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Tech-Oligarchen fabrizieren die Öffentliche Meinung | Von Hermann Ploppa

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Standpunkte 20261022 apolut
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Alle Schweine sind gleich. Manche Schweine sind gleicher. Wer viel Geld hat, konnte schon immer den Ausgang von Wahlen bestimmen. Doch mit den Möglichkeiten der KI können politische Mehrheiten noch totaler gesteuert werden.

Ein Standpunkt von Hermann Ploppa.

Es gibt ein schönes schottisches Sprichwort, das da lautet: „He who pays the piper, calls the tune!“ Also in etwa: wer den Pfeifer bezahlt, bestimmt auch, welches Lied der Pfeifer spielt.

Genau so ist es in der Politik. Schon im gesamten letzten Jahrhundert bezahlten die Reichen Werbeagenturen dafür, ihnen genehme politische Agenda an das Volk zu verkaufen wie Seife. Und so regierten dann fast immer Politiker die westlichen Demokratien, die in erster Linie die Interessen ihrer Sponsoren bedienten und nicht die Interessen des gemeinen Volks. Millionenbeträge wurden ausgegeben für riesige Plakatwände oder aufwendige Werbespots im Fernsehen.

So führte die Vermögensungleichheit schon immer zu massiven Demokratie-Defiziten. Doch jetzt befinden wir uns gerade in einer Zeit, in der durch Mittel der Künstlichen Intelligenz und durch die zunehmende Vorherrschaft der sozialen Medien Wahlen zunehmend durch komplett erfundene Fakten, Stimmungen und sogar Personen entschieden werden. Im digitalen Nebel des Meinungskrieges verlieren sich alle Spuren. Real existierende Personen werden vom Tsunami gefakter Schwärme von Kommentaren, Drohungen und Verleumdungen hinweggespült.

Die für alle nachvollziehbare politische Öffentlichkeit existiert nur noch auf musealen Inseln. Tech-Oligarchen besitzen und steuern die sozialen Netze. Durch Drosselung und dem so genannten Shadow Banning zur Verringerung von Reichweiten politisch missliebiger Politiker in den Netzen schwinden die Chancen für einen fairen Wettbewerb.

So wie Drohnenschwärme im Krieg die Luftabwehr einzelner Staaten wirkungslos machen, genau so werden politisch unbequeme Personen durch Schwärme von gefakten Konten in den einschlägigen sozialen Medien platt gemacht. Fake-Accounts senden Beschwerden an die Kontrollstellen von Facebook oder Instagram wegen angeblicher Urheberrechtsverletzungen. Plötzlich werden Leute im Netz gesperrt, die sich keiner Verfehlung bewusst sind. Da immer mehr Menschen das Internet und besonders die sozialen Netze als ihre erstrangige Quelle für politische Information und Meinungsbildung nutzen, steigt die Macht der Tech-Oligarchen wie Elon Musk oder Mark Zuckerberg ins Grenzenlose. Da soziale Netze wie Youtube, TicToc, Facebook und wie sie alle heißen mögen, Privateigentum sind, gibt es keine bindende Verpflichtung, alle Netzteilnehmer mit gleicher Gerechtigkeit zu behandeln. Die Herren der virtuellen Ringe haben keine Verpflichtung gegenüber der demokratischen Öffentlichkeit. Sie üben stattdessen ihr Hausrecht aus, und können jeden des Hauses verweisen, dessen Meinung ihnen nicht passt. Es fehlen bindende Gesetze, die monopol-ähnlichen Gebilden wie Youtube, Amazon oder Google vorschreiben, für eine gerechte und gewissenhafte Behandlung aller Teilnehmer in ihren Netzen zu sorgen.

Dabei ist die Verlagerung der öffentlichen Meinungsbildung aus dem offenen Raum in das intransparente Dunkel der geschickten Jonglage mit Algorithmen im Internet von ihren Vordenkern ausdrücklich als Instrument gedacht gewesen, lästige Grundsätze einer demokratisch-pluralistischen Öffentlichkeit durch das Internet zu umgehen und in letzter Konsequenz abzuschaffen. Zu dieser Strategie bekannte sich bereits Peter Thiel in einem Aufsatz in der Hauszeitung des reaktionären Cato-Instituts im Jahre 2009 (1). Das war jener Aufsatz, in dem Thiel bekannte, dass Demokratie und Freiheit nach seiner Auffassung nicht miteinander vereinbar seien. Denn, so muss man seine Gedanken konsequent zu Ende führen, dass der dumme Pöbel den genialen Unternehmer an seiner freien Entfaltung hindert, das geht gar nicht. Also muss das Volk abhängig gemacht werden vom Mobiltelephon, in dem nun individuell konfektioniert die Botschaft der Mächtigen in die Hirne des Volks rieselt. Bei einem Kongress der Libertären im Jahre 2010 führte Thiel aus, dass die Ideologie der Libertären bei einem freien offenen Austausch der Meinungen niemals die Mehrheit erlangen könnte (2). Also muss der Wähler in den virtuellen Angelhaken beißen.

Ein paar praktische Beispiele aus der Gegenwart

Es häufen sich die Fälle, in denen missliebige Politiker und soziale Bewegungen von den Tech-Oligarchen ziemlich rabiat ausgebremst werden. Immer wieder entschuldigen sich die Tech-Konzerne, wenn sie auf frischer Tat ertappt werden. Das sei nur ein technisches Versehen gewesen. Gut. Das kann ja mal vorkommen. Wenn solche Pannen allerdings derart systemisch vorkommen wie es jetzt passiert ist, wird aus dem Zufall sehr schnell die Regel.

In Albanien zum Beispiel hat sich ein landesweiter Widerstand dagegen formiert, dass die albanische Regierung eine Insel einfach mal so an den Schwiegersohn von Trump, Jared Kushner für ‚nen Appel und n‘ Ei verscherbelt und dann als privatisiertes Experimentierfeld für die Schönen und die Reichen freigibt. Seit nunmehr drei Monaten protestiert die so genannte Flamingo-Bewegung gegen diese Volksenteignung und zugleich auch gegen autokratische Exzesse der Regierung unter Edi Rama. Das ist Grund genug für den Konzern Meta, massenhaft Konten von Protestierenden zu löschen (3). Unter den Gelöschten befindet sich Arjan Koci, der immer wieder mit Drohnenaufnahmen aus der Luft dokumentiert, welche Menschenmassen regelmäßig an den Flamingo-Demos teilnehmen. Koci hatte auf seinem Instgram-Account im Monat bis zu 55 Millionen Zugriffe. Dann wurde sein Account plötzlich gelöscht. Und genau zur selben Stunde auch die Konten zahlreicher weiterer profilierter Flamingo-Aktivisten. Die Begründung für die Löschung war konstruiert: gefakte Konten hatten sich bei Meta beschwert, die Aktivisten würden urheberrechtlich geschütztes Videomaterial verwenden. Das stimmte aber nicht. Die geposteten Videos stammten ausschließlich aus der eigenen Produktion der Aktivisten (4).

Dasselbe widerfuhr jetzt auch der US-amerikanischen No Kings-Bewegung, die mit ihren Protestdemos gegen Trump bis zu acht Millionen Menschen auf die Straße brachte. Als diese Bewegung gegen den Neofeudalismus der Trump-Administration jetzt ihre Basis zu einer koordinierten Teilnahme an den Zwischenwahlen im November organisieren wollte, waren die entsprechenden Konten in den sozialen Netzen rein zufällig gerade gesperrt. Angeblich auch hier eine „technische Panne“ (5).

Noch haariger ist die Intervention der Internet-Konzerne im gerade auf vollen Touren laufenden Präsidentschaftswahlkampf in Brasilien. Der amtierende Präsident Lula  wird von Instagram geblockt (6). Wieder dieselbe Masche wie in Albanien und den USA: hunderttausende falscher Internet-Konten führen Beschwerden gegen Lulas Veröffentlichungen. Das wird dann zum Vorwand gemacht, die Konten zu löschen (7). Da nützt es auch nichts, wenn dann Anwälte die Gegenstandslosigkeit der Urheberrechtsklagen nachweisen und sich Meta irgendwann wieder einmal für die „technische Panne“ entschuldigt. Der Schaden ist perfekt. Denn wer in der Öffentlichkeit nicht genug wahrgenommen wird, verschwindet irgendwann von der Bildfläche.

Zur gleichen Zeit wird Lulas Herausforderer Flavio Bolsonaro mit unzähligen gefakten Konten ins Präsidentenamt geschubst. Schwärme von künstlich erzeugten Bots überschwemmen die Konten der missliebigen Personen und schaffen so ein geradezu bedrohliches Bild einer erdrückenden Mehrheit für Flavio Bolsonaro. Es geht sogar so weit, dass ganze Filmsequenzen durch KI manipuliert werden. Da wurde eine junge blonde Frau, angeblich 22 Jahre alt und ein perfekter Männertraum, nur spärlich geschürzt, zur Galionsfigur von Bolsonaros Wahlkampagne aufgebaut. Sie springt aufreizend zwischen brasilianischen Machos herum und hat auf ihrem Konto fünftausend Follower oder gar mehr. Kleiner Schönheitsfehler: dieser blonde Männertraum im Dauerbikini existiert nicht (8). Das Mädchen Kosmetik ist eine komplette Schöpfung der Künstlichen Intelligenz. Bolsonaros Helfer haben diese aufreizende Kreation einfach auf reale Personen draufgesetzt. Und verkaufen diesen faulen Zauber als Attraktion an frustrierte Single-Männer.

Man wundert sich, dass von Trump favorisierte politische Marionetten überall in Lateinamerika jetzt zu Präsidenten gewählt werden: in Argentinien, Chile, Peru oder jüngst auch in Kolumbien. Die letzten gallischen Dörfer sind jetzt noch Mexiko und Brasilien. Und Brasilien könnte nun auch bald fest in trumpistischer Hand sein – Dank KI.

Nur in den USA könnte Trump selber durch die Zwischenwahlen im November in Bedrängnis geraten. Doch – keine Sorge! Sein Männerfreund Elon Musk hat die Kontrolle über soziale Medien. Und außerdem investiert Musk sage und schreibe 366 Millionen Dollar in republikanische Kandidaten für die Kongresswahl (9). Jaja: he who pays the piper, calls the tune. Zwei Urteile des Obersten Gerichts der USA aus den Jahren 2010 und 2014 machten es möglich, dass Oligarchen jetzt unbegrenzte Summen in ihre politischen Rennpferde stecken dürfen (10). Die Obergrenze pro Kandidat ist auf zehn Millionen Dollar beschränkt. Aber Musk streut seinen Geldregen dann eben gleichmäßig über Wackelkandidaten der Republikaner. Musks politische Gegner müssen den Mangel an Werbeflächen in den Massenmedien durch mühevolle Gänge von Haustür zu Haustür ausgleichen. Mal sehen, wer zuletzt lacht.

Auch die Unruhen in Paris bleiben von den Machenschaften der unsichtbaren Manipulierer nicht verschont. Interessierte Kreise lancieren KI-generierte Videos, die eine Übernahme von Frankreich durch Araber und Muslime vorgaukeln sollen. Der soziale Protest wird genutzt, um aus den Palästinensern gemeingefährliche Okkupanten Frankreichs zu machen. So kursiert im Netz ein Video, in dem eine palästinensische Fahne vom Eiffelturm flattert (11). Nun sollte einem einigermaßen geistig intakten Menschen schon auffallen, dass die angebliche Palästinenserfahne einen Stern beinhaltet, der in der realen Fahne gar nicht vorhanden ist. Auch stimmt der Maßstab nicht. Die Fahne müsste die Ausmaße eines Fußballfeldes weit übertreffen, wenn die Proportionen stimmen sollen.

Ich selber durfte auch schon erleben, was passiert, wenn den Tech-Baronen meine Meinung nicht gefällt. Ich betreibe bei Facebook eine Seite mit fünftausend Freunden (wow, habe ich viele Freunde!). Ich hatte mich am 25. September mit den Schülerprotesten gegen die Wehrpflicht solidarisiert und getextet: „Heute finden übrigens bundesweit Schulstreiks statt gegen die Wehrpflicht und Krieg allgemein. Unterstützen!“ (12) Nun, ich mache nicht viel auf meiner Facebookseite, und deswegen kommentieren im Schnitt vielleicht fünf Leute meine Veröffentlichungen. Doch diesmal überschwemmte mich ein Tsunami von weit über vierhundert Kommentaren von angeblichen Konten, die alle die Wehrpflicht preisen. Amazon wiederum nimmt mein Buch „Hitlers amerikanische Lehrer“ jetzt aus dem Sortiment und bietet nur ein antiquarisches Exemplar für 169 Euro an – obwohl alle anderen Händler das Buch ganz regulär neu anbieten (13). Eine eklatante Schädigung meiner geschäftlichen Existenz als Kleinverleger. So eine Art Kalte Bücherverbrennung.

Belassen wir es mal bei diesen Beispielen. Ich könnte noch seitenweise fortfahren. Fassen wir mal zusammen, mit welchen Methoden jetzt die Tech-Oligarchen Wahlen und überhaupt öffentliche Meinung nach ihrem Bilde formen:

  • Sie schaffen mit Bots eine Atmosphäre der künstlichen Zustimmung zu ihren Lieblingskandidaten;
  • Der Gegner wird gezielt geschädigt. Das geht so weit, dass KI-generierte Videos einen missliebigen Politiker absurde Dinge sagen lässt, die er nie gesagt hat.
  • Die Urheberschaft der perfiden Verdrehungen verliert sich im Nebel des Internet-Krieges;
  • Die Netzbetreiber können ihre Favoriten durch Algorithmen verstärken – und ebenso Gegner in der Reichweite beschränken;
  • Die Netzbetreiber haben das Hausrecht. Sie können jeden zum Schweigen bringen und rausschmeißen, dessen Weltsicht ihnen nicht passt.

Fake News sind ein echtes Problem. Die Situation wird noch dadurch verschlimmert, dass die EU-Regierung und ihr Umfeld von Netzwerkorganisationen den Tatbestand der Fake News gegen politische Dissidenten als Waffe richten, anstatt der Zermürbung der letzten Demokratiereste durch die Tech-Oligarchen wirklich entschieden entgegenzutreten.

Es liegt an uns. Wir müssen uns wieder von dieser tödlichen Umschlingung der intransparenten Internet-Welt befreien. Wir müssen uns wieder der Mühe unterziehen, uns leibhaftig, dreidimensional und in Farbe zu begegnen. Nur so können wir den öffentlichen Raum für uns zurückerobern.

Quellen und Anmerkungen

(1) https://substack.com/home/post/p-201782760

(2) https://www.youtube.com/watch?v=KgH7Lv2gQdk&t=42s

(3) https://www.politico.eu/article/meta-blocks-accounts-politicians-journalists-and-activists-protesting-jared-kushner-linked-albania-resort/

(4) https://www.wired.com/story/metas-copyright-system-is-being-weaponized-against-albanian-protesters/

(5) https://www.theguardian.com/us-news/2026/oct/18/no-kings-instagram-account-suspended-during-protests

(6) https://www.reuters.com/world/americas/meta-employees-said-lulas-accounts-were-hindered-during-brazil-election-folha-2026-10-16/

(7) https://www.intercept.com.br/2026/10/16/flavio-pagou-empresa-eua-sistema-manipular-eleicoes/

(8) https://www.youtube.com/watch?v=zk3bc6ms_B4

(9) https://www.theguardian.com/us-news/2026/oct/13/elon-musk-political-donor-midterm-elections

(10) https://www.supremecourt.gov/opinions/boundvolumes/558bv.pdf?utm_source=chatgpt.com

und https://www.supremecourt.gov/opinions/boundvolumes/572BV.pdf?utm_source=chatgpt.co

(11) https://www.tagesschau.de/faktenfinder/frankreich-proteste-fakes-100.html?utm_source=chatgpt.com

(12) https://www.facebook.com/hermann.ploppa/

(13) screenshot: https://t.me/liepsenverlag

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Hermann Ploppa ist Politologe und Publizist. Kürzlich erschien von Ploppa das Buch „Der Neue Feudalismus – Privatisierung, Blackrock, Plattformkapitalismus“. Da Amazon das Buch noch nicht führt, kann es am besten beim Autor bestellt werden unter: liepsenverlag@gmail.com

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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bild: CINCINNATI, OH – 22. April: Demonstranten marschieren am Tag der Erde, im Stadtzentrum von Cincinnati für die Wissenschaft.

Bildquelle: Nancy Mao Smith / shutterstock 


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