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Projekt Agincourt: Wer kommandiert künftig die autonomen Waffensysteme? | Von Wolfgang Effenberger

Projekt Agincourt: Wer kommandiert künftig die autonomen Waffensysteme? | Von Wolfgang Effenberger

Das Pentagon und der Weg zum neuen Autonomous Warfare Command (AUTOWARCOM)

Ein Meinungsbeitrag von Wolfgang Effenberger.

Projekt Agincourt – Der Weg zum Kommando für autonome Kriegführung 

Der US-Kriegsminister Pete Hegseth hat ein Memorandum mit dem Titel "Projekt Agincourt – Der Weg zum Kommando für autonome Kriegführung" veröffentlicht. Der Name dieses Projekts soll auf die Schlacht von Azincourt von 1415 verweisen und im Zusammenhang mit AUTOWARCOM eine militärische Umwälzung versinnbildlichen: So wie damals englische Langbogenschützen zum Sieg über eine zahlenmäßig überlegene französische Streitmacht beitrugen, sollen heute unbemannte und autonome Systeme die bisherigen Kräfte- und Kostenverhältnisse auf dem Gefechtsfeld verändern. Diese historische Anspielung wurde bei der Vorstellung des Projekts ausdrücklich hergestellt; sie ist also nicht bloß eine nachträgliche Interpretation.

Welche Botschaft hinter dem Namen steht 

Die Namenswahl stellt den Langbogen als historische Entsprechung zu heutigen Drohnen und autonomen Waffensystemen dar. Die beabsichtigte Analogie lautet: Eine vergleichsweise kostengünstige, in großer Zahl eingesetzte Waffe kann einen aufwendig ausgerüsteten Gegner vor grundlegende Probleme stellen. Der Name soll damit den Anspruch unterstreichen, nicht nur zusätzliche Technik zu beschaffen, sondern die Art der Kriegführung zu verändern. (2)

Dazu passt der organisatorische Ansatz von Project Agincourt: Soldaten und Entwickler sollen in schnellen Anpassungszyklen zusammenarbeiten; Entscheidungen und Finanzmittel sollen näher an die kämpfenden Einheiten verlagert werden. Die technische Neuerung soll also durch neue Beschaffungs- und Führungsverfahren wirksam werden. (3)

Project Agincourt ist das Aufbauprogramm für das geplante Autonomous Warfare Command: Es soll dessen organisatorische, personelle und beschaffungstechnische Grundlagen schaffen und zugleich bereits erproben, wie autonome militärische Systeme schneller entwickelt und eingeführt werden können. Es ist also nicht bloß eine Zukunftsstudie, sondern die praktische Übergangsphase zum neuen Kommando.

Der Pentagon-Erlass vom 30. September 2026 beauftragt den bereits bestehenden „Direct Reporting Portfolio Manager for Unmanned Systems“ — kurz DRPM-UxS, die unmittelbar berichtende Programmleitung für unbemannte Systeme — mit der Durchführung von Project Agincourt. Diese Stelle soll ihre bisherigen Aufgaben fortführen und zugleich den Übergang zu AutoWarCom vorbereiten. (4)

Dazu gehören insbesondere:

  • die Vorbereitung der Organisationsstruktur und des Zusammenwirkens mit den bestehenden Teilstreitkräften;
  • die Ausgestaltung eigener Personal-, Budget- und Beschaffungsbefugnisse;
  • die Vorbereitung besonderer militärischer Laufbahnen für den Bereich autonome Kriegführung;
  • die Zusammenarbeit mit dem Kongress zur Schaffung der erforderlichen gesetzlichen Grundlagen. (5) 

Innerhalb von 30 Tagen sollen die Programmleitung und der Joint Staff einen Maßnahmen- und Meilensteinplan zur Genehmigung vorlegen. Der angestrebte Aufstellungstermin des Kommandos bleibt der 1. Oktober 2027; er setzt die erforderlichen organisatorischen und gesetzlichen Entscheidungen voraus. (6)

Ein anderes Beschaffungsverfahren erproben 

Agincourt soll ein Modell entwickeln, das Hegseth „warfighting acquisition“ nennt. Der Kern ist, militärische Anwender, Entwickler und Hersteller enger zusammenzubringen und Entscheidungen sowie Finanzmittel näher an die operativen Kräfte zu verlagern. (7)

Entwicklung, Erprobung, Beschaffung und Einsatz sollen dadurch stärker miteinander verbunden werden: Die Erfahrungen militärischer Nutzer sollen rascher in technische Änderungen eingehen, und bewährte Lösungen sollen schneller in größerem Umfang eingeführt werden.

Agincourt soll die bestehenden Programme für unbemannte Systeme nicht bis zur Gründung des Kommandos stilllegen. Vielmehr sollen diese weiterlaufen und als Ausgangsbasis für die neue Organisation und die neuen Beschaffungsprozesse dienen. Das Projekt verbindet somit den laufenden Betrieb mit dem institutionellen Umbau. (8)

Als Leiter wurden Owen West, der Direktor der Defense Innovation Unit, und Max Strasiser aus dem Bereich DRPM-UxS benannt. Sie sollen den Aufbau vorbereiten und auch die notwendigen Schritte gegenüber dem Kongress begleiten. (9)

Untersuchungsprojekt Meridian: Künftiges Gefechtsfeld

Während Agincourt die autonome Kriegführung praktisch voranbringen soll, werden im auf 120 Tage angelegten Untersuchungsprojekt Meridian Technologien und Fähigkeiten untersucht, die künftige Kriege bestimmen werden.

Mit dem obersten Technologieverantwortlichen des Pentagons sollen externe Fachleute technologische Entwicklungslinien, militärische Fähigkeitslücken und mögliche Lösungen identifizieren – unter anderem bei künstlicher Intelligenz, Robotik, gerichteter Energie und Biotechnologie. Hegseth nannte Elon Musk, Anduril-Gründer Palmer Luckey und den früheren Repräsentantenhaussprecher Newt Gingrich als Mitverantwortliche. Nach seiner ausdrücklichen Darstellung geht es dabei nicht um die Ausarbeitung neuer Strategien oder politischer Leitlinien. (10)

Meridian fragt, was die Streitkräfte künftig benötigen; Agincourt soll dafür sorgen, dass autonome Systeme schneller beschafft, angepasst und militärisch nutzbar werden. Meridian ist dabei keine Vorstufe von AUTOWARCOM, sondern eine parallel angelegte Zukunftsstudie. (11)

Das Autonomous Warfare Command ist somit ein geplantes streitkräfteübergreifendes Führungskommando – noch keine neue Teilstreitkraft – und steht unter dem Vorbehalt der Zustimmung des Kongresses. (12)

Der Meridian-Auftrag spricht von der Sicherung langfristiger amerikanischer militärischer Überlegenheit und technologischer Dominanz auf künftigen Gefechtsfeldern. (13)

Das scheint auf die Zurückgewinnung der Weltdominanz zu zielen, gemäß dem Papier TRADOC 525-3-1 "Win in a Complex World 2020-2040" vom Oktober 2014. 

Wie Agincourt und AUTOWARCOM zusammenhängen

Project Agincourt ist das vorbereitende Aufbau- und Erprobungsvorhaben. Es soll die Voraussetzungen für das neue Kommando schaffen und zugleich neue Beschaffungsverfahren erproben. (14)

AUTOWARCOM ist das angestrebte dauerhafte, teilstreitkräfteübergreifende Kommando für unbemannte und autonome Kriegführung. Project Agincourt bildet den organisatorischen Weg dorthin. (15)

Die historische Analogie ist dabei als programmatische Zuspitzung zu verstehen: Die herangezogenen Darstellungen betonen den Langbogen als Symbol militärisch-technischer Überlegenheit. Daraus folgt jedoch weder, dass eine einzelne Waffe allein den damaligen Sieg erklärt, noch dass autonome Systeme heute zwangsläufig dieselbe Wirkung erzielen werden. (16)

Project Agincourt legt das Verfahren fest, nach dem das Kriegsministerium ein funktionales, von einem Viersternegeneral oder -admiral geführtes teilstreitkräfteübergreifendes Einsatzkommando aufstellen soll. Dieses soll die gemeinsamen Streitkräfte bei der unbemannten und autonomen Kriegführung führen.

Der Erlass bestimmt, dass der unmittelbar der Leitung berichtende Portfoliomanager für unbemannte Systeme (DPRM-UxS) das Projekt Agincourt leiten wird. Owen West, Direktor der "Defense Innovation Unit", wird als geschäftsführender Leiter (Chief Executive Officer) fungieren; Max Strasiser, Senior Chief der "Navy SEALs", übernimmt die operative Leitung (Chief Operating Officer).

Innerhalb von 30 Tagen nach Erlass dieser Anordnung wird der DPRM-UxS mit Unterstützung des Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs dem Kriegsminister einen Maßnahmen- und Meilensteinplan (Plan of Action and Milestones, POAM) zur Genehmigung vorlegen.

Dieses in Planung genommene Viersternekommando soll über unmittelbar zugeordnetes Personal, einen eigenen Haushalt, eigene Beschaffungsbefugnisse sowie gesonderte militärische Laufbahnen für Offiziere und für Personal der Unteroffiziers- und Mannschaftsdienstgrade verfügen. Der DPRM-UxS soll die unmittelbar erforderlichen Veränderungen vorantreiben und mit dem Kongress an den gesetzlichen Grundlagen zusammenarbeiten, um AUTOWARCOM bis zum 1. Oktober 2027 aufzustellen. Dabei muss die Einrichtung eines neuen Combatant Command nicht zwingend über ein eigenes Zustimmungsgesetz des Kongresses erfolgen. Nach der vorliegenden juristischen Analyse kann der Präsident das Kommando unter bestehenden Befugnissen gemäß 10 USC § 161 einrichten und muss den Kongress anschließend innerhalb von 60 Tagen unterrichten. Für die darüber hinaus vorgesehenen Sonderbefugnisse können jedoch Gesetzesänderungen notwendig sein.

Die größte Hürde ist nicht die formale Gründung des Kommandos, sondern seine Ausstattung mit den vorgesehenen eigenen Personal-, Haushalts- und Beschaffungsbefugnissen, in denen auch ein neues Beschaffungsmodell für unbemannte und autonome Systeme erprobt werden soll. Ziel ist ein wiederholbar anwendbares Beschaffungssystem, das Anpassungen im Gefecht ermöglicht und dabei ein günstiges Kostenverhältnis gegenüber dem Gegner wahrt. (17)

Der 1. Oktober 2027 ist bislang ein Zieltermin, kein abgesicherter Termin für ein vollständig arbeitsfähiges "Autonomous Warfare Command". Das Gründungsmemorandum nennt weder den konkreten Etat noch die Personalstärke oder die erforderlichen Gesetzesänderungen. (18)

Es gibt bereits einen parlamentarischen Ansatz: Abschnitt 917 des vom Streitkräfteausschuss des Senats vorgelegten Entwurfs für das Verteidigungsautorisierungsgesetz des Haushaltsjahres 2027 sieht ein „Robotic and Autonomous Systems Command“ vor. Dieser Entwurf ähnelt Agincourt, enthält nach der juristischen Analyse aber begrenztere Beschaffungsbefugnisse. Er ist damit ein möglicher Weg zur Umsetzung, zugleich aber noch keine gesetzliche Absicherung des Pentagon-Modells.

Die Terminrisiken liegen folglich in der Abstimmung zwischen dem gewünschten Organisationsmodell und dem tatsächlich verabschiedeten gesetzlichen Rahmen. (19) 

Das Agincourt-Memorandum verspricht eigene Haushaltsmittel, beziffert aber weder die Aufbaukosten noch den laufenden Finanzbedarf des neuen Kommandos. Damit bleibt offen, welche Ressourcen neu bereitgestellt und welche aus bestehenden Programmen übernommen werden sollen.

Zwar enthält der Haushaltsantrag für 2027 rund 54,6 Milliarden US-Dollar für die "Defense Autonomous Warfare Group". Diese Zahl ist jedoch kein ausgewiesener AutoWarCom-Etat und darf nicht als bereits bewilligtes Budget des neuen Kommandos verstanden werden. (20)

Für den Zeitplan ist entscheidend, ob die Finanzierung rechtzeitig und passend zu den neuen Zuständigkeiten verfügbar wird. Die politische Ankündigung eines Kommandos und dessen tatsächliche Ausstattung sind zwei getrennte Schritte.

Da Agincourt dem neuen Kommando eigene Personal-, Haushalts- und Beschaffungskompetenzen verschaffen und dafür unmittelbar organisatorische Veränderungen einleiten soll, ist die Frage zu klären, welche Programme, Mitarbeiter und Entscheidungen gehen an AutoWarCom, welche bleiben bei Army, Navy, Air Force oder anderen Stellen? Der veröffentlichte Erlass beantwortet diese Fragen noch nicht im Detail; gerade dafür verlangt er einen Maßnahmen- und Meilensteinplan innerhalb von 30 Tagen.

Das Memorandum enthält noch keine konkrete Personalplanung. (21)

Bis Oktober 2027 müssen deshalb nicht nur Stellen organisatorisch zugeordnet werden: Auch die vorgesehenen Laufbahnen und die personelle Ausstattung müssen praktisch umgesetzt werden. Ein erster Führungsstab kann dabei früher stehen als das vollständig ausgebaute Personalsystem. Das ist eine Einschätzung des Umsetzungsrisikos auf Grundlage der bislang offenen Personalvorgaben, keine bereits gemeldete Verzögerung. (22)

Der gesetzliche Entwurf mit begrenzteren Beschaffungsbefugnissen zeigt zudem, dass der Umfang dieser Kompetenzen noch nicht abschließend feststeht. (23)

Die entscheidende Frage lautet daher: Was soll am 1. Oktober 2027 tatsächlich erreicht sein?

Die formale Einrichtung des Kommandos ist rechtlich unter bestehenden präsidialen Befugnissen möglich.

Die Ausstattung mit den angekündigten Sonderbefugnissen hängt teilweise von weiteren gesetzlichen Entscheidungen ab. (24)

AutoWarCom soll jedoch mehr sein als eine Beratungsstelle für Drohnentechnik. Nach den veröffentlichten Planungen soll es:

  • gemeinsame Anforderungen für autonome und robotische Systeme festlegen;
  • entsprechende Kräfte und Fähigkeiten der bestehenden Teilstreitkräfte zusammenführen;
  • Technik und neue militärische Organisationsformen unter realitätsnahen Bedingungen erproben;
  • erfolgreiche Systeme und Einsatzkonzepte schneller in die Streitkräfte einführen;
  • die regional zuständigen US-Kommandos mit diesen Fähigkeiten unterstützen. (25)

Dazu soll es wie gesagt eigene Ressourcen erhalten. Die endgültige Ausgestaltung erfordert die Zusammenarbeit mit dem Kongress und entsprechende gesetzliche Grundlagen. 

Warum keine neue Teilstreitkraft?

Der entscheidende Unterschied liegt zwischen dem Aufbau einer eigenständigen Streitkraft und einem streitkräfteübergreifenden Kommando. Die Ankündigung bezeichnet AutoWarCom ausdrücklich als „a four-star combatant command with service-like authorities“ – also als ein Viersternekommando mit teilstreitkraftähnlichen Befugnissen, nicht als zusätzliche Teilstreitkraft.

Das Kommando soll also nicht nur auf vorhandene Kräfte zugreifen, sondern auch deren technische Entwicklung, Beschaffung und personellen Aufbau beeinflussen können. Es soll damit die bisher getrennten Aktivitäten der Teilstreitkräfte bei autonomen Systemen enger verbinden. (26)

Was heißt „autonom“? 

Die Ankündigung umfasst Drohnen, Robotik, künstliche Intelligenz und autonome Führungs- und Steuerungssysteme. Der Name bezeichnet somit ein breites militärtechnologisches Aufgabenfeld – nicht ausschließlich Waffen, die selbstständig Ziele auswählen und bekämpfen. Aus der Bezeichnung allein lässt sich insbesondere nicht ableiten, welche Entscheidungen künftig ohne menschliche Freigabe getroffen werden dürfen. Die veröffentlichten Ankündigungen legen vor allem den organisatorischen Rahmen fest.

Als Begründung verwies Hegseth auf die Erfahrungen des Ukrainekriegs: Der schnelle Wandel bei autonomen und robotischen Systemen müsse sich auch in militärischen Führungsstrukturen sowie in Ausrüstung, Doktrin und Organisation niederschlagen.

Die bisher konkret formulierte Kritik am geplanten AUTOWARCOM richtet sich vor allem gegen seine Zentralisierung: Ein neues Viersternekommando könnte zusätzliche Bürokratie schaffen, Zuständigkeiten der Teilstreitkräfte überlagern und technische Fachleute von den Einsatzverbänden abziehen – also gerade jene schnelle Anpassung behindern, die es ermöglichen soll. Daneben stehen die grundsätzlichen ethischen und völkerrechtlichen Einwände gegen autonome Waffen. Diese beiden Kritikstränge muss man auseinanderhalten. 

Militärische Kritik an AUTOWARCOM durch einen pensionierten US-Oberstleutnant 

Der pensionierte Oberstleutnant Stephen D. Cook der US Army Special Forces kritisierte das Projekt am 12. Oktober 2026 bei RealClearDefense unter dem Titel „Warum ein eigenständiges Einsatzkommando für autonome Kriegführung die Schlagkraft beeinträchtigt“. Seine Argumentation ist rein militärisch-organisatorisch, nicht grundsätzlich gegen autonome Waffensysteme gerichtet. (27)

Cook sieht einen Widerspruch zwischen Hegseths angekündigtem Abbau überdimensionierter Führungsstrukturen und der Schaffung eines zusätzlichen Viersternekommandos:

Ein solches Kommando brauche einen umfangreichen Stab für Personal, Nachrichtengewinnung, Operationen, Logistik und Planung.

Zusätzliche Führungsebenen könnten neue Abstimmungs- und Genehmigungsschleifen erzeugen.

Die Beschleunigung technischer Anpassungen werde dadurch möglicherweise nicht erleichtert, sondern erschwert.

Nach Cooks Ansicht droht ein gemeinsames Autonomiekommando Systeme organisatorisch zusammenzufassen, deren entscheidende Gemeinsamkeiten eher in der Software liegen als im tatsächlichen Einsatz. Die notwendige Fachkenntnis bleibe jedoch stark an Marine, Luftwaffe, Heer und deren jeweilige Einsatzbedingungen gebunden. (28)

Weiter kritisiert Cook die vorgesehene Verbindung von operativer Führung mit eigenem Personal, Haushalt und Beschaffungsbefugnissen. Damit werde ein Problem der Entwicklung und Beschaffung durch die Schaffung eines neuen Einsatzkommandos gelöst, obwohl die Teilstreitkräfte bereits für die Organisation, Ausbildung und Ausrüstung ihrer Kräfte zuständig seien.

Die Berichterstattung von Breaking Defense bestätigt den Hintergrund dieses Einwands: AUTOWARCOM soll Befugnisse erhalten, die denen einer Teilstreitkraft ähneln. Die genaue Ausgestaltung benötigt allerdings noch die Zustimmung des Kongresses. Die Kompetenzverteilung ist somit ein offener Gestaltungsgegenstand. (29)

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Ressourcenverteilung. Cook befürchtet, dass ein neues Kommando mit eigenem Budget Mittel aus bestehenden Entwicklungsprogrammen der Teilstreitkräfte abziehen könnte, zusätzliche Verteilungskonflikte um erfolgreiche Projekte auslösen würde sowie knappe Software-, KI- und Beschaffungsspezialisten in einen zentralen Stab versetzen könnte, statt sie unmittelbar bei Entwicklern und Einsatzverbänden arbeiten zu lassen. (30)

Besonders kritisiert Cook die Anwendung der Pentagon-Richtlinie 3000.09 für autonome Waffensysteme. Seine Alternative sind fachkundige, dezentral eingebettete Teams mit klaren Befugnissen innerhalb der bestehenden Beschaffungsorganisationen.

Seine Forderung nach weniger zentralen Prüfungen kommt aus dem Wunsch nach schnellerer militärischer Einführung. Sie ist also keineswegs identisch mit der humanitären Kritik, die eine stärkere Kontrolle autonomer Gewaltanwendung verlangt. 

Menschliche Kontrolle und Verantwortung 

Neben der Frage, ob AUTOWARCOM die Beschaffung beschleunigt oder zusätzliche Bürokratie schafft, steht ein grundlegenderes Problem: Wer entscheidet über tödliche Gewalt, wer kann einen Angriff abbrechen, und wer trägt die Verantwortung für seine Folgen? Amitai und Oren Etzioni dokumentierten diese Debatte bereits 2017: die Schwierigkeiten der Unterscheidung zwischen Zivilisten und Kombattanten, die Sicherung menschlicher Urteilskraft und die Gefahr unklarer Verantwortungszuweisung zwischen Befehlshabern, Bedienern und Entwicklern. Ihr Beitrag betrifft nicht den heutigen AUTOWARCOM-Plan, benennt aber Maßstäbe, an denen auch dieses Vorhaben zu prüfen ist. Entscheidend sind der jeweilige Autonomiegrad und Einsatzzweck, nicht schon die bloße Unbemanntheit eines Systems. (31)

Kritischer Einwurf: technische Autonomie, menschliche Folgen 

Die weitergehende Sorge gilt einer Entgrenzung der Gewalt bei gleichzeitiger Zersplitterung menschlicher Verantwortung. Wenn Entscheidungen auf Befehlsketten, Software und technische Verfahren verteilt werden, droht eine Situation, an der viele beteiligt sind, in der aber niemand sich als tatsächlich verantwortlich begreift. Menschliche Kontrolle wäre dann nur noch eine formale Bestätigung maschineller Entscheidungen – statt einer wirksamen Möglichkeit, zu prüfen, zu widersprechen und einzugreifen. Diese Gefahr lässt sich aus der von Etzioni und Etzioni dargestellten Verantwortungsproblematik ableiten. (32)

Als kritische Zuspitzung ließe sich von einer technokratischen Abschottung gegenüber menschlichem Leid und einem Rückschritt der Menschlichkeit sprechen: Menschen erscheinen nur noch als Zielmerkmale, ihr Tod als erfolgreicher Systemablauf. Die Gefahr liegt nicht allein darin, dass Maschinen menschliches Urteil unvollkommen nachbilden, sondern darin, dass Menschen sich selbst an die verengte Logik ihrer Maschinen gewöhnen. „Autistisches Verhalten“ wäre dafür keine treffende Bezeichnung; gemeint sind moralische Abschottung, Empathieverlust und die Verdrängung persönlicher Verantwortung, nicht Autismus.

Auch die eigenen Soldaten wären damit nicht notwendig seelisch entlastet. Wer einen Angriff freigibt, seine Folgen beobachtet oder sich außerstande sieht, ihn rechtzeitig zu verhindern, kann weiterhin Schuld, Scham und Ohnmacht erleben. Die Forschung zu „moral injury“, also moralischer Verletzung, beschreibt solche Belastungen nach Handlungen oder unterlassenen Eingriffen, die den eigenen tiefen Wertüberzeugungen widersprechen. Moralische Verletzung ist nicht mit einer posttraumatischen Belastungsstörung gleichzusetzen, kann jedoch mit ihr zusammen auftreten. Dass AUTOWARCOM solche Folgen hervorbringen wird, ist damit nicht belegt; es handelt sich um ein ernst zu nehmendes Risiko, nicht um eine zwangsläufige Entwicklung. (33)

Der entscheidende Maßstab sollte deshalb lauten: Technische Autonomie darf weder zur Ausrede für menschliche Verantwortungslosigkeit werden noch Soldaten Verantwortung aufbürden, ohne ihnen die tatsächliche Macht zum Eingreifen zu belassen.

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Anmerkungen und Quellen

Wolfgang Effenberger, Jahrgang 1946, erhielt als Pionierhauptmann bei der Bundeswehr tiefere Einblicke in das von den USA vorbereitete "atomare Gefechtsfeld" in Europa. Nach zwölfjähriger Dienstzeit studierte er in München Politikwissenschaft sowie Höheres Lehramt (Bauwesen/Mathematik) und unterrichtete bis 2000 an der Fachschule für Bautechnik. Seitdem publiziert er zur jüngeren deutschen Geschichte und zur US-Geopolitik. Zuletzt erschienen vom ihm:

  • „Schwarzbuch EU & NATO“ (2020)
  • "Die unterschätzte Macht" (2022)
  • "Vom Krieg zur Weltordnung" (Juni 2026)
  • "Der Kalte Geist des Krieges " (Oktober 2026)

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1) https://help.openai.com/en/articles/11084440-images-in-chatgpt?utm_source=chatgpt.com

2) https://www.twz.com/news-features/vision-for-new-autonomous-warfare-command-laid-out-by-pentagon

3) https://www.airandspaceforces.com/hegseth-drones-autonomous-warfare-command-state-of-the-force/

4) https://mickryan.substack.com/p/project-agincourt-and-the-new-us

5) https://dig.watch/updates/us-department-war-project-agincourt-autowarcom

6) https://www.autonomyglobal.co/pentagon-plans-autonomous-warfare-command-by-2027/

7) https://breakingdefense.com/2026/09/hegseth-announces-plans-for-new-4-star-drone-command-further-general-officer-cuts/

8) https://mickryan.substack.com/p/project-agincourt-and-the-new-us

9) https://aviationweek.com/defense/budget-policy-operations/pentagon-creating-four-star-autonomy-command

10) https://www.army.mil/article/295897/hegseth_delivers_state_of_the_force_address_outlines_series_of_new_initiatives

11) https://breakingdefense.com/2026/09/hegseth-announces-plans-for-new-4-star-drone-command-further-general-officer-cuts/

12) https://www.twz.com/news-features/vision-for-new-autonomous-warfare-command-laid-out-by-pentagon

13) https://www.heise.de/news/Elon-Musk-und-Palmer-Luckey-loten-Kriegfuehrung-der-Zukunft-fuer-das-Pentagon-aus-11471974.html

14) https://media.defense.gov/2026/Sep/30/2004009304/-1/-1/1/PROJECT-AGINCOURT-PATHWAY-TO-THE-AUTONOMOUS-WARFARE-COMMAND.PDF

15) https://www.army.mil/article-amp/296131/hegseth_autonomous_warfare_command_has_always_been_end_state

16) https://www.militarytimes.com/news/your-military/2026/10/13/us-army-to-stand-up-command-for-unmanned-and-autonomous-warfare/

17) https://www.carahsoft.com/technology-by-policy/449-project+agincourt+pathway+to+the+autonomous+warfare+command

18) https://www.edrmagazine.eu/us-dow-secretary-hegseth-announces-project-agincourt-pathway-to-the-autonomous-warfare-command

19) https://natlawreview.com/article/pentagon-seeks-advance-autonomous-warfare-through-project-agincourt

20) https://insideunmannedsystems.com/pentagon-announces-autonomous-warfare-command-sets-october-2027-target/

21) https://www.edrmagazine.eu/us-dow-secretary-hegseth-announces-project-agincourt-pathway-to-the-autonomous-warfare-command

22) https://www.newsweek.com/hegseth-unveils-6-major-us-military-changes-12509906

23) https://natlawreview.com/article/pentagon-seeks-advance-autonomous-warfare-through-project-agincourt

24) https://natlawreview.com/article/pentagon-seeks-advance-autonomous-warfare-through-project-agincourt

25) https://aerospaceglobalnews.com/news/us-military-autonomous-warfare-command-autowarcom/

26) https://www.legion.org/information-center/news/security/2026/september/hegseth-returns-to-quantico-to-lay-out-technology-and-people-initiatives

27) https://www.realcleardefense.com/military-strategy/articles/why-an-autonomous-combatant-command-hinders-lethality-2026-10-12

28) https://www.realcleardefense.com/military-strategy/articles/why-an-autonomous-combatant-command-hinders-lethality-2026-10-12

29) https://breakingdefense.com/2026/10/hegseth-uses-ausa-spotlight-to-highlight-autonomy-generational-defense-investment/

30) https://www.realcleardefense.com/military-strategy/articles/why-an-autonomous-combatant-command-hinders-lethality-2026-10-12

31) https://www.armyupress.army.mil/Journals/Military-Review/English-Edition-Archives/May-June-2017/Pros-and-Cons-of-Autonomous-Weapons-Systems/

32) https://www.armyupress.army.mil/Journals/Military-Review/English-Edition-Archives/May-June-2017/Pros-and-Cons-of-Autonomous-Weapons-Systems/

33) https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK610668/

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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Bild: US-Verteidigungsminister Pete Hegseth
Bildquelle: Joshua Sukoff / shutterstock


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