Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
Wer die Eskalationsspirale der letzten Jahre verstehen will – vom Iran über die Ukraine bis zur Handelspolitik gegenüber China –, sollte sie nicht als Kette isolierter Krisen lesen, sondern als Ausdruck eines einzigen strukturellen Problems: Die Vereinigten Staaten wissen, dass ihnen die Zeit davonläuft, und genau dieses Wissen macht sie gefährlicher, nicht vorsichtiger.
Der geopolitische Analyst Brian Berletic hat diesen Mechanismus kürzlich pointiert benannt. Seine These: Es existiert ein sich schließendes Zeitfenster, innerhalb dessen die USA noch handlungsfähig genug sind, um die aufstrebende multipolare Ordnung – angeführt von China, gestützt durch Russland und den Iran – aufzuhalten, bevor deren Infrastruktur eine kritische Masse erreicht. Gemeint sind Projekte wie die neue Seidenstraße, die Landkorridore zwischen Iran, Pakistan und China oder der forcierte Ausbau erneuerbarer und nuklearer Energiekapazitäten in China selbst. Sobald diese Systeme operativ und redundant genug sind, verliert Washington jeden Hebel, sie noch zu stören. Bis dahin bleibt nur eines: möglichst viel Sand ins Getriebe streuen, bevor das Fenster zufällt.
Doch dieser Druck, der aus dem sich schließenden Zeitfenster resultiert, wirkt nicht homogen. Er zerfällt entlang der geografischen Bruchlinie des Atlantiks. Was als einheitliche Logik der hegemonialen Aggression beginnt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als eine Konstellation, in der zwei unterschiedliche Uhren zu ticken beginnen – und sie laufen zunehmend gegeneinander.
I. Die amerikanische Uhr: Kalkulierte Rücksichtslosigkeit im Angesicht der Erschöpfung
Die Uhr Washingtons tickt kalkuliert, zynisch, aber innerhalb einer erkennbaren strategischen Logik. Sie lässt sich mit einer These verschränken, die in dieser Kolumne wiederholt entfaltet wurde: dem Prinzip, dass Krieg – oder genauer, die permanente Kriegsökonomie – eine bestimmte Klasse ernährt, ganz unabhängig davon, ob der jeweilige Feldzug militärisch erfolgreich ist oder nicht. Rüstungskonzerne, Energiemultis, Finanzintermediäre der Derivatemärkte: Sie alle profitieren vom Aufrechterhalten der Eskalation selbst, nicht von deren Ausgang. Das erklärt, warum ein erkennbar scheiternder Angriffskrieg gegen den Iran nicht zur Kurskorrektur führt, sondern zur nächsten Eskalationsrunde.
Verlieren die Konzerne, die die einschlägigen Denkfabriken finanzieren, überhaupt etwas, wenn das Imperium insgesamt verliert? Nein – sie kassieren an jeder einzelnen Etappe der Niederlage.
Bemerkenswert ist dabei ein Detail, das Berletic beiläufig erwähnt: US-Energiekonzerne bauten bereits unter der Obama-Regierung Exportkapazitäten für Flüssigerdgas nach Asien auf – zu einem Zeitpunkt, als es die heute vielbeschworenen "umstrittenen Wasserwege" noch gar nicht gab. Für den reinen Export war das Volumen ohnehin nie ausreichend; der eigentliche Zweck lag woanders: in der Fähigkeit, Asien – allen voran China – im Bedarfsfall von alternativen Energiequellen abzuschneiden und in vertragliche Abhängigkeit von US-Lieferungen zu zwingen. Was damals betriebswirtschaftlich kaum Sinn ergab, erweist sich rückblickend als vorbereitende Infrastruktur für eine Blockade- und Verdrängungspolitik, die erst Jahre später zur Anwendung kam. Das ist kein Zufall und keine situative Reaktion auf iranische oder russische Provokationen, sondern vorausschauende Interessenlogik – ein Lehrstück dafür, dass sich hegemoniale Aggression nicht aus Emotion oder Prestigedenken erklärt, sondern aus langfristig kalkulierter Kapitalverwertung.
Auch die Rolle der Stellvertreter fügt sich in dieses Bild, erhält durch die Zeitfenster-These aber eine zusätzliche Dringlichkeit. Israel in Westasien, die europäischen NATO-Staaten gegenüber Russland: Sie sind nicht nur disponible Manövriermasse im Sinne des alten Landsknecht-Prinzips, sondern nach der Logik des Systems auch die Instanz, die im Ernstfall die nukleare Verantwortung trüge, während Washington selbst auf der anderen Seite des Ozeans verbliebe. Sollte es je zu einem atomaren Schlag gegen Russland kommen, wäre es – so die zugespitzte These – Europa gewesen, das ihn ausgeführt hat, nicht die USA. Diese Auslagerung der Haftung wäre die letzte Konsequenz eines Systems, das seine Kosten seit jeher auf andere abwälzt, nun aber auch sein größtes Risiko.
Dass diese Aggression trotz erkennbarem Niedergang nicht linear verläuft, sondern in Schüben, hat einen nüchternen, wenig heroischen Grund: Es ist keine strategische Großzügigkeit, wenn Washington die Lage für ein paar Wochen beruhigt – es ist Munitionsmangel. Die USA produzieren zwar kontinuierlich, sind aber nicht in der Lage, Bestände in dem Umfang zu lagern, den groß angelegte Eskalationskampagnen erfordern würden. Die Atempausen zwischen den Angriffswellen sind Nachschubpausen, keine Deeskalationsgesten.
Wie konkret das aussieht, zeigt sich in Echtzeit: Seit dem US-Luftangriff auf eine Hochzeitsfeier in Sirik, bei dem mehrere Zivilisten getötet wurden, verzichten die Vereinigten Staaten auf weitere kinetische Aktionen auf iranischem Boden. Stattdessen verlagerte sich die Aggression auf ein schwächeres Ziel – iranische Öltanker in der Straße von Hormus. Als der Iran daraufhin Anfang September erstmals gezielt ein US-Kriegsschiff, den Flugzeugträger USS George Washington, unter Beschuss nahm, blieb die amerikanische Antwort bezeichnend limitiert: US-Verteidigungsminister Pete Hegseth kündigte an, im Gegenzug iranische Öltanker zu versenken – nicht etwa militärische Ziele im Iran anzugreifen. Eine Regierung, die auf den Beschuss eines Flugzeugträgers mit der Ankündigung reagiert, zivile Handelsschiffe zu treffen, bestätigt damit unfreiwillig genau die Asymmetrie, die sie eigentlich bestreiten möchte.
Die USA handeln innerhalb des Zeitfensters wie ein Schachspieler, der die Partie verloren gibt, aber noch genug Figuren hat, um das Brett umzuwerfen – kalkuliert, nicht hysterisch. Die eigene Statistik der Erschöpfung – ausbleibende Munitionsreserven, wachsender Rüstungsabstand zu Russland und China, das Scheitern des versuchten Regimewechsels im Iran – führt nicht zur Vorsicht, sondern zur maximalen Rücksichtslosigkeit. Ein Hegemon, der weiß, dass er verliert, aber noch über das nötige Zerstörungspotential verfügt, um den Übergang zur multipolaren Welt möglichst teuer zu gestalten, ist gefährlicher als ein Hegemon, der sich seiner Stärke sicher wähnt.
II. Die europäische Uhr: Panische Entkopplung ohne Rückzugsraum
Doch der Druck des Zeitfensters wirkt nicht allein auf Washington. Er überträgt sich – und das ist die entscheidende Komplikation – auf den Stellvertreter selbst. Die europäische Uhr tickt nicht kalkuliert, sondern zunehmend panisch, aus einem einfachen Grund: Europa fehlt der geografische Rückzugsraum, den die USA haben.
Das zeigt sich exemplarisch am Vorgehen der letzten Wochen gegenüber Russland. Zunächst reiste CIA-Direktor John Ratcliffe Ende August nach Moskau – seinem eigenen Anspruch nach mit unverhohlenen Drohungen im Gepäck: Sollte Russland seinen Vormarsch in der Ukraine nicht stoppen, werde sich die Lage binnen eines Jahres drastisch verschlechtern. Diese Drohkulisse verfing nicht; russische Regierungsquellen sprechen von einem knapp vierstündigen Treffen ohne direkten Kontakt zu Putin oder Lawrow. Kaum eine Woche später folgte der Kurswechsel: Jared Kushner und Steve Witkoff reisten mit einem gänzlich anderen Werkzeug an – dem Angebot künftiger, "für beide Seiten vorteilhafter" Wirtschaftsprojekte. Auch das lehnte Moskau ab, nach eigener Darstellung ohne dabei jedoch die gleiche Verärgerung zu zeigen wie gegenüber der vorangegangenen Drohgebärde.
Diese Sequenz – erst Zwang, dann das Angebot zur Zusammenarbeit, beides erfolglos bei einem Akteur, der den Konflikt als existenziell einstuft – ist ein vertrautes Muster. Es ist dasselbe, das sich im Umgang der EU mit widerständigen Staaten oder im amerikanischen Vorgehen gegenüber dem Iran beschreiben ließ: Ein System, das seine beiden zentralen Disziplinierungsinstrumente – Androhung von Schaden und Versprechen von Vorteil – der Reihe nach durchprobiert, weil ihm auf der strukturellen Ebene keine dritte Option zur Verfügung steht.
Bemerkenswert ist dabei vor allem, was die amerikanische Seite laut russischer Darstellung eben nicht mehr verfolgt: Von den zahlreichen Ukraine-Friedensplänen der vergangenen Jahre – dem Kellogg-Plan, der Pufferzonen-Idee, dem 28-Punkte-Entwurf – ist in den Gesprächsnotizen nichts mehr die Rede. Washington scheint, wenn diese Darstellung zutrifft, nicht mehr an einer Lösung des Ukraine-Konflikts im eigentlichen Sinne interessiert zu sein, sondern an etwas Bescheidenerem: einem Kommunikationskanal, der über den Krieg hinaus Bestand hat.
Washington kann mit Moskau über eine Zeit nach dem Krieg sprechen, weil ein russischer Sieg in der Ukraine für die amerikanische Sicherheitsarchitektur folgenlos bliebe. Für die europäischen Regierungen, die sich seit Jahren rhetorisch auf eine existenzielle Bedrohung durch Russland festgelegt haben, ist genau das nicht möglich – jedenfalls nicht, ohne das eigene politische Selbstverständnis der letzten Jahre in Frage zu stellen.
Das erklärt eine Beobachtung, die der Journalist Alexander Mercouris kürzlich anhand der Reaktionen auf den sogenannten Leipziger Drohnenvorfall herausgearbeitet hat: Eine im August auf einem Rollfeld gefundene Drohne, die nach eigener Einschätzung Mercouris' keinerlei erkennbaren Schaden angerichtet hatte, wurde wochenlang nicht weiter kommentiert – bis die deutsche Regierung sie plötzlich, ohne vorgelegte Beweise, mit Russland in Verbindung brachte. Der Zeitpunkt ist auffällig: Er fiel mit der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zusammen, wo die AfD mit einer Politik der Wiederannäherung an Russland antrat. Ob man Mercouris' Deutung folgt oder nicht – dass sich außenpolitische Eskalationsnarrative und innenpolitische Wahlkalküle in einem solchen Fall kaum noch trennen lassen, ist selbst schon aufschlussreich. Es zeigt eine europäische politische Klasse, die Sicherheitsvorfälle nicht mehr primär als außenpolitisches, sondern als innenpolitisches Disziplinierungsinstrument einsetzt – Spaltung nach innen, nicht nur nach außen.
Die materialistische Betrachtung – statt einer psychologisierenden – macht die strukturelle Natur dieser Divergenz sichtbar. Es handelt sich nicht um zwei Regierungen mit unterschiedlichem Temperament, sondern um zwei Kriegsökonomien mit unterschiedlichen geografischen Zentren und zunehmend divergierenden Interessen an der Fortdauer des Konflikts. Die amerikanische Rüstungs- und Energieindustrie hat ihre Gewinne längst auch jenseits der Ukraine – im Nahen und Mittleren Osten, im gesamten Indopazifik – zu verbuchen und könnte von einer Verlagerung der Priorität auf die Systemkonkurrenz mit China durchaus profitieren. Die europäische, allen voran die deutsche Rüstungs- und Zeitenwende-Ökonomie dagegen ist nahezu vollständig auf das Feindbild Russland zugeschnitten; eine Deeskalation an dieser Front hätte für sie unmittelbare, negative Konsequenzen. Es gibt inzwischen nicht mehr nur eine Klasse, die vom Krieg profitiert, sondern zwei mit unterschiedlichem geografischem Schwerpunkt – und ihre Interessen an dessen Fortsetzung beginnen auseinanderzudriften.
III. Das Fenster, das niemand mehr kontrolliert
Die Konsequenz dieser Scherenbewegung ist, dass sich die Landsknecht-Logik an einer entscheidenden Stelle verschiebt. Dort war der Stellvertreter – Israel in Westasien, die europäischen NATO-Staaten gegenüber Russland – als kontrolliertes Instrument beschrieben worden: disponible Manövriermasse, die im Sinne des Hegemons eingesetzt und bei Bedarf zurückgenommen wird. Was sich jetzt andeutet, ist etwas anderes: ein Stellvertreter, der beginnt, eine eigene, vom Prinzipal nicht mehr synchronisierte Eskalationsdynamik zu entwickeln, während der Prinzipal selbst nach einem Ausweg sucht. Das ist eine andere, in mancher Hinsicht gefährlichere Konstellation als die zynisch kalkulierte Stellvertreterpolitik: Die Unberechenbarkeit geht nicht mehr allein vom erschöpften Hegemon aus, sondern von einem Akteur, der über dessen nukleare Mitverantwortung verfügt, ohne dessen globale Distanz oder dessen kühles Kalkül zu teilen.
Die beiden Formen der Zurückhaltung, die sich in dieser Konstellation gegenüberstehen, sollte man nicht verwechseln. Die Pausen der USA sind erzwungen – Ausdruck realer Kapazitätsgrenzen. Die Zurückhaltung von China, Russland und dem Iran dagegen ist gewählt: die Erkenntnis, dass jede vorschnelle Eskalation genau das Zeitfenster verlängern würde, das man eigentlich schließen will. Geduld ist hier nur so lange rational, wie die Zeit für die eigene Seite arbeitet – und noch tut sie das.
Der von russischer Seite als nur noch "Monate entfernt" bezeichnete Fall des Donbass wäre in dieser Lesart nicht bloß der "Moment größter Gefahr", weil er Panik in Europa auslösen könnte. Er wäre der Moment, in dem sichtbar würde, dass niemand mehr die Kontrolle über das Zeitfenster hat, in dessen Namen seit Jahren eskaliert wird.
Die Zeitfenster-Logik ist damit keine einheitliche Handlungsanweisung mehr, sondern ein Spaltpilz. Washington nutzt die verbleibende Zeit, um die Kosten des Übergangs für alle anderen zu maximieren – kalkuliert, zynisch, aber ohne jede Illusion, den Übergang selbst noch aufhalten zu können. Europa dagegen kann sich diesen Übergang nicht einmal eingestehen, weil seine Kriegsökonomie, seine politische Klasse und sein sicherheitspolitisches Selbstverständnis auf der Fortdauer genau jener Front beruhen, die Washington bereits als verhandelbar betrachtet.
Die eigentliche Gefahr der kommenden Monate ist nicht der Niedergang des Imperiums – er ist ohnehin beschlossen. Die Gefahr ist, dass zwei Uhren, die einst im gleichen Takt tickten, nun gegeneinander laufen, während beide Seiten behaupten, noch immer die Zeit für alle anderen anzugeben. Wer in dieser Konstellation zuerst blinzelt, wird nicht entscheiden, wann das Fenster zufällt – aber vielleicht, mit welcher Wucht es ins Schloss schlägt.
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Bildquelle: Photo Veterok / shutterstock
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Quellen:
- Brian Berletic (The New Atlas) im Gespräch mit Danny Haiphong: Interview zur aktuellen geopolitischen Lage (Iran-Eskalation, Straße von Hormus, SOZ-Gipfel, BRICS-Gipfel Neu-Delhi), YouTube, https://www.youtube.com/watch?v=TPxk36u__64
- The New Atlas (Berletics Kanal/Publikation) – laufende Analysen zu US-Außenpolitik und multipolarer Ordnung, verlinkt in der Videobeschreibung des Interviews (Patreon, Substack)
- Danny Haiphong: Eilmeldungsupdate zur Eskalation in der Straße von Hormus (US-Angriff auf iranische Öltanker am 5. September, iranischer Beschuss der USS George Washington, Hegseth-Ankündigung zur "Tanker-für-Tanker"-Politik, Kushner/Witkoff-Gespräche in Moskau) https://www.youtube.com/watch?v=8kax1nXKQUU&t=335s
- Alexander Mercouris, Podcast vom 5. September 2026 (Episoden-Titel u.a.: "Russia Hardens Stance Rebuffs US Offers Rejects Truce; Dobropilia Collapses; Witkoff Kushner In Kiev"
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Dirk Ellerbrock, Jahrgang 1946, ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Nach Studien der Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie arbeitete er viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.
Mitte der 1990er wandte er sich mystischen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen-Buddhismus, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Unterweisungen Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung". 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift", das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.
Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock
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