Ein Meinungsbeitrag von Uwe Froschauer.
Der Mensch beeinflusst das Klima. Natürlich tut er das. Acht Milliarden Menschen bauen Städte, roden Wälder, betreiben Landwirtschaft und Industrie und verbrennen Kohle, Öl und Gas. Das bleibt nicht ohne Folgen. Aber darum geht es in diesem Kapitel nur peripher.
Die ausschlaggebenden Fragen lauten: Wie groß ist der menschliche Anteil am Klimawandel tatsächlich? Welche konkreten Folgen ergeben sich daraus? Und welche Maßnahmen sind wirksam und verhältnismäßig? Statt vorschnell Katastrophenszenarien an die Wand zu malen und daraus immer weitreichendere Eingriffe abzuleiten, sollte zunächst geklärt werden, was wissenschaftlich belastbar ist, was tatsächlich hilft und ob Kosten, Nutzen und Nebenwirkungen in einem vernünftigen Verhältnis zueinander stehen.
Der Weltklimarat IPCC gibt darauf inzwischen eine präzise – und für mich fragwürdige – Antwort. Die vom Menschen verursachte Erwärmung zwischen 1850–1900 und 2010–2019 beziffert er auf 0,8 bis 1,3 Grad Celsius, als wahrscheinlichsten beziehungsweise zentralen Schätzwert nennt der IPCC 1,07 Grad Celsius. Natürlichen Einflüssen schreibt er für diesen Zeitraum lediglich eine Temperaturwirkung zwischen minus 0,1 und plus 0,1 Grad zu. Äußerst zweifelhaft. Im Synthesebericht von 2023 heißt es entsprechend, menschliche Aktivitäten hätten die globale Erwärmung „eindeutig“ verursacht.[1]
Woher weiß man das? Ein Thermometer kann die Temperatur messen. Es kann aber nicht anzeigen, welcher Anteil davon vom Menschen verursacht wurde. Daneben steht nicht: 14,6 Grad Natur, 0,7 Grad Mensch. Damit sind wir bei einem wichtigen wissenschaftlichen Begriff:
Attribution
Attribution bedeutet in diesem Zusammenhang, eine beobachtete Klimaveränderung bestimmten Ursachen beziehungsweise Einflussfaktoren zuzuordnen.
Sie kommen morgens in die Küche und der Boden ist nass. Das können Sie sehen und messen. Aber warum ist er nass? Ist die Spülmaschine undicht? Hat jemand Wasser verschüttet? Ist durch das offene Fenster Regen hereingekommen?
Dieses Beispiel verdeutlicht den Unterschied zwischen Detektion und Attribution. Detektion bedeutet festzustellen, dass sich etwas verändert hat. Attribution bedeutet, die Ursachen dieser Veränderung zu bestimmen beziehungsweise verschiedenen Einflussfaktoren zuzuordnen.[2]
Wir wissen, dass sich die Erde seit dem 19. Jahrhundert erwärmt hat. Aber wir besitzen keine zweite Erde als Kontrollplaneten, auf der seit 1850 alles genauso abgelaufen ist wie auf unserer – nur ohne Industrialisierung und menschliche CO₂-Emissionen. Also arbeitet die Klimaforschung mit Beobachtungen, physikalischen Erkenntnissen, statistischen Verfahren und Klimamodellen. Vereinfacht gesagt wird untersucht, wie sich das Klima unter ausschließlich natürlichen Einflüssen entwickelt hätte und wie es sich unter Einbeziehung menschlicher Einflüsse entwickelt. Anschließend werden die Ergebnisse mit der beobachteten Entwicklung verglichen.[3]
Das ist ein wissenschaftliches Verfahren. Aber es ist keine direkte Messung des menschlichen Temperaturanteils. Dieser Unterschied ist wesentlich.
Aus Wahrscheinlichkeit wurde „Gewissheit“
Die Sprache des IPCC hat sich verändert. 1995 legten die vorliegenden Erkenntnisse nach Einschätzung des IPCC einen „erkennbaren menschlichen Einfluss“ auf das globale Klima nahe. 2001 sah der IPCC stärkere Belege dafür, dass der größte Teil der Erwärmung der vorausgegangenen 50 Jahre menschlichen Aktivitäten zuzuschreiben sei. 2007 galt dies als „sehr wahrscheinlich“. Heute heißt es: eindeutig.[4]
Aus einem erkennbaren Einfluss wurde innerhalb weniger Jahre weitgehende Gewissheit. Begründet wird dies mit längeren Messreihen, Satellitendaten, leistungsfähigere Computer, weiterentwickelte Modelle und ein besseres Verständnis des Klimasystems.[5] So weit, so gut. Trotzdem bleibt die interessierende und entscheidende Frage:
Wie belastbar ist die Quantifizierung des menschlichen Anteils?
Modelle sind Werkzeuge, keine Wirklichkeit
Ein Klimamodell ist eine mathematische Annäherung an ein ungeheuer komplexes System. Atmosphäre, Ozeane, Wolken, Wasserdampf, Eis, Vegetation, Sonnenstrahlung und Aerosole beeinflussen sich gegenseitig, wie ich in vorangegangenen Kapiteln dargelegt habe. Diese Erkenntnisse sind unbestreitbar. Manche Vorgänge lassen sich relativ gut physikalisch beschreiben, andere müssen vereinfacht oder – wie die Wissenschaft sagt – parametrisiert werden.
Parametrisierung bedeutet: Vorgänge, die ein Modell nicht detailliert berechnen kann, werden durch vereinfachte mathematische Beziehungen dargestellt. Das macht Klimamodelle deswegen nicht wertlos. Sie sind unverzichtbare wissenschaftliche Werkzeuge. Aber wie jedes Werkzeug haben sie Grenzen.
Ross McKitrick und John Christy verglichen 38 Modelle der CMIP6-Generation – also Klimamodelle aus der sechsten Phase eines internationalen Forschungsprogramms, in dem die Ergebnisse verschiedener Klimamodelle nach gemeinsamen Vorgaben miteinander verglichen werden – mit Temperaturdaten aus Satelliten, Wetterballons und sogenannten Reanalysen. Für den untersuchten Zeitraum 1979 bis 2014 erwärmten sich die unteren und mittleren Schichten der Troposphäre in sämtlichen untersuchten Modellen stärker als in den herangezogenen Mess- und Beobachtungsdaten. Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass eine bessere Übereinstimmung mit den Beobachtungen niedrigere Werte der angenommenen Klimasensitivität erfordern würde.[6]
Damit stellt sich auch für den Laien eine naheliegende Frage: Wenn sämtliche untersuchten Modelle eine stärkere Erwärmung zeigen als die herangezogenen Mess- und Beobachtungsdaten, wie zuverlässig bilden diese Modelle dann die tatsächliche Klimaentwicklung ab? Klimamodelle beruhen schließlich nicht nur auf Messdaten und physikalischen Gesetzmäßigkeiten, sondern auch auf Annahmen und der modellhaften Darstellung komplexer Prozesse. Abweichungen zwischen Modell und Beobachtung sollten deshalb zumindest Anlass sein, die zugrunde liegenden Annahmen und die Aussagekraft der Modelle kritisch zu prüfen.
Auch der IPCC diskutiert Abweichungen zwischen Modellen und Beobachtungen. Das beweist zwar nicht, dass Klimamodelle grundsätzlich falsch sind. Aber es ist Vorsicht geboten, wenn aus Modellrechnungen politische Gewissheiten werden.
Der unterschätzte Einfluss natürlicher Klimaprozesse
Das Klima hat sich immer verändert – lange bevor der erste Mensch Kohle in eine Dampfmaschine schaufelte. Ozeanströmungen transportieren enorme Wärmemengen. El Niño und La Niña verändern Temperatur und Niederschläge auf großen Teilen der Erde. Vulkane können die Erde vorübergehend abkühlen. Sonnenaktivität, Wolken und Veränderungen innerhalb des gekoppelten Ozean-Atmosphäre-Systems wirken ebenfalls auf das Klima – wie in Kapitel 4 dargelegt.
Auch wenn der IPCC diese Faktoren nicht ignoriert, bleibt dennoch die Frage offen, wie genau ihre Wirkung und ihre Wechselwirkungen bekannt sind. Hier setzt beispielsweise die Klimaforscherin Judith Curry mit ihrer Kritik an. Sie bestreitet weder den Treibhauseffekt noch einen menschlichen Beitrag zur Erwärmung. Sie hält jedoch insbesondere die Unsicherheiten bei der natürlichen Klimavariabilität und der Klimasensitivität für bedeutsamer, als es die öffentliche Klimadebatte häufig vermittelt.[7]
Damit bleibt die entscheidende Frage: Wie belastbar ist die Quantifizierung des menschlichen Anteils?
Wie viel Mensch steckt im Klimawandel?
Entscheidend ist, wie der IPCC die beobachtete Erwärmung den verschiedenen Ursachen zuordnet. Wie zuvor dargelegt, unterscheidet er dabei zwischen menschlichen und natürlichen Einflüssen sowie der natürlichen internen Variabilität des Klimasystems.
Zu den menschlichen Einflüssen zählen vor allem zusätzliche, vom Menschen verursachte Emissionen von Treibhausgasen wie CO₂ und Methan sowie Aerosole und Veränderungen der Landnutzung. Zu den natürlichen Einflüssen gehören insbesondere Veränderungen der Sonnenaktivität und Vulkanausbrüche. Hinzu kommt die interne Variabilität – also natürliche Schwankungen innerhalb des Klimasystems selbst, beispielsweise durch das Zusammenspiel von Atmosphäre und Ozeanen.
Interessant wird es bei den Zahlen. Nach Einschätzung des IPCC haben die vom Menschen verursachten Treibhausgase die Erde zwischen 1850–1900 und 2010–2019 für sich genommen um 1,0 bis 2,0 Grad Celsius erwärmt. Gleichzeitig schreibt der IPCC anderen menschlichen Einflüssen, insbesondere Aerosolen, eine kühlende Wirkung zwischen 0 und 0,8 Grad zu. Vereinfacht gesagt: Der Mensch soll nach dieser Berechnung auf der einen Seite kräftig erwärmt und auf der anderen Seite einen Teil dieser Erwärmung selbst wieder gedämpft haben.
Auffallend und fragwürdig gering fällt dagegen der vom IPCC angenommene Beitrag der Natur aus. Natürliche äußere Einflüsse – beispielsweise Veränderungen der Sonnenaktivität oder Vulkanausbrüche – werden für diesen Zeitraum lediglich mit minus 0,1 bis plus 0,1 Grad angesetzt. Davon unterscheidet der IPCC die sogenannte, zuvor bereits angesprochene interne natürliche Variabilität. Gemeint sind Klimaschwankungen, die innerhalb des Klimasystems selbst entstehen, ohne dass dafür ein äußerer Anstoß wie zum Beispiel eine Veränderung der Sonnenaktivität notwendig wäre. Ein bekanntes Beispiel sind El Niño und La Niña: Durch Veränderungen der Meeresströmungen und des Wärmeaustauschs zwischen Ozean und Atmosphäre kann sich die globale Durchschnittstemperatur zeitweise erhöhen oder verringern. Für diese interne Variabilität setzt der IPCC einen Beitrag zwischen minus 0,2 und plus 0,2 Grad an.[8]
Das bedeutet freilich nicht, dass natürliche Schwankungen die globale Temperatur kurzfristig nur um höchstens 0,2 Grad verändern könnten. Ein starker El Niño kann die globale Durchschnittstemperatur eines einzelnen Jahres deutlich stärker beeinflussen. Die vom IPCC genannten plus/minus 0,2 Grad beziehen sich vielmehr auf den geschätzten Beitrag der internen Variabilität zur langfristigen Erwärmung zwischen dem Zeitraum 1850–1900 und dem Zehnjahresmittel 2010–2019 – also auf eine länger angelegte Betrachtungsweise.
Damit ergibt sich ein interessantes Bild: Die durch menschliche Treibhausgase verursachte Erwärmung soll nach Einschätzung des IPCC sogar größer als die tatsächlich beobachtete Erwärmung gewesen sein. Dass am Ende weniger davon übrig blieb, erklärt der IPCC vor allem mit gegenläufigen, ebenfalls vom Menschen verursachten Einflüssen – insbesondere der kühlenden Wirkung von Aerosolen. Nun gut.
Wenn ich dieser Erkenntnis auch nicht unbedingt folgen würde, ist die Erklärung vom IPCC physikalisch durchaus möglich. Schwefeldioxid aus Verbrennungsprozessen kann beispielsweise zur Bildung von Aerosolen beitragen, die Sonnenstrahlung reflektieren und dadurch kühlend wirken. Dabei ist deren Wirkung mit erheblich größeren Unsicherheiten verbunden als etwa der direkte Strahlungsantrieb durch CO₂ – also die Veränderung der Energiebilanz der Erde, die durch eine erhöhte CO₂-Konzentration und deren zusätzliche Absorption von Wärmestrahlung entsteht. Je nachdem, wie stark die kühlende Wirkung der Aerosole angesetzt wird, verändert sich zwangsläufig auch der Anteil der Erwärmung, der anderen Faktoren zugeschrieben wird.[9]
Hinzu kommt die Klimasensitivität. Sie beschreibt vereinfacht, wie stark sich die Erde langfristig erwärmt, wenn sich die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre verdoppelt. Der IPCC nennt für die sogenannte Gleichgewichts-Klimasensitivität einen wahrscheinlichen Bereich von 2,5 bis 4 Grad Celsius und 3 Grad als zentralen Schätzwert.[10]
Diese Spannbreite ist erheblich. Ob eine Verdoppelung des CO₂-Gehalts langfristig 2,5 oder 4 Grad Erwärmung bewirkt, macht für die Bewertung des menschlichen Einflusses einen beträchtlichen Unterschied.
Damit liegt der zu diskutierende Punkt auf dem Tisch: Der IPCC schreibt den größten Teil der langfristigen Erwärmung menschlichen Einflüssen zu und natürlichen Faktoren einen vergleichsweise kleinen Anteil. Wie sicher aber sind die Annahmen, auf denen diese Zuordnung und damit die 1,07 Grad menschengemachte Erwärmung beruhen?
1,07 Grad
Der IPCC formuliert mit großer Gewissheit, dass der Mensch die gegenwärtige globale Erwärmung verursacht habe. Wesentlich weniger eindeutig lässt sich jedoch beziffern, wie groß dieser menschliche Anteil genau ist. Die häufig genannten 1,07 Grad sind keine exakt gemessene Größe, sondern der zentrale Schätzwert innerhalb einer Bandbreite von 0,8 bis 1,3 Grad, die der IPCC als „likely“, also als wahrscheinlich, einstuft.
Diese Unterscheidung ist grundlegend: Hohe Gewissheit über einen menschlichen Einfluss ist nicht dasselbe wie hohe Gewissheit über dessen genaue Größenordnung. Hinter dieser Quantifizierung stehen Unsicherheiten, die für die Bewertung des menschlichen Anteils keineswegs nebensächlich sind.
Der IPCC nennt selbst unter anderem Grenzen der Klimamodelle, Unsicherheiten bei der natürlichen internen Variabilität und Unsicherheiten bei einzelnen Strahlungsantrieben. Besonders groß sind sie bei den Aerosolen. Hier liegt ein grundsätzliches Problem der Attribution: Wenn mehrere Einflussgrößen nur innerhalb bestimmter Bandbreiten bekannt sind, kann auch die daraus errechnete Zuordnung nicht genauer sein als ihre wesentlichen Ausgangsgrößen.
Ein einfaches Beispiel verdeutlicht das Problem: Ein Mensch hat innerhalb eines Jahres fünf Kilogramm abgenommen. Diese fünf Kilogramm lassen sich exakt feststellen. Gleichzeitig hat er seine Ernährung verändert, mehr Sport getrieben, weniger Alkohol getrunken und ein Medikament eingenommen. Dass diese Faktoren das Körpergewicht beeinflussen können, ist bekannt. Wesentlich schwieriger ist jedoch die Frage, welchen Anteil jeder einzelne Faktor an den fünf Kilogramm hatte. Sind die jeweiligen Wirkungen nur innerhalb bestimmter Bandbreiten bekannt, lässt sich auch ihr Anteil am Gesamtergebnis nicht exakt bestimmen.
Ähnlich verhält es sich bei der Klimaattribution: Die beobachtete Temperaturveränderung ist einigermaßen messbar. Wie viel davon einzelnen menschlichen und natürlichen Einflussfaktoren zugerechnet werden kann, muss dagegen aus Beobachtungen, physikalischen Zusammenhängen, statistischen Verfahren und Modellen hergeleitet werden.
Auch die bereits erwähnte Klimaforscherin Judith Curry setzt hier an. Sie kritisiert die Sicherheit, mit der der menschliche Anteil quantifiziert wird, und verweist insbesondere auf Unsicherheiten bei der natürlichen Variabilität und der Klimasensitivität.[11] Attributionsergebnisse hängen ihrer Auffassung nach wesentlich davon ab, wie zuverlässig Klimamodelle menschliche und natürliche Einflussgrößen voneinander trennen können. Wird die natürliche Variabilität unterschätzt, kann ein größerer Teil der beobachteten Erwärmung dem Menschen zugerechnet werden; wird sie überschätzt, wäre das Gegenteil der Fall. Maßgebend ist deshalb nicht nur, ob Modelle die beobachtete Temperaturentwicklung reproduzieren können, sondern ob sie dies aus den richtigen Gründen tun.
Ein gutes Beispiel für diese Unsicherheiten ist die bereits erwähnte Klimasensitivität. Der IPCC hält bei einer Verdoppelung der CO₂-Konzentration langfristig eine Erwärmung zwischen 2,5 und 4 Grad für wahrscheinlich. Zwischen beiden Werten liegen 1,5 Grad – bezogen auf den unteren Wert immerhin ein Unterschied von 60 Prozent.
Auch John Christy und Ross McKitrick setzen an der Belastbarkeit der Modelle an. Ihre bereits erwähnten Vergleiche von CMIP6-Modellen mit Beobachtungsdaten zeigen für die untersuchten Troposphärenschichten eine systematische Überschätzung der Erwärmung durch die Modelle.[6] Daraus folgt nicht, dass der menschliche Einfluss verschwindet. Es folgt aber die berechtigte Frage, ob Modelle, die bestimmte Temperaturentwicklungen zu stark abbilden, zugleich als Grundlage für eine sehr weitgehende Quantifizierung des menschlichen Anteils dienen sollten.
Noch grundsätzlicher ist das Problem der natürlichen Variabilität. Der IPCC kommt zu dem Ergebnis, dass natürliche äußere Antriebe zur langfristigen Erwärmung seit dem 19. Jahrhundert nur einen sehr kleinen Beitrag geleistet haben. Doch diese Aussage setzt voraus, dass die natürlichen Prozesse ausreichend verstanden und ihre Größenordnungen hinreichend erfasst sind.
Darüber besteht keine vollständige wissenschaftliche Gewissheit. Über die Größenordnung einzelner natürlicher Einflüsse, ihre Wechselwirkungen und ihre Bedeutung für die langfristige Klimaentwicklung bestehen weiterhin Unsicherheiten – und in einzelnen Fragen auch unterschiedliche wissenschaftliche Einschätzungen.
Die 1,07 Grad sind deshalb keine gemessene Naturkonstante. Sie sind ein wissenschaftlich hergeleiteter zentraler Schätzwert, der auf Beobachtungen, physikalischen Erkenntnissen, statistischen Verfahren und Modellannahmen beruht. Das macht ihn nicht wertlos. Aber es macht einen Unterschied, ob eine Zahl gemessen oder unter bestimmten Annahmen hergeleitet wurde. Dieser Unterschied geht in der politischen und medialen Klimadebatte häufig verloren.
Wie sicher lässt sich der natürliche Anteil bestimmen?
Die natürlichen Einflussfaktoren wurden bereits ausführlich dargestellt. Sie werden an dieser Stelle deshalb nicht erneut aufgezählt. Die zu klärende Frage ist: Wie sicher lässt sich ihr Anteil an der beobachteten Erwärmung bestimmen?
Der IPCC kommt, wie dargelegt, zu einem relativ eindeutigen Ergebnis. Natürliche äußere Antriebe sollen zur Erwärmung zwischen 1850–1900 und 2010–2019 lediglich zwischen minus 0,1 und plus 0,1 Grad beigetragen haben. Für die interne natürliche Variabilität nennt er minus 0,2 bis plus 0,2 Grad.[8] Der langfristige Temperaturanstieg wird damit nahezu vollständig menschlichen Einflüssen zugerechnet.
Diese Gewichtung sollte jedoch näher beleuchtet werden. Natürliche Klimaschwankungen sind keine unbekannte Randerscheinung. Die Klimageschichte zeigt erhebliche Temperaturveränderungen lange vor der Industrialisierung. Daraus folgt selbstverständlich nicht, dass auch die heutige Erwärmung überwiegend natürlich sein muss. Es zeigt aber, dass das Klimasystem aus sich heraus und aufgrund natürlicher äußerer Einflüsse beträchtliche Veränderungen hervorbringen kann.
Das eigentliche Problem liegt deshalb in der Trennung der Ursachen. Die beobachtete Temperaturentwicklung ist das Ergebnis vieler gleichzeitig wirkender Prozesse. Der anthropogene Einfluss lässt sich nicht einfach messen und anschließend vom natürlichen Anteil abziehen. Beide müssen anhand ihrer erwarteten räumlichen und zeitlichen Muster, physikalischer Zusammenhänge, Beobachtungsdaten und Modellrechnungen voneinander unterschieden werden.
Dabei spielt die Länge der betrachteten Zeiträume eine erhebliche Rolle. Kurzfristige natürliche Schwankungen wie El Niño und La Niña können die globale Mitteltemperatur deutlich beeinflussen, ohne deshalb einen langfristigen Erwärmungstrend zu erklären. Umgekehrt können längerfristige Veränderungen innerhalb der Ozeane und des gekoppelten Ozean-Atmosphäre-Systems über Jahrzehnte wirken. Deren Größenordnung und Verlauf sind für die Attribution von Bedeutung.
Auch die Sonne verdeutlicht das Problem. Die direkte Veränderung der Sonneneinstrahlung seit Beginn zuverlässiger Satellitenmessungen ist vergleichsweise klein und reicht nach Einschätzung des IPCC nicht aus, um die jüngste globale Erwärmung zu erklären.[12] Daraus folgt jedoch zunächst nur, dass die gemessene Veränderung der direkten solaren Einstrahlung als Erklärung nicht genügt. Die Frage, wie sämtliche natürlichen Prozesse und ihre Wechselwirkungen über längere Zeiträume zusammenspielen, ist damit nicht automatisch beantwortet.
Es wäre deshalb falsch, die gegenwärtige Erwärmung vorschnell überwiegend natürlichen Ursachen zuzuschreiben. Ebenso falsch wäre es, natürliche Einflüsse aufgrund der starken anthropogenen Attribution des IPCC als weitgehend bedeutungslos abzutun. Wissenschaftlich entscheidend bleibt, wie zuverlässig beide Anteile voneinander getrennt werden können.
An diesem Punkt zeigt sich ein grundlegender Unterschied zwischen wissenschaftlichem Befund und öffentlicher Botschaft: Wissenschaft arbeitet mit Bandbreiten, Wahrscheinlichkeiten und Unsicherheiten. In Politik und Medien verschwinden diese Einschränkungen nicht selten hinter „eindeutigen“ Aussagen und „alternativlosen“ Konsequenzen. In meinen Augen: grober Unfug!
Vom wissenschaftlichen Befund zur politischen Gewissheit
Bis hierher ging es um Wissenschaft. Um Messungen, Modelle, Wahrscheinlichkeiten, Bandbreiten und Unsicherheiten. In der politischen und medialen Kommunikation bleibt davon häufig wenig übrig. Aus einer komplexen Attributionsfrage wird ein einfacher Satz: Der Klimawandel ist menschengemacht.
So erklärte Bundesumweltminister Carsten Schneider 2025 im Bundestag schlicht: „Dieser Klimawandel ist menschengemacht.“ Er werde vor allem durch das Verbrennen fossiler Energieträger verursacht.[13] Das Umweltbundesamt bezeichnet den menschengemachten Klimawandel unter Berufung auf den IPCC sogar als „definitive Tatsache“.[14]
Auch in den Medien wird entsprechend formuliert. Der ARD-„Faktenfinder“ erklärte 2025 die Aussage Alice Weidels, ein alleiniger, monokausaler Nachweis des menschengemachten Klimawandels sei nicht erbracht, kurzerhand für „falsch“ und verwies auf den IPCC sowie den wissenschaftlichen – in Wirklichkeit nicht vorhandenen – Konsens.[15]
Sogenannte Faktenchecker sind für mich ohnedies fast ausschließlich narrativ-unterstützendende Propagandaorgane, die alles andere als neutrale, objektive Aufklärung betreiben – sie sind eher Faktenverdreher wie die Corona-Zeit gezeigt hat. Sie unterstützen feststehende, nicht evidenzbasierte und wissenschaftlich abgesicherte politische Entscheidungen mit verdrehten „Checks“.
Natürlich kann eine politische oder journalistische Darstellung nicht jedes Mal einen hundertseitigen wissenschaftlichen Bericht wiedergeben. Sie muss vereinfachen. Vereinfachung darf aber nicht dazu führen, dass aus Wahrscheinlichkeiten Gewissheiten und aus Bandbreiten scheinbar unumstößliche Wahrheiten werden.
Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Aussage Angela Merkels aus dem Jahr 2019. Sie formulierte wesentlich vorsichtiger. Man müsse entscheiden, ob man das Risiko eingehen wolle zu sagen, der Klimawandel sei gar nicht menschengemacht, oder ob genügend Evidenz für einen menschlichen Einfluss vorliege, um im Interesse zukünftiger Generationen zu handeln.[16]
Das ist etwas anderes als die Behauptung, jede Einzelheit des menschlichen Klimaeinflusses sei abschließend geklärt. Merkel formulierte im Kern ein Vorsorgeargument: Wenn ein erhebliches Risiko besteht, sollte gehandelt werden. Über das Ausmaß und die Verhältnismäßigkeit dieses Handelns lässt sich streiten. Wissenschaftlich sauberer ist eine solche Formulierung allemal.
Kritisch wird es für mich dort, wo wissenschaftliche Erkenntnis und politische Schlussfolgerung miteinander verschmelzen. Aus „Der Mensch trägt wesentlich zur Erwärmung bei“ wird dann schnell: Der Mensch verursacht den Klimawandel, also muss Maßnahme X umgesetzt werden.
Selbst wenn der menschliche Anteil an der Erwärmung exakt bekannt wäre, blieben politische Fragen offen: Welche Maßnahmen sind wirksam? Was kosten sie? Welche Nebenwirkungen haben sie? Wie groß ist der deutsche Einfluss auf das Weltklima? Welche Rolle spielen Anpassung, technischer Fortschritt oder Kernenergie? Und welches Maß an Wohlstandsverlust und Einschränkung individueller Freiheit ist für welchen erwarteten Klimaeffekt gerechtfertigt?
Auch jeder Bürger – der sich als mündig und informiert bezeichnet – sollte sich diese Fragen stellen, anstatt wie ein denkbetreuter und fremdgesteuerter Tagesschaupapagei die sich immer wiederholenden, einseitigen Narrative der Machthaber nachzuplappern. Durch Wiederholung entsteht Vertrautheit, die oftmals in scheinbare Gewissheit übergeht.
Das sind keine naturwissenschaftlichen Fragen, das sind politische Abwägungen. Wer politische Entscheidungen mit dem Satz „Die Wissenschaft sagt …“ für alternativlos erklärt, verwischt diese Grenze. Wissenschaft kann Erkenntnisse liefern, Risiken abschätzen und Szenarien berechnen. Sie kann der Gesellschaft und deren Vertreter aber nicht die politische Entscheidung abnehmen. Die Corona-Zeit zeigte, wohin das geführt hat. Heute nachweislich falsche Einschätzungen wissenschaftlicher „Experten“ wurden als Gewissheiten verkauft und absolut sinnlose Maßnahmen wie Lockdowns, Maskenpflicht, 3G, 2G, Einschränkungen der Bewegungs- und Versammlungsfreiheit als alternativlos erklärt und umgesetzt. Ähnliche, weitreichende Fehler werden in meinen Augen in der Klimapolitik begangen.
Mein Fazit: Einfluss ja – aber Katastrophe?
Der Mensch beeinflusst das Klima. Daran habe ich nach allem, was ich bisher ausgewertet habe, keinen ernsthaften Zweifel. Zweifel habe ich dagegen an der Sicherheit, mit der dieser Einfluss quantifiziert wird – und noch mehr an den politischen Schlussfolgerungen, die daraus gezogen werden.
Denn selbst wenn man die Einschätzung des IPCC übernimmt und dem Menschen den größten Teil der jüngeren Erwärmung zuschreibt, bleibt eine weitere Frage offen: Was bedeutet diese Erwärmung konkret für den Menschen?
Eine Veränderung der globalen Durchschnittstemperatur ist zunächst eine statistische Größe. Menschen leben nicht in einer globalen Durchschnittstemperatur, sondern unter völlig unterschiedlichen klimatischen Bedingungen – in München ebenso wie in Singapur, Helsinki oder Dubai. Entscheidend ist deshalb nicht allein, ob sich ein globaler Mittelwert um ein oder zwei Grad verändert, sondern welche konkreten Folgen daraus regional entstehen und wie gut sich Menschen, Landwirtschaft, Städte und Infrastruktur daran anpassen können.
Das bedeutet keineswegs, Hitze oder andere Klimarisiken kleinreden zu wollen. Extreme Hitze kann Menschen töten – wobei es laut einer von “The Lancet Planetary Health“ durchgeführten Studie neunmal mehr Kältetote als Hitzetote zu beklagen gibt. Dürren können Ernten schädigen, Starkregen kann enorme Schäden verursachen und dergleichen. Ebenso richtig ist aber: Menschen passen sich seit Jahrtausenden an sehr unterschiedliche klimatische Bedingungen an. Wohlstand, Technik, medizinische Versorgung, Bewässerung, Hochwasserschutz, Bauweise und funktionierende Infrastruktur entscheiden wesentlich darüber, ob klimatische Veränderungen zur Katastrophe werden oder beherrschbar bleiben.
Doch aus einem menschlichen Einfluss auf das Klima folgt weder zwangsläufig eine Katastrophe noch die Notwendigkeit jeder Maßnahme, die mit Klimaschutz begründet wird. Entscheidend ist vielmehr, welche konkreten Folgen die Erwärmung tatsächlich hat, welche Maßnahmen überhaupt wirksam sind und ob deren Kosten, Nebenwirkungen und Eingriffe in einem vernünftigen Verhältnis zum erwarteten Nutzen stehen.
Über diese Fragen müsste debattiert werden – nicht über Glaubensbekenntnisse.
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Anmerkungen und Quellen
[1] IPCC: Climate Change 2021: The Physical Science Basis. Contribution of Working Group I to the Sixth Assessment Report, Summary for Policymakers, insbesondere A.1.3; sowie IPCC: Climate Change 2023: Synthesis Report, Summary for Policymakers. Angaben zur vom Menschen verursachten Erwärmung von 0,8 bis 1,3 °C und zum zentralen Schätzwert von 1,07 °C.
[2] IPCC: Climate Change 2001: The Scientific Basis. Third Assessment Report, Working Group I. Abschnitte zu „Detection and Attribution“ und zur Unterscheidung zwischen dem Nachweis einer Klimaveränderung und der Zuordnung ihrer Ursachen.
[3] IPCC: Climate Change 2007: The Physical Science Basis. Fourth Assessment Report, Working Group I, Kapitel 9: „Understanding and Attributing Climate Change“. Darstellung der Methoden zur Detektion und Attribution von Klimaveränderungen.
[4] IPCC: Second Assessment Report (1995/1996), Third Assessment Report (2001), Fourth Assessment Report (2007) sowie Sixth Assessment Report (2021). Aussagen zur Entwicklung der Einschätzung des menschlichen Einflusses auf das Klima – vom „discernible human influence“ bis zur heutigen Einstufung des menschlichen Einflusses als „unequivocal“.
[5] IPCC: Climate Change 2021: The Physical Science Basis, Working Group I, Kapitel 3: „Human Influence on the Climate System“. Darstellung der Fortschritte und verbleibenden Unsicherheiten bei Detektion und Attribution sowie der Rolle von Beobachtungen und Klimamodellen.
[6] Ross McKitrick / John Christy: „Pervasive Warming Bias in CMIP6 Tropospheric Layers“, Earth and Space Science, Vol. 7, 2020, e2020EA001281, DOI: 10.1029/2020EA001281. Vergleich von 38 CMIP6-Modellen mit Satelliten-, Wetterballon- und Reanalysedaten für 1979–2014.
[7] Judith A. Curry: Veröffentlichungen und Stellungnahmen zur Unsicherheit der Klimaattribution, zur natürlichen Klimavariabilität und zur Klimasensitivität; insbesondere ihre Arbeiten und Analysen zur Unsicherheit bei der Quantifizierung des anthropogenen Anteils an der Erwärmung.
[8] IPCC: Climate Change 2021: The Physical Science Basis, Working Group I, Summary for Policymakers, A.1.3. Treibhausgase: Erwärmungsbeitrag 1,0 bis 2,0 °C; andere menschliche Einflüsse, vor allem Aerosole: Abkühlung 0 bis 0,8 °C; natürliche Antriebe: −0,1 bis +0,1 °C; interne Variabilität: −0,2 bis +0,2 °C.
[9] IPCC: Climate Change 2021: The Physical Science Basis, Working Group I. Abschnitte zum Strahlungsantrieb anthropogener Aerosole und zu den damit verbundenen Unsicherheiten; siehe insbesondere Summary for Policymakers und Kapitel 7 „The Earth's Energy Budget, Climate Feedbacks, and Climate Sensitivity“.
[10] IPCC: Climate Change 2021: The Physical Science Basis, Working Group I, Summary for Policymakers, Abschnitt D.2. Die Gleichgewichts-Klimasensitivität (Equilibrium Climate Sensitivity, ECS) wird mit einem zentralen Schätzwert von 3 °C und einem wahrscheinlichen Bereich von 2,5 bis 4 °C angegeben.
[11] Judith A. Curry: Analysen zur Detektion und Attribution des Klimawandels sowie zur Bedeutung natürlicher Variabilität und zur Unsicherheit der Klimasensitivität. Curry kritisiert insbesondere die Sicherheit, mit der der anthropogene Anteil quantifiziert und öffentlich kommuniziert wird.
[12] IPCC: Climate Change 2021: The Physical Science Basis, Working Group I, insbesondere Kapitel 3 „Human Influence on the Climate System“ und Summary for Policymakers. Bewertung natürlicher Antriebe wie Sonnenaktivität und Vulkanismus sowie der internen Variabilität im Verhältnis zum anthropogenen Einfluss.
[13] Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll, Rede von Bundesumweltminister Carsten Schneider, 2025. Aussage: „Dieser Klimawandel ist menschengemacht“ und Verweis auf die Verbrennung fossiler Energieträger als wesentliche Ursache.
[14] Umweltbundesamt: „Beobachteter Klimawandel“, Darstellung des anthropogenen Klimawandels unter Bezugnahme auf den Sechsten Sachstandsbericht des IPCC; Bezeichnung des menschlichen Einflusses auf das Klimasystem als „definitive Tatsache“.
[15] ARD/Tagesschau, Faktenfinder: Faktencheck zum ARD-Sommerinterview mit Alice Weidel, 2025. Bewertung ihrer Aussage zum fehlenden „alleinigen, monokausalen Nachweis“ des menschengemachten Klimawandels unter Bezugnahme auf IPCC und wissenschaftliche Attributionsforschung.
[16] Bundesregierung: Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Petersberger Klimadialog 2019 beziehungsweise entsprechende Äußerungen Merkels zur Evidenz des menschengemachten Klimawandels und zur politischen Abwägung des Risikos für zukünftige Generationen.
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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.
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Bild: Konzept des menschengemachten Klimawandels: Kinder sitzen auf dem Trockenen
Bildquelle: Piyaset / shutterstock
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