Wie die USA im Südkaukasus genau das tun, was sie in ihrer eigenen Hemisphäre mit allen Mitteln verhindern
Ein Meinungsbeitrag von Alex Günther.
Am 8. August 2025 unterzeichneten Armeniens Premier Nikol Paschinjan und Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew im Weißen Haus eine Vereinbarung, die in Europa kaum Beachtung fand. Ihr Kernstück trägt den Namen des Gastgebers: die „Trump Route for International Peace and Prosperity“, kurz TRIPP. Gemeint ist eine Verkehrsverbindung durch die südarmenische Provinz Sjunik. Sie soll das aserbaidschanische Kernland mit der Exklave Nachitschewan verbinden und damit die Türkei mit dem Kaspischen Meer.
Bemerkenswert ist weniger die Straße als die Eigentumsstruktur. Nach dem im Juni 2026 unterzeichneten Rahmenabkommen zwischen Armenien und den USA erhält eine eigens gegründete TRIPP Development Company exklusive Landnutzungs- und Entwicklungsrechte für zunächst 49 Jahre. In diesem Zeitraum halten die USA 74 Prozent der Anteile, Armenien 26 Prozent. Danach kann die Kooperation einvernehmlich um weitere 50 Jahre verlängert werden, dann steigt der armenische Anteil auf 49 Prozent. Der Boden bleibt formal armenisch, und bei bestimmten sensiblen Fragen behält Jerewan ein Mitspracherecht über einen gemeinsamen Lenkungsausschuss. An der amerikanischen Mehrheit für ein halbes Jahrhundert ändert das nichts. Die rund 43 Kilometer Bahnstrecke der Route sollen ausdrücklich nicht in die Bilanz der South Caucasus Railways eingehen. Diese betreibt seit 2008 als Tochter der russischen Staatsbahn das armenische Schienennetz.
Die Vereinigten Staaten sichern sich damit für Jahrzehnte eine Schlüsselposition an einem der empfindlichsten Engpässe Eurasiens, unmittelbar an der Grenze zum Iran und im traditionellen Vorfeld Russlands. Man kann das als Friedensdividende feiern. Man kann aber auch eine Frage stellen, die in der hiesigen Berichterstattung kaum vorkommt: Was würde Washington tun, wenn eine andere Großmacht dasselbe in seinem Vorfeld versuchte?
Die Antwort muss man nicht erraten. Die USA haben sie in den vergangenen zwölf Monaten selbst gegeben, in Panama, in Venezuela und schwarz auf weiß in ihrer Nationalen Sicherheitsstrategie.
Warum ausgerechnet Sjunik?
Wer auf die Landkarte schaut, versteht schnell, warum dieser schmale Streifen Land so begehrt ist. Sjunik trennt Aserbaidschan von Nachitschewan, und es ist zugleich Armeniens einzige Grenze zum Iran. Wer den Transit hier kontrolliert, sitzt an der einzigen direkten Landverbindung zwischen der Türkei und dem Kaspischen Meer, die weder über russisches noch über iranisches Gebiet führt.
Das ist keine akademische Frage. Nach Angaben des Atlantic Council liefen vor 2022 mehr als 86 Prozent des Landtransports zwischen China und Europa über Russland, über den sogenannten Mittleren Korridor durch Zentralasien, das Kaspische Meer und den Kaukasus dagegen weniger als ein Prozent. Die TRIPP soll dieses Verhältnis verschieben. Ein US-Kongressabgeordneter formulierte offen, worum es geht: Lieferketten stärken, Energie und kritische Rohstoffe sichern und eine „langfristige amerikanische Präsenz“ in einer Region etablieren, die für die nationale Sicherheit der USA von Bedeutung sei. Von Washington aus liegt diese Region rund 9.600 Kilometer entfernt, von Moskau aus rund 2.000. Man stelle sich vor, ein russischer Abgeordneter erklärte eine Bahnlinie in Mexiko zur Frage der nationalen Sicherheit Russlands...
Für Teheran bedeutet das, dass künftig die USA als Anteilseigner an der einzigen Tür des Landes in den Kaukasus stehen. Die iranische Seite hat das Projekt entsprechend als politischen Verrat bezeichnet. Für Moskau ist die Route ein Gegenentwurf zum eigenen Nord-Süd-Korridor von der Ostsee über den Iran zum Indischen Ozean. Flankiert wird das Ganze vom Friedensvertragsentwurf zwischen Armenien und Aserbaidschan. Er verbietet in Artikel VII ausdrücklich die Stationierung von Kräften dritter Staaten entlang der gemeinsamen Grenze. Damit ist auch die Rolle vom Tisch, die das Waffenstillstandsabkommen von 2020 noch dem russischen Grenzschutz zugedacht hatte: die Kontrolle genau dieser Transportverbindung. Amerikanische Truppen braucht Washington dort nicht; eine Mehrheitsbeteiligung an der Infrastruktur genügt.
Bemerkenswert ist dabei, dass Aserbaidschan auf diese Route gar nicht angewiesen wäre. Seit Herbst 2023 bauen Baku und Teheran eine Alternative: den sogenannten Aras-Korridor, der auf iranischem Gebiet südlich des Flusses verläuft und Nachitschewan ebenfalls mit dem aserbaidschanischen Kernland verbindet. Für den Transit allein bräuchte es die TRIPP also nicht. Unverzichtbar ist sie nur für den, der die Verbindung ausdrücklich am Iran vorbeiführen will. Das spricht dafür, dass es Washington weniger um Güterströme geht als um die Position.
Was diese Position wert ist, zeigt sich beim Zugang. Formal entscheiden über Ein- und Durchreise allein armenische Behörden nach armenischem Recht, und laut Jerewan soll die Route sogar nach den Regeln der Eurasischen Wirtschaftsunion betrieben werden, der auch Russland angehört. Die Gesellschaft, die sie baut und betreibt, steht aber mehrheitlich unter amerikanischer Kontrolle und unterliegt damit weitgehend dem US-Sanktionsrecht, für Iran ausdrücklich auch als ausländische Tochter eines amerikanischen Eigentümers. Mit Firmen und Personen auf amerikanischen Sanktionslisten darf sie keine Geschäfte machen, und Banken, Versicherer und Spediteure, die mit der Route arbeiten, dürften sich aus Furcht vor Sekundärsanktionen ebenso verhalten. Ein förmliches Ausschlussrecht braucht Washington deshalb nicht: Wer auf einer US-Sanktionsliste steht, dürfte von der Route praktisch abgeschnitten sein, und diese Listen führt Washington selbst. Wie sich das mit den Regeln der Eurasischen Wirtschaftsunion verträgt, ist bislang ungeklärt.
Neu ist dieses Interesse nicht. Schon 2005 bezogen die USA in Jerewan ein Botschaftsgelände von gut 90.000 Quadratmetern, nach Grundstücksfläche lange Zeit die zweitgrößte US-Liegenschaft im Ausland, übertroffen nur von Bagdad. Inzwischen hat der neue Komplex in Beirut Jerewan überholt. Über Personal oder Budget sagt die Fläche wenig, über die Prioritäten bei der Standortwahl aber einiges: Ein gewöhnliches neues Botschaftsgelände der USA umfasst etwa 10 Acres, das in Jerewan mehr als das Doppelte.
Der Baubeginn von TRIPP wurde inzwischen auf 2027 verschoben, und Fachleute weisen zu Recht darauf hin, dass ein einzelner Korridor die verflochtenen Abhängigkeiten der Region eher um eine Option erweitert als auflöst. Aber die Richtung ist klar, und sie wird in Washington auch nicht verschwiegen.
Die Gegenprobe Nummer eins: Panama
Nun zur Gegenprobe. Am Panamakanal betrieb das Hongkonger Konglomerat CK Hutchison seit 1997 zwei Häfen an den beiden Kanaleinfahrten, Balboa und Cristóbal. Grundlage war eine Konzession der panamaischen Regierung, die 2021 bis 2047 verlängert wurde. Es handelte sich um einen privaten, börsennotierten Hafenbetreiber, nicht um eine Militärbasis und nicht um eine chinesische Staatsbeteiligung mit 74 Prozent.
Für Washington war selbst das untragbar. Präsident Trump erklärte die Präsenz zum Sicherheitsrisiko und drohte offen damit, den Kanal „zurückzuholen“. Außenminister Marco Rubio führte seine erste Auslandsreise nach Panama, und kurz darauf trat das Land aus Chinas Seidenstraßen-Initiative aus. Im März 2025 verkündete CK Hutchison den Verkauf seiner Hafensparte, einschließlich 90 Prozent an der Panama Ports Company, an ein Konsortium unter Führung von BlackRock. Das Volumen lag bei 22,8 Milliarden Dollar. Nach Medienberichten hatte BlackRock-Chef Larry Fink vorab die Zustimmung des Präsidenten eingeholt. Abgeschlossen ist der Vorgang bis heute nicht, zwischenzeitlich wurde sogar über eine Beteiligung der chinesischen Staatsreederei COSCO verhandelt. Das Signal aber war unmissverständlich.
Man halte die beiden Fälle nebeneinander. In Panama genügte ein kommerzieller Hafenbetreiber mit Sitz in Hongkong, um massiven politischen Druck auszulösen. In Armenien sichert sich die US-Regierung selbst die Mehrheit an einer Transitgesellschaft für Jahrzehnte, an der Grenze eines Staates, mit dem sie sich in offener Feindschaft befindet.
Die Gegenprobe Nummer zwei: Venezuela
Panama war die freundliche Variante. Die unfreundliche erlebte Venezuela. In der Nacht zum 3. Januar 2026 griffen US-Streitkräfte militärische Ziele in Caracas an, Spezialkräfte nahmen Präsident Nicolás Maduro und seine Frau fest und flogen sie nach New York, wo ihnen der Prozess gemacht werden soll. Maduro hatte enge Beziehungen zu Russland, Iran und Kuba aufgebaut. Auf die Frage, ob eine ähnliche Operation auch dem kolumbianischen Präsidenten Gustavo Petro drohen könne, antwortete Trump knapp: „Klingt gut für mich.“
Man mag von Maduro halten, was man will. Entscheidend ist hier aber etwas anderes. Russland wird seit Jahren vorgeworfen, Einflusszonen mit Gewalt durchzusetzen – jedoch ist Moskau im Südkaukasus dem Westkurs Armeniens bislang nur mit diplomatischem Unmut, wirtschaftlichem Druck und publizistischen Warnungen begegnet. Einen Militärschlag gegen Jerewan hat es nicht einmal angedeutet.
Monroe als Regierungsprogramm
Wer die Fälle Panama und Venezuela für Einzelentscheidungen hält, sollte die Nationale Sicherheitsstrategie lesen, die das Weiße Haus am 5. Dezember 2025 veröffentlicht hat. Darin kündigen die USA an, einen „Trump-Zusatz“ zur Monroe-Doktrin von 1823 durchzusetzen, in amerikanischen Medien bereits spöttisch „Donroe-Doktrin“ genannt. Ziel ist eine westliche Hemisphäre ohne „feindliche ausländische Eingriffe oder den Besitz von Schlüsselinfrastruktur“. Kritische Analysen sehen darin nicht mehr bloß den Anspruch auf eine Einflusszone, sondern ein Prinzip des aktiven Ausschlusses jeder fremden Macht, in erster Linie Chinas.
Man lese die Formulierung „Besitz von Schlüsselinfrastruktur“ noch einmal langsam und denke dabei an Sjunik. Sie beschreibt ziemlich genau, was Washington im Südkaukasus selbst tut, nur dass dort Russland und Iran die Rolle der ausgeschlossenen Mächte zukommt.
Ein Gedankenexperiment
Um die Asymmetrie greifbar zu machen, hilft eine einfache Umkehrung. Man stelle sich vor:
- Ein russisch-chinesisches Staatskonsortium erwirbt 74 Prozent an einer neuen Bahn- und Straßentrasse in Nordmexiko, entlang der Grenze zu den USA, mit Nutzungsrechten für zunächst 49 Jahre und der Option auf weitere 50.
- Ein mexikanisch-kubanischer Vertrag untersagt die Stationierung US-amerikanischer Grenzbeamter an dieser Route.
- Nach der Wiederwahl der mexikanischen Präsidentin erklärt der russische Präsident öffentlich, er sei stolz darauf, diese Wiederwahl unterstützt zu haben.
Der letzte Punkt ist nicht erfunden, nur gespiegelt. Nach der armenischen Parlamentswahl vom 7. Juni 2026 gratulierte Donald Trump Paschinjan und erklärte, er sei sehr stolz darauf, dessen Wiederwahl unterstützt zu haben. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie die Reaktion in Washington auf das gespiegelte Szenario ausfiele. Man muss es sich nicht einmal vorstellen: Venezuela hat sie geliefert.
Der Suwałki-Spiegel
Wem diese Geografie bekannt vorkommt, der liegt nicht falsch. Eine ganz ähnliche Konstellation kennt man aus der deutschen Berichterstattung: die Suwałki-Lücke, einen etwa 65 Kilometer breiten Abschnitt der polnisch-litauischen Grenze zwischen der russischen Exklave Kaliningrad und Belarus.
Im Westen gilt dieser Streifen als verwundbarste Stelle der NATO. Russland darf dort keinen Fuß in die Tür bekommen. Selbst der 2002 zwischen EU und Russland vereinbarte Bahntransit nach Kaliningrad, der weiter nördlich quer durch Litauen führt, wurde zum Konflikt, als Litauen im Juni 2022 die Durchfuhr EU-sanktionierter Güter stoppte. Moskau drohte mit Gegenmaßnahmen, und erst nach einer Klarstellung der EU-Kommission rollten die Züge ab Ende Juli wieder.
In Meghri ist die Geometrie die gleiche: Ein nur gut 30 Kilometer breiter Streifen armenischen Gebiets, also halb so breit wie die Suwałki-Lücke, trennt die aserbaidschanische Exklave Nachitschewan vom Kernland. Nur die Rollen sind vertauscht. Hier sichert sich keine Anrainermacht, sondern eine Großmacht vom anderen Ende der Welt die Mehrheit an der Transitgesellschaft, und zwar an der Grenze eines Staates, mit dem sie sich in offener Feindschaft befindet.
Man übertrage das Arrangement auf Suwałki: Russland hält 74 Prozent an einer Bahngesellschaft durch den Korridor, mit exklusiven Entwicklungsrechten für zunächst 49 Jahre, und Litauen behält ein Mitspracherecht in einem Lenkungsausschuss. In Brüssel und Washington sähe man darin keinen Infrastrukturvertrag, sondern einen Angriff auf die Bündnissicherheit.
Der Vergleich trägt allerdings nur bei der Lage und bei der Logik der Großmächte, nicht bei der Freiwilligkeit. Armenien hat der TRIPP souverän zugestimmt. Polen und Litauen würden einem russischen Korridor nie zustimmen.
Kuba 1962: Das Spiegelbild hat einen historischen Schauplatz
Die Asymmetrie ist nicht neu. Guatemala 1954, die Schweinebucht 1961, Chile 1973, die Contras in Nicaragua, Grenada 1983, Panama 1989 – die Liste US-amerikanischer Interventionen gegen missliebige Regierungen in der eigenen Hemisphäre ist lang und gut dokumentiert.
Der lehrreichste Fall ist aber die Kubakrise von 1962. Kuba hatte die Stationierung sowjetischer Raketen souverän akzeptiert, also nach genau dem Prinzip der freien Bündniswahl, das der Westen heute für Armenien, Georgien und die Ukraine geltend macht. Washington antwortete mit einer Seeblockade und nahm das Risiko eines Atomkriegs in Kauf. Beigelegt wurde die Krise durch einen Tausch, der lange geheim blieb: Die Sowjetunion zog ihre Raketen aus Kuba ab, die USA im Gegenzug ihre Jupiter-Raketen aus der Türkei.
Mehr als sechzig Jahre später spielt die Türkei im Südkaukasus wieder eine Schlüsselrolle, diesmal als Brückenkopf eines westlich gestützten Korridors an Russlands Südflanke.
Warum Washington das kann, und wer es gewähren lässt
Bleibt die naheliegende Frage: Mit welchem Recht markiert eine Macht vom anderen Ende der Welt ausgerechnet zwischen Russland, Iran und der Türkei den Platzhirsch? Die nüchterne Antwort lautet: Die USA haben sich nicht hineingedrängt. Sie wurden hereingebeten, und zwar von genau den beiden Staaten, deren Konflikt sie vermittelt haben: Armenien und Aserbaidschan. Die Mächte, die widersprechen würden, sind derzeit zu schwach, um es zu verhindern.
Washington nutzt ein Vakuum. Jahrzehntelang war Russland der Vermittler im Konflikt um Bergkarabach und stellte dort ab 2020 Friedenstruppen. Als Aserbaidschan Bergkarabach im September 2023 militärisch übernahm, griffen sie nicht ein. Moskau verwies darauf, dass ihr Mandat nur die Überwachung der Waffenruhe umfasste und Armenien selbst Bergkarabach 2022 als Teil Aserbaidschans anerkannt hatte. Die Friedenstruppen evakuierten Tausende Zivilisten und verloren dabei eigene Soldaten. Schon zuvor war der Latschin-Korridor, die einzige Verbindung Bergkarabachs nach Armenien, monatelang blockiert: ab Dezember 2022 durch angebliche Umweltaktivisten mit Rückendeckung Bakus, ab April 2023 durch einen offiziellen aserbaidschanischen Kontrollposten. Damit brach Aserbaidschan das Abkommen von 2020, in dem es die freie Durchfahrt garantiert hatte. Die russischen Friedenstruppen, denen die Kontrolle des Korridors übertragen war, setzten diese Kontrolle nicht gegen Baku durch. In Armenien blieb dennoch der Eindruck, die Schutzmacht habe versagt. Den Vertrag gebrochen hatte allerdings nicht Moskau, sondern Baku – und damit Aserbaidschan.
Seit 2022 ist Moskau zudem in der Ukraine gebunden. Als Jerewan und Baku einen neuen Vermittler suchten, stand Washington bereit. Für die USA ist das Geschäft billig: keine Truppen, nur eine Firma mit 74 Prozent. Dafür bekommen sie Präsenz an der iranischen Grenze, eine Position im Vorfeld Russlands, Zugang zum Mittleren Korridor und für den Präsidenten eine Friedensmarke mit seinem Namen.
Wer spielt dabei mit, und warum?
Armenien hat das nachvollziehbarste Motiv. Aus armenischer Sicht hat Russland als Schutzmacht mehrfach versagt: 2020, als es im Krieg um Bergkarabach nicht eingriff; im September 2022, als aserbaidschanische Truppen armenisches Kernland angriffen und das von Moskau geführte Militärbündnis OVKS nur eine Erkundungsmission schickte; und 2023. Für 2020 und 2023 verweist Moskau zu Recht darauf, dass Bergkarabach völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehört. Für 2022 führt es an, die Grenze zwischen beiden Staaten sei nicht festgelegt. Das trifft zu, doch die angegriffenen Orte lagen nach den Grenzen der Sowjetrepubliken von 1991, auf die sich beide Staaten berufen, auf armenischem Gebiet. Zugleich spricht Aserbaidschans Präsident Alijew seit Jahren von „Westaserbaidschan“, wenn er armenisches Staatsgebiet meint, und hat schon 2021 angekündigt, Aserbaidschaner würden nach „Sangesur“ zurückkehren, also nach Sjunik. Eine amerikanische Mehrheitsbeteiligung genau in dieser Provinz wirkt wie ein Stolperdraht: Wer Sjunik angreift, beschädigt amerikanisches Eigentum. Für Jerewan ist die TRIPP damit auch eine Sicherheitsgarantie, die nichts kostet.
Aserbaidschan bekommt, was es seit 2020 fordert: eine Landverbindung nach Nachitschewan, ohne russische Grenzschützer. Washington hat nachgeholfen und im August 2025 die seit 1992 geltenden Beschränkungen der US-Hilfe für Baku ausgesetzt, die sogenannte Section 907. Das Verhältnis zu Moskau ist ohnehin zerrüttet: durch den Absturz eines aserbaidschanischen Passagierflugzeugs im Dezember 2024, den die russische Flugabwehr bei der Abwehr ukrainischer Drohnen versehentlich verursacht hat, wie Putin inzwischen eingeräumt hat, und durch Razzien gegen Aserbaidschaner in der russischen Uralstadt Jekaterinburg im Sommer 2025, nach denen zwei Festgenommene in Haft starben. Dass Baku parallel den Aras-Korridor durch Iran baut, zeigt aber auch: Alijew sichert sich nach allen Seiten ab.
Die Türkei ist der stille Gewinner. Die TRIPP stellt die Landverbindung Türkei – Nachitschewan – Aserbaidschan – Zentralasien her, von der Ankara seit den 1990er Jahren träumt. Dass sie unter amerikanischer Regie entsteht, nimmt Ankara in Kauf. Analysten erwarten sogar, dass Washington für den dauerhaften Betrieb des Korridors zunehmend auf die Türkei angewiesen sein wird.
Russland lässt gewähren, weil ihm die Mittel fehlen, und womöglich auch aus Kalkül. Moskau verhandelt derzeit mit Trumps Sondergesandtem Witkoff über die Ukraine. Ein offener Streit um den Kaukasus würde diesen Kanal belasten. Zudem behält Russland einiges: den Stützpunkt Gjumri, die Konzession für das übrige armenische Bahnnetz und Armeniens Mitgliedschaft in der Eurasischen Wirtschaftsunion, nach deren Regeln die TRIPP laut armenischer Regierung sogar betrieben werden soll. Ob Moskau den Kaukasus stillschweigend als Verhandlungsmasse behandelt, lässt sich nicht belegen. Auszuschließen ist es nicht.
Iran ist der eigentliche Verlierer. Teheran hat die TRIPP als politischen Verrat bezeichnet. Nach dem Krieg mit Israel und den US-Angriffen auf seine Atomanlagen im Juni 2025 fehlt ihm aber die Kraft, sich durchzusetzen. Sein Gegenzug ist der Aras-Korridor durch eigenes Gebiet. So bleibt Teheran im Geschäft, ohne die TRIPP verhindern zu können.
Georgien spielt nicht mit, es wird übergangen. Bislang lief der Ost-West-Transit über georgisches Gebiet, auf der Bahnlinie Baku–Tiflis–Kars. Die TRIPP ist eine Konkurrenzroute. Dass die Regierung in Tiflis zuletzt auf Distanz zu Washington und Brüssel gegangen ist, dürfte die Entscheidung für Armenien erleichtert haben.
Die EU und China halten sich zurück, aus unterschiedlichen Gründen. Brüssel passt jeder Handelsweg an Russland vorbei ins Konzept. Für Peking ist jede zusätzliche Landroute nach Europa willkommen, solange sie offen bleibt.
Unterm Strich spielt niemand „großzügig“ mit. Die einen rechnen sich etwas aus, die anderen können es nicht verhindern: Armenien sucht Schutz, Aserbaidschan und die Türkei wollen die Landverbindung – Russland und Iran dagegen fehlt im Moment die Kraft zum Widerstand. Darin liegt eine zweite Asymmetrie: Ihre Monroe-Doktrin konnten die USA stets durchsetzen. Russland kann seinen Anspruch im Kaukasus derzeit nicht durchsetzen. Mit Recht hat das wenig zu tun, mit Kräfteverhältnissen dagegen sehr viel.
Was dagegen eingewandt wird
Redlichkeit verlangt, die Gegenargumente ernst zu nehmen. Drei werden gewöhnlich vorgebracht.
Erstens: Armenien hat sich selbst entschieden. Das ist der gewichtigste Einwand. Die Abkehr von Moskau ist keine reine Fremdsteuerung. Der Eindruck, Russland habe als Schutzmacht versagt – obwohl es Aserbaidschan war, das den Vertrag gebrochen hatte –, hat sein Ansehen in Armenien schwer beschädigt. Paschinjans Partei gewann im Juni 2026 knapp 50 Prozent der Stimmen. Der Kurswechsel hat also zumindest eine demokratische Grundlage.
Nur: Auch Kuba hatte sich 1962 selbst entschieden. Auch Panama hatte die Hafenkonzession selbst vergeben. Auch Venezuela unterhielt seine Beziehungen zu Moskau und Teheran als souveräner Staat. Das Prinzip der freien Bündniswahl gilt offenbar nur in eine Richtung.
Zweitens: Russland hat mit dem Krieg in der Ukraine jedes Recht auf Einflusszonen verwirkt. Das ist ein politisches Argument, kein Rechtsprinzip. Wer es vertritt, müsste erklären, warum die Interventionen der USA in Lateinamerika, im ehemaligen Jugoslawien, im Irak oder in Libyen – die Liste ließe sich noch lange fortsetzen – deren Anspruch auf eine eigene Einflusszone nicht ebenso beschädigt haben.
Drittens: Amerikanischer Einfluss beruht auf Angeboten, russischer auf Zwang. In Armenien mag das weitgehend zutreffen. Panama und Venezuela widerlegen es als allgemeine Regel, und die eigene Sicherheitsstrategie der USA verzichtet ausdrücklich auf diesen Anspruch.
Fazit: Ein Maßstab für alle – oder keiner
Dieser Text plädiert nicht dafür, Russland eine Einflusszone im Südkaukasus zuzugestehen. Er plädiert für etwas Einfacheres: für einen einheitlichen Maßstab.
Entweder gilt das Recht kleiner Staaten, ihre Partner frei zu wählen und ihre Infrastruktur zu vergeben, an wen sie wollen. Dann gilt es auch für Panama, Venezuela und Kuba, und Washington müsste seine Monroe-Doktrin begraben. Oder Großmächte haben ein legitimes Interesse daran, strategische Infrastruktur rivalisierender Mächte aus ihrem unmittelbaren Vorfeld fernzuhalten. Dann gilt dieses Interesse auch für Russland und Iran in Sjunik.
Was nicht funktioniert, ist beides zugleich: die eigene Hemisphäre per Regierungsdokument zur exklusiven Sicherheitszone zu erklären und gleichzeitig Moskaus Einwände gegen eine amerikanische Mehrheitsbeteiligung an der iranischen Grenze als imperiales Denken von gestern abzutun. Selbst westliche Kommentatoren haben angemerkt, dass eine Doktrin, die die westliche Hemisphäre als Sicherheitszone der USA behandelt, Washingtons Einwände gegen ähnliche Argumente anderer Mächte schwächt.
Die Asymmetrie ist keine Frage der Interpretation. Sie steht in den Akten, in den Verträgen und in der Sicherheitsstrategie der Vereinigten Staaten. Man muss sie nur nebeneinanderlegen.
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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.
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Bild: Karte des Kaukasus mit Armenien, Aserbaidschan und Georgien
Bildquelle: AustralianCamera / shutterstock
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