten, um – wie es in der Fachpresse unverblümt heißt – "orbitales Dogfighting" zu erproben. Auch das ist kein Zufall: Der Kommandeur des Space Command hatte schon im Vorfeld offen davon gesprochen, man brauche "orbitale Abfangjäger", um im All bestehen zu können. Meinks Ankündigung ist also weniger eine Randnotiz als der öffentliche Schlusspunkt einer bereits laufenden Umstellung auf Kriegsvorbereitung im Orbit, verpackt als Abschreckungssignal.
Und darin liegt der eigentliche Bruch. Solange alle Großmächte solche Fähigkeiten stillschweigend vorhalten, ohne sie zu benennen, funktioniert ein informelles Arrangement: Jeder weiß es, niemand muss reagieren. Die öffentliche Bestätigung beendet dieses Arrangement. Sie ist kein neutraler Informationsakt, sondern ein Sprechakt mit struktureller Zwangswirkung – Russland und China können sich eine unbeantwortete demonstrative Überlegenheit im All schlicht nicht leisten, unabhängig davon, ob sie eskalieren wollen. Verschärft wird das durch eine Lücke, die seit 1967 im Völkerrecht klafft: Der Weltraumvertrag jenes Jahres verbietet lediglich Massenvernichtungswaffen im Orbit, nicht aber konventionelle Waffen oder Störsysteme. Genau diese Lücke nutzt Washington jetzt aus – juristisch einwandfrei, aber normativ ein einseitiger Präzedenzfall, gegen den es kein durchsetzbares Instrument gibt. Moskau fordert seit Jahren, diese Lücke zu schließen, und verlangt – anders als bei früheren, auf Nuklearwaffen beschränkten Rüstungskontrollinitiativen – ein umfassendes Verbot jeglicher Bewaffnung des Alls. Washington hat solche Vorstöße wiederholt abgelehnt. Vor diesem Hintergrund liest sich die jetzige Ankündigung wie die Bestätigung dessen, was Moskau ohnehin unterstellt hat: dass es dem Westen nicht um Rüstungskontrolle geht, sondern um die Absicherung eines einseitigen Vorteils, solange er währt. Das ist die Logik des Sicherheitsdilemmas: Nicht Absicht treibt die Spirale an, sondern das Fehlen eines durchsetzbaren Regelwerks, das Zurückhaltung belohnen würde. Wer zuerst öffentlich Stärke demonstriert, zwingt die andere Seite zur Reziprozität – ein Mechanismus, der an die Logik der Vorkriegsjahre 1914 erinnert, als der wechselseitige Erwartungsdruck zur Mobilmachung wichtiger wurde als jede einzelne politische Entscheidung.
Der eigentliche Widerspruch aber liegt woanders, und er ist materiell, nicht rhetorisch: Genau jene Störfähigkeit, mit der Washington seine Überlegenheit vorführt, entwertet das eigene milliardenschwere Prestigeprojekt Golden Dome. Das geplante Raketenabwehrsystem ist, wie schon seine Kritiker seit den Star-Wars-Debatten der Achtzigerjahre einwenden, vollständig auf eine funktionierende, vernetzte Satelliteninfrastruktur angewiesen. Wer diese Infrastruktur mit Jamming-Satelliten lahmlegen kann – und genau das hat man soeben öffentlich demonstriert –, kann Golden Dome mit denselben Mitteln unbrauchbar machen, die man selbst gerade der Welt vorgeführt hat.
Wie tief diese Abhängigkeit von der Satelliteninfrastruktur geht, zeigen die inzwischen vorliegenden Zahlen: Das Congressional Budget Office beziffert die Gesamtkosten von Golden Dome mittlerweile auf 1,2 Billionen Dollar über zwanzig Jahre – gegenüber der ursprünglichen Hausnummer von 175 Milliarden, mit der das Projekt einst verkauft wurde. Rund 60 Prozent dieser Summe entfallen allein auf die weltraumgestützte Abfangschicht, also genau jenen Teil der Architektur, den eine gegnerische Störfähigkeit im Ernstfall lahmlegen würde.
Die Angst, die den US-Kongress schon einmal erfasste, als klar wurde, dass die gesamte strategische Kommunikation auf eine einzige, durch einen einzigen Ausfall lahmzulegende Satellitenarchitektur gesetzt worden war, kehrt hier in neuer, bezifferbarer Form zurück: Eine Militärdoktrin, die technologische Dominanz vollständig auf eine einzige angreifbare Infrastrukturschicht stützt, erzeugt strukturell ihre eigene Erpressbarkeit. Das ist keine Frage von Management oder politischem Kalkül Einzelner, sondern die materielle Konsequenz einer Machtarchitektur, die auf maximale Vernetzung statt auf Redundanz gesetzt hat – ein Muster, das sich durch die gesamte Zeitenwende-Kriegsökonomie zieht: Man rüstet auf Verwundbarkeit hin auf, weil das Aufrüsten selbst – über eine Billion Dollar für ein System, dessen Kernschicht durch die eigene, öffentlich vorgeführte Fähigkeit bereits kompromittiert scheint – längst eine eigene ökonomische Verwertungslogik erzeugt hat, die vom tatsächlichen Funktionieren des Systems gar nicht mehr abhängt.
So verbinden sich die Linien: Ein taumelnder Hegemon, der seine Überlegenheit öffentlich demonstrieren will, um Rivalen von einem vermuteten eigenen Vorhaben abzuschrecken, zwingt genau dadurch das Sicherheitsdilemma in eine neue, offene Phase – in einem rechtlichen Vakuum, das er selbst seit Jahren gegen Vorschläge zu seiner Schließung verteidigt hat – und legt zugleich, ungewollt, die Fragilität der eigenen Machtbasis bloß. Die Botschaft an Moskau und Peking lautet: Wir können euch blenden. Die unfreiwillige Botschaft an die eigene Bevölkerung lautet: Wir haben soeben erklärt, wie man uns blenden kann – und wir bauen gerade für über eine Billion Dollar genau die Infrastruktur, die dadurch verwundbar wird.
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Bildquelle: Frame Stock Footage / shutterstock
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Quellen
- Scott Ritter im Gespräch mit Danny Haiphong, "Trump Unleashes Space Weapon, Yemen Downs F-15 & Captures Pilots", 16.09.2026 (Ausgangstranskript dieses Artikels)
- Air-Force-Staatssekretär Troy Meink, Ankündigung auf der AFA-Konferenz, zitiert in: "Pentagon Admits Space Weapons Exist to Deter Attack; Experts Say Move May Invite It", Tech Times, 15.09.2026
- US Space Command, "Live-fly exercise advances maneuver warfare concepts...", Pressemitteilung, 08.09.2026, sowie "US military practices orbital dogfighting in 1st-ever 'live fly' exercise in space", Space.com – zu Apollo Maneuvers 2026 und der Aussage von Gen. Stephen Whiting zu benötigten "orbitalen Abfangjägern"
- Congressional Budget Office, zitiert nach AP-Meldung "Trump's proposed 'Golden Dome' estimated to cost $1.2 trillion, far more than he initially said", 12.05.2026 – Gesamtkosten und Anteil der weltraumgestützten Abfangschicht (60%)
- Theodore Postol (MIT, ehem. Pentagon-Berater), Einordnung der Golden-Dome-Architektur, dokumentiert u.a. in: "MIT Weapons Expert and Former Pentagon Adviser Calls Donald Trump's Golden Dome Missile System 'Total Delusion'...", CovertAction Magazine, 18.02.2026
- Zur russischen Standardposition (umfassendes Verbot aller Waffen im Orbit statt nur nuklearer): wiederholt dokumentierte Position des russischen Außenministeriums, u.a. Interfax-Zitate von Vize-Außenminister Sergej Rjabkow
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Dirk Ellerbrock, Jahrgang 1946, ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Nach Studien der Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie arbeitete er viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.
Mitte der 1990er wandte er sich mystischen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen-Buddhismus, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Unterweisungen Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung". 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift", das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.
Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock
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