Tagesdosis

Kraemer vs. Meck: Der Gewalt-Eklat | Von Paul Clemente

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JP Kraemer & Julia Meck: Wessen Schläge sind härter?

Ein Kommentar von Paul Clemente.

Das Problem ist steinalt: Lassen sich beim Künstler Person und Werk trennen? Vor allem, wenn er ein Scheusal war. Prinzipielle Antworten oder Richtlinien? Gibt es keine. In anderen Bereichen fällt die Antwort leichter. Beispiel: Thomas Alva Edison. Der erfand marktreife Glühbirnen und das Grammophon. Leider auch den elektrischen Stuhl. Würde man deshalb auf künstliches Licht oder Schallplatten verzichten? Nein. In der Kunst läuft das anders: Hier scheint die „Seele“ des Schaffenden ins Werk zu fließen. Und wenn die schmutzig war, bleiben auch die Kreationen nicht unberührt.

Natürlich befinden sich die Gründe für eine Skandalisierung in ständigem Wandel. Dass Klaus Kinski seine Ehefrau Minhoï brutal prügelte, war in den 1970ern bereits bekannt. Aber wen hat es gekümmert? Niemanden. 50 Jahre später, im Frühjahr 2026, klagte die Schauspielerin Collien Fernandes Klage gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen wegen physischer Gewalt. Dem folgte ein medialer Orkan. Jetzt, wenige Monate später, beschuldigt Schauspielerin Julia Meck ihren Ex-Partner, den Auto-Performancer Jean Pierre Kraemer, aus gleichem Grund. 

Für die Fans ein doppelter Schock. Schließlich gelang dem PS-Profi, was nicht nur Wirtschaftsliberale gerne hören: Dass sich jemand an den eigenen Haaren aus dem Klo gezogen hat. Schließlich leidet Kraemer an einer psychischen Erkrankung. Aber der Reihe nach.

Als Sohn eines Bahamaers und einer Deutschen, 1980 in Plettenberg geboren, entwickelte Kraemer eine frühe Leidenschaft für Straßenflitzer. Nach dem Abi startete er eine Ausbildung als Automobilkaufmann bei Porsche. Bald verknüpfte er seine Leidenschaft mit Performance, Show und Comedy. Der Verkäufer mutierte zum Kfz-Tuner, wurde selbst zur Marke.

Besonders erfolgreich lief „Die PS-Profis – Mehr Power aus dem Pott“. In dieser Serie äußern Kunden ihren Autowunsch. Dazu müssen Kraemer und Kollege Sidney Hoffmann eine Second hand-Version auftreiben. Klar, als Gebrauchtwagen bleiben selbst Luxuskarossen bezahlbar. Dann der Paukenschlag. Der fröhliche PS- und Gute Laune-Kasper bekannte die eigenen Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die kaum mediale Vertretung genießt: Die psychisch Kranken. Kraemer leidet unter dem Asperger-Syndrom, eine Variante im Autismus-Spektrum. Die gelangte durch die Klima-Aktivistin Greta Thunberg ins öffentliche Halbwissen. 

Laut Fachleuten verfügen Betroffene über ein gänzlich differentes Weltempfinden plus Beschleunigung der Denkprozesse. In seiner 2020 publizierten Autobiographie „Angstgetrieben“ schildert Kraemer den Dauerbeschuss an Zwangsgedanken, die ihn am Entspannen hindern. Natürlich fehlen auch depressive Phasen nicht.

Seine Beliebtheit beruht auf dem Selfmade-Image. Dessen Botschaft: Auch als schwer Belasteter kannst Du dich marktkonform optimieren. Im Untertext eines Youtube-Videos heißt es: „Jean Pierre Kraemer / JP Performance GmbH - zwei Begriffe die für Spaß, Leistung, Power, freche Sprüche, schnelle Autos, Turbotechnik, Turboumbauten, Ladedruck und noch vieles mehr stehen.“ In seinen Video verspricht er „dir einen Einblick ins tägliche Leben hier in der Firma ,Leistungssteigerungen, technische Details & Erklärungen, Soundfiles, Messwerte, Vergleiche, Neuvorstellungen & Präsentationen und und und.“

Bald integrierte Kraemer weitere Themen wie Fitness und Lifestyle. Sein Video mit dem Titel „Ich lerne gut zu leben“, wo er die Bedeutung von Ernährung und Sport postuliert, schaffte locker 2,7 Millionen Klicks. Aber diese Rundum-Höflichkeit ist nur eine Seite. Die andere hatte Julia Meck jetzt an die Öffentlichkeit gebracht. Meck hatte den TV-Star als 16-jährige kennengelernt. Die wird bei Kraemer eine Karriere absolvieren: Von seiner Angestellten, zur Ehefrau und schließlich zum Opfer seiner „Gewalt-Exzesse“. Meck im Gespräch mit Medien wie der Bild-Zeitung „aus dem Innenleben einer Promi-Ehe, in der Gewalt und Psychoterror bald an Tagesordnung waren“: Sie habe Todesangst durchlitten.

Kraemers Reaktion? Sofortige Flucht nach vorne. Gleich am frühen Samstag meldete er sich auf Instagram und Youtube zu Wort: Er gestand die Vorwürfe seiner Ex, beschrieb die Gewalttaten im Detail, wie er seiner Ehefrau eine Kette vom Hals gerissen und sie mit der „flachen Hand“ geschlagen habe. Während er berichtet, bestätigt ein Überwachungsvideo von 2024 seine Aussage: Die Misshandlung ist genau erkennbar. Also ein klares Schuldbekenntnis? Nicht ganz. Denn gleich darauf folgt ein Satz, der selbst den Film relativiert: Ja, er habe sie geschlagen. Das sei schlimm. Aber: die Schläge, die Julia Meck ihm zugefügt habe: Die seien noch viel viel härter gewesen. Inzwischen hat der Kfz-Tuner eine Gegenanzeige geschaltet. Damit beschuldigen sich beide Parteien der physischen Gewaltausübung… Für feministische Kommentatorinnen ist die Sache klar: Hier findet eine Täter-Opfer-Umkehr statt. Kraemer schiebe die Schuld für seine Gewaltausbrüche auf das Verhalten seiner Frau. Ein typisches Muster, um Partnerschaftsgewalt zu relativieren.

Und wie steht es um Kraemers berufliche Zukunft? Plant der Auto-Tuner eine Aus-Zeit mit anschließendem Comeback? Nein, die Entscheidung über eine potenzielle Rückkehr ins TV überlasse er seinen Fans. - Auch dieses Statement sorgte für Kritik: Als typisches Verhalten von Personen, der keine Verantwortung für ihre Taten übernehmen wollen. Stattdessen gebe er sie ab. Ein Vorwurf, der im Frühsommer bereits Wim Wenders traf. Der wollte Nastassja Kinskis Wunsch nach Entfernung einer Halbnackt-Szene aus dem Spielfilm „Falsche Bewegung“ zu einer Debatte über den Umgang mit filmischen Erbe ausweiten. Was ihm nicht gelang.

Was aber, wenn Kraemers Vorwurf trotzdem stimmen sollte? Was, wenn Julia Meck ihn ebenfalls misshandelt hätte? Nun, das würde dennoch keine Gegengewalt rechtfertigen. Wieso rief er keine Polizei oder ließ sich scheiden? Außerdem: Wenn die Schauspielerin ihn misshandeln konnte, müsste ihre Körperkraft die seinige übertreffen oder zumindest gleichkommen. Aber wieso zeigt das Video kaum Gegenwehr, sondern nur ihr Fluchtverhalten? Kurzum, da ist noch Klärungsbedarf.

Für die Online-Parallel-Justiz freilich nicht: Kraemer erhielt bereits so viele Droh-Mails, dass er sein Dortmunder Automuseum samt angeschlossenen Restaurant für ein oder zwei Tage dichtmachte.

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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquelle: MAYA LAB / Shutterstock 


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