Hitlers Hypnose – Fünfte Staffel von „Babylon Berlin“
“Die Lyrische Beobachtungsstelle” von Paul Clemente.
Die letzte Staffel soll es sein. Neun Jahre nach dem Start. Was war das damals für ein Thrill. „Babylon Berlin“: Die wilden Zwanziger, durch Digitaltechnik reanimiert. Im Zentrum: Die rote Burg, das Polizeipräsidium am Alexanderplatz. Und das lichtscheue Umfeld: Hinter jedem Café, jeder Apotheke, jedem Privatraum entdeckt man Hinterzimmer. Darin lauern Gangster, Verschwörer, Kommunisten, Konservative, SA-Schläger, Querfront-Aktivisten, Trotzkisten, Kriegsneurotiker und Offiziere, die eine heimliche Wiederaufrüstung der Reichswehr betreiben.
Auf der anderen Seite: Dampfendes Nachtleben. Kabaretts, Kino-Paläste, Pornofilm-Ateliers und Umschlagplätze für Junkies. Wilde Tänze auf dem Vulkan, bevorzugt im Moka Efti: Im Parterre ein eleganter Nachtclub während Prostituierte im Keller auf potenzielle Kunden lauern. Im grellen Rampenlicht präsentiert Swetlana Sorokina ihre „Rocky Horror Picture Show“, röhrt den morbiden Hit „Zu Asche, zu Staub“. Das Fieber einer ganzen Epoche: Zu wenigen Zeilen verdichtet. Und ja, niemand ist schöner als Liv Lisa Fries. Ihr Charakter - Polizeigehilfin Charlotte Ritter - ist in beiden Etagen aktiv.
Aber nach der zweiten Staffel verschwindet der „Babylon“-Faktor. Zurück bleibt ein dunkles Berlin. Weiterhin kriminell, aber ohne das Rasende, ohne das Bacchantische. In der fünften, aktuellen Staffel, von der ARD-Mediathek inzwischen freigeschaltet, werden erotische Grenzgänge wieder ausgegraben, aber lediglich zur Demonstration einer neuen Intoleranz. Als Auslöser von Verfolgung.
Die Handlung startet im Januar 1933. Da wird Normabweichung mit einem Schlag gefährlich. Linke und Regimegegner verschwinden. Urplötzlich. Keiner weiß wohin. Ein Transvestit auf nächtlicher Straße wird von einem SA-Schläger gestoppt. Der Angehaltene zeigt sein Attest: Ausgestellt vom berühmten Sexualforscher Professor Magnus Hirschfeld. Danach ist der Inhaber zum Tragen eines Kleides berechtigt. Aus psychologischen Gründen. „Noch“, ergänzt der SA-Mann lächelnd. Als wüsste er bereits, was die braune Führung für diese Menschen plant. Berlins Wandel: Aus Ekstase wird Furcht und Zittern.
„Babylon Berlin“ übernahm das dunkle Image der Spree-Metropole, das Ingmar Bergmann in „Das Schlangenei“ und Rainer Werner Fassbinder durch „Berlin Alexanderplatz“ ihr verpasst haben. Zwar erreichen die Regisseure Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten nicht die Vielschichtigkeit beider Vorläufer, bieten dafür aber Tempo und rasante Action.
Die aktuellen Folgen zeigen die letzten Tage der Weimarer Republik, das endgültige Verlöschen einer ehemals glühenden Stadt. Volker Kutschers Romanvorlagen verweilen dort noch bis zur Pogromnacht 1938. Da sind die farbigen Anzeigen, die auf Litfaßsäulen für Kino, Revue oder Tanz warben, längst durch antisemitische Hetzplakate ausgetauscht. Hass als letzter Rausch, bis zur Selbstzerfleischung.
Verschwunden in der neuen Staffel sind auch die bröcklig-grauen Mietskasernen. Deren Bewohner hausen in feuchten Wohnungen. Kaum ein Lichtstrahl dringt durchs Fenster. Auch Charlotte Ritter wohnte in so einem Silo, hat inzwischen aber eine berufliche Karriere absolviert: Von der Stenotypistin und Kriminalassistentin bis zur Kommissarin. Da ist natürlich Budenwechsel angesagt. Jetzt residiert sie in einem Reformwohnungsbau mit bepflanztem Hinterhof. Außerdem ist sie zur nervösen Raucherin geworden. Ihren früheren Glamour? Sucht man vergeblich. Sie ist jetzt vor allem eins: Ein beamtetes Arbeitstier. Erst nach Hitlers Machtübernahme schafft sie den Absprung: Sie emigriert in die Schweiz. - Diese Flucht erlaubt Volker Kutscher ihr erst später. In dem Roman „Marlowe“ heiratete sie Kommissar Rath und einen Pflegesohn namens Fritz. Ein ehemaliger Straßenjunge, der von NS-Institutionen zerrieben wird. Erst 1938 ist Charlotte endlich zur Flucht bereit.
Dem damaligen Zeitstil entsprechend, huldigt die fünfte Staffel der Neuen Sachlichkeit. Nur in der Rückblenden ins Jahr 1918 dominiert der Expressionismus: Durch die Ausleuchtung mit langen Schatten, aber auch durch typische Themen wie Hypnose oder die Kraft des Willens. Schauplatz: Das Reservelazarett von Pasewalk, kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges. Ein Gefreiter namens Adolf Hitler wird eingeliefert. Wegen Blindheit durch Senfgasvergiftung. Sagt er. Aber die Augen weisen keinerlei Verletzung auf. Der Psychiater Edmund Forster tippt auf hysterische Blindheit. Also appelliert er an die Willenskraft des Patienten. Den hypnotisierten Hitler textet er zu: Sein Wille sei unendlich. Selbst Unmögliches könne ihm gelingen. – Mancher wird sich fragen: Beruhen die Pasewalk-Szenen auf realem Geschehen? Oder sind sie pure Fiktion? – Antwort: Ersteres. Bernhard Horstmann hat diesen Vorfall in seinem Buch „Hitler in Pasewalk“ dokumentiert. Der Autor geht aber noch weiter, stellt eine steile These auf: Hitlers Hypothese wurde nicht fachgerecht beendet. Die Almacht-Suggestion blieb deshalb ungebrochener Antriebsmotor. Deshalb hielt Hitler sich bis zuletzt für „auserwählt“. Deshalb wandelte er sich zum rücksichtslosen Fanatiker. Er war bis zum Lebensende an einen hypnotischen Imperativ gefesselt.
Und genau hier setzt „Babylon Berlin“ an: Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler erwartet der NS-Führer seine Bestätigung durch die Wähler. Zeitlich parallel ermittelt Kommissarin Charlotte Ritter in einer Mordserie an ehemaligen Frontsoldaten. Auch ihr Lebensgefährte Kommissar Gereon Rath verschwindet spurlos. Und alle Indizien weisen nach Pasewalk. Im Archiv des Lazaretts vermutet man Hitlers Patientenakte. Aber als die Kommissarin sofortigen Einblick verlangt, stellt sich raus: Die ist leider verschwunden. Als wollte jemand belastendes Material entsorgen. Schließlich setzen auch politische Gegner auf die Akte, um Hitler für die Wahl zu disqualifizieren. Aber jeder, der ihren Inhalt kannte, wurde ermordet. Auch darin folgt das Szenario dem Horstmann-Buch: Laut „Hitler in Pasewalk“ sind Kenner der Unterlagen ebenfalls eines gewaltsamen Todes gestorben.
Einer der wenigen Ausnahmen war der im Exil lebende Schriftsteller Ernst Weiss. Auch in „Babylon Berlin“ hält er die Akten zugesandt. Weiss schrieb darüber den Roman „Der Augenzeuge“. Nach dessen Fertigstellung im Jahre 1940 beging er Suizid.
Natürlich gab es auch andere Versuche, den Aufstieg der NSDAP zu stoppen. Deswegen suchte der niederländische Kommunist Marinus van der Lubbe nach wirkungsvollen Orten für einen Brandanschlag - und wählte ausgerechnet den Reichstag. Ob van der Lubbe wirklich den Brand gelegt hat, ist bis heute umstritten. Das spätere Geständnis eines SA-Mannes behauptet das Gegenteil. In „Babylon Berlin“ wird Marinus van der Lubbe dennoch als Attentäter präsentiert. Außerdem versucht eine Untergrund-Bewegung, der auch Gereon Rath angehört, den künftigen Diktator mit Dynamit auszuschalten. Erfolglos.
Und heute, fast hundert Jahre später: Werden wir künftige Diktatoren erkennen und ausbremsen? Nach den Lockdown-Jahren ist man geneigt zu sagen: Eher nicht.
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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.
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Bild: Nürnberg - 5. März 2024: Eine alte 30er-Jahre-Periode nutzte auf einem Parteitag ein veröffentlichtes Foto von Adolf Hitler, dem Führer des nationalsozialistischen Deutschlands.
Bildquelle: Andreas Wolochow / Shutterstock
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