Warum niemand die Unruhen in Frankreich inszenieren muss, damit sie ihren Zweck erfüllen
Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
I. Eine Frage, die falsch gestellt ist
In einem Gespräch mit Glenn Diesen über die Unruhen in Frankreich stellt der Marktanalyst und frühere Hedgefonds-Manager Alex Krainer eine Frage, die auf den ersten Blick einleuchtet. Energiepreise, Inflation und Wirtschaftslage, sagt er, gebe es schon seit einem Monat, seit einem halben Jahr, seit zwei Jahren. Die Frösche würden langsam gekocht, und er könne kaum glauben, dass ein Zehntel Grad mehr Wassertemperatur sie plötzlich auf die Straße treibe. Wer so fragt, hat die Antwort schon in der Tasche: Waren die Ursachen konstant, kann der Ausbruch nicht aus ihnen folgen. Also muss jemand nachgeholfen haben.
Krainer nennt, was er für Indizien hält. Maskierte, die er “offensichtlich” für Polizisten hält, hätten sich unter die Demonstranten gemischt und mit Plünderungen begonnen. Jemand habe Paletten mit Glasflaschen “sauber und professionell verpackt” abgestellt, damit sie auf die Polizei geworfen werden konnten. Er vermutet den “tiefen Staat” dahinter, also Teile von Verwaltung und Sicherheitsapparat, die unabhängig von gewählten Regierungen handeln sollen. Sie wollten Chaos stiften, und die Regierung nutze es anschließend für Ausgangssperren und Versammlungsverbote.
Gegen die Einzelheiten lässt sich einwenden, dass sie anekdotisch sind. Agents provocateurs, also Spitzel, die Gewalt anheizen, sind historisch belegt, etwa bei Gipfelprotesten. Aber der Nachweis einzelner Provokateure ist noch kein Beweis für eine Regie. Wichtiger ist der Denkfehler im Kern des Arguments: Es verwechselt Ursache und Auslöser. Dass die Bedingungen schon lange bestehen, schließt einen Ausbruch nicht aus, es ist der Normalfall. Die Gelbwesten, die Krainer selbst erwähnt, sind das Lehrbuchbeispiel. Eine Erhöhung der Kraftstoffsteuer, bei ihm “15 Cent oder eine ähnliche Kleinigkeit”, löste eine Bewegung aus, die Frankreich monatelang beschäftigte. Der Anlass war klein, weil die Ursache groß war.
Dazu kommt ein Widerspruch in seiner eigenen Darstellung. Er beginnt das Gespräch mit dem Zusammenbruch des Markts für französische Staatsanleihen: Die Zinsen schießen in die Höhe, die Kreditausfallversicherungen steigen steil. Das ist eine Veränderung, und keine kleine. Im zweiten Teil beschreibt er dann, wie ein Land nach Überschreiten eines Kipppunkts, also einer Schwelle, ab der kleine Veränderungen große, sich selbst verstärkende Folgen haben, plötzlich aus der Stagnation in die Beschleunigung gerät. Die Kipppunkt-Logik, die er der spontanen Erhebung abspricht, ist die Kernmechanik seines eigenen Szenarios.
Die richtige Frage lautet deshalb nicht, wer das veranlasst hat. Sie lautet, was sich verändert hat, sodass bestimmte Reaktionen für alle Beteiligten, für den Staat wie für die Straße, nahezu zwangsläufig werden. Die Antwort liefern Krainers stärkere Argumente, die er an anderer Stelle des Gesprächs vorträgt, ohne sie mit seiner Inszenierungsthese zu verbinden.
II. Der Horizont, der keine Versprechen mehr zulässt
Krainers ökonomische Diagnose ist im Kern strukturell. Die Staatsausgaben in Deutschland, Frankreich und Großbritannien machen fast die Hälfte der Wirtschaftsleistung aus, in Frankreich 57 Prozent, mehr als in den osteuropäischen Ländern vor dem Zusammenbruch des Sowjetblocks. Die Schulden wachsen, die Zinsen steigen, die Inflation nimmt zu. Er sieht zwei mögliche Verläufe: eine deflationäre Depression, bei der Preise und Löhne fallen und die Schulden real schwerer werden, oder Stagflation, also stagnierende Wirtschaft bei steigenden Preisen. Die Depression hält er für ausgeschlossen, bleibt die Stagflation. Ihre Wirkung beschreibt er mit einem Satz, den er Lenin zuschreibt, für den sich aber kein Beleg findet: Sie treffe alle unterschiedslos, zerstöre Ersparnisse und feste Einkommen, vor allem die der Rentner, und damit die Grundlagen der Gesellschaft.
Die Richtung dieser Analyse stimmt. Gesellschaften mit hoher Staatsquote, hohen Zinslasten und alternder Bevölkerung haben wenig Spielraum, ihre Versprechen weiter zu finanzieren. Wenn der Staat Wohlstand, Sicherheit und Fortschritt nicht mehr liefern kann, wird seine Legitimation brüchig. Auf diesem Boden wachsen Unruhen.
An einer Stelle geht Krainer zu weit. Er nennt die Entwicklung “rein mathematisch” unaufhaltsam. Aber Schuldendynamik folgt keiner reinen Mathematik. Sie hängt am Verhältnis von Zinssatz und Wachstumsrate und an politischen Instrumenten: an der Rückendeckung durch die Zentralbank, an finanzieller Repression (Zinsen dauerhaft unter der Inflationsrate zu halten, sodass die Sparer die Staatsschulden mittragen) und an selektiver Umschuldung. Wann es kippt, entscheidet die Politik oder das politische Kräfteverhältnis. Auch seine historischen Vergleiche passen nur als Bilder. Das Deutschland von 1922 litt unter Reparationen und Auslandsschulden. Russland erlebte im Februar 1992 eine Preisfreigabe per Dekret. Die Eurozone verschuldet sich in einer Währung, die ihre Zentralbank selbst schöpft. Für plötzliche Beschleunigung taugen die Beispiele als Anschauung, als Analogie taugen sie nicht.
Entscheidend ist ohnehin etwas anderes. Auch ohne den großen Kollaps bleibt die Lage für jede Regierung gleich: Sie muss kürzen oder Geld drucken, und beides trifft die Bevölkerung. Krainer sagt es selbst. Die Regierungen drucken Geld, um die faulen Kredite in den Bilanzen der Banken abzusichern, und kürzen zugleich bei Bildung, Gesundheit und Sozialleistungen. Ein Staat, der seine Mittel so verteilt, braucht Ruhe auf der Straße, und umso mehr, je weniger er der Bevölkerung noch bieten kann.
III. Zwei Projekte, kein dritter Weg
Warum aber findet die Unzufriedenheit keinen politischen Ausdruck, der etwas ändern könnte? Krainer gibt darauf eine der treffendsten Antworten des Gesprächs. In Europa finde er keine Gruppierung, die er unterstützen könne, nicht die AfD, nicht den Rassemblement National, nicht Reform UK. Überall laufe es auf dasselbe hinaus: Entweder man unterstützt die Ukraine und den Krieg gegen Russland, oder man ist für Souveränität und gute Beziehungen zu Russland, sorgt aber dafür, dass man Israel unterstützt und notfalls für Israel in den Krieg zieht. Zwei imperiale Projekte, die sich als Gegensätze darstellen. Einen Mittelweg, auf dem man sich um die europäische Wirtschaft, um Bildung, Gesundheitsversorgung, Reindustrialisierung und Energiemärkte kümmert, gebe es nicht. Es sei, als solle man zwischen Coca-Cola und Pepsi wählen, während sauberes Wasser nicht auf der Karte steht.
Das Bild ist gut, und es beschreibt mehr als Krainers Einzelfall. Politische Wahl findet innerhalb einer Menge zulässiger Optionen statt, und diese Menge wird nicht an der Wahlurne festgelegt. Sie ergibt sich aus Bündnisverpflichtungen, aus der Abhängigkeit von der amerikanischen Sicherheitsgarantie, aus der Struktur der Finanzmärkte und aus dem, was Medien und Verwaltungen für verhandelbar halten. Wer innerhalb dieses Rahmens antritt, wählt zwischen Varianten desselben Rahmens. Wer außerhalb steht, gilt als Extremist.
Krainer erklärt die Verengung mit Personen und Gesinnungen: “fanatisch”, “prozionistisch”, “Trotzkisten”. Letzteres ist seine Chiffre für die Kriegsfraktion, die er ideologisch mit der Herkunft der Neokonservativen verbindet. Aber Ideologien sind das Material, nicht die Ursache. Dass Europas Eliten an der Ukraine-Linie hängen, folgt weniger aus Überzeugung als aus ihrer Stellung im Gefüge: Sie haben ihre politische Existenz, ihre Legitimation, ihre Bündnisse und ihre Rüstungs- und Energieabhängigkeit an diese Linie gebunden. Für sie wäre ein Ausstieg kein Kurswechsel, sondern ein Eingeständnis. Das erklärt auch, warum eine Opposition, sobald sie in den Optionsraum einrückt, rasch dasselbe sagt.
IV. Der amerikanische Kurswechsel, der steckenblieb
Krainer erzählt außerdem, wie sich die Vereinigten Staaten von Europa entfernen. Dahinter steht für ihn ein alter Gegensatz zweier Wirtschaftssysteme. Seit dem frühen neunzehnten Jahrhundert stehe das britisch geführte Finanz- und Freihandelsmodell gegen das “amerikanische System”, vertreten von Alexander Hamilton, Henry Clay und später Henry Carey mit seinem Buch über die “Harmonie der Interessen”. In Deutschland steht Friedrich List mit dem Gedanken des Schutzes junger Industrien dafür. Das Argument: Freihandel nützt dem, der schon industrialisiert ist, und verhindert die Industrialisierung der anderen. Man nannte das Freihandelsimperialismus.
Nach Krainers Darstellung hat die amerikanische Delegation im Januar 2026 in Davos genau diese Linie vertreten. Die Globalisierung sei gescheitert, die USA wollten sich reindustrialisieren, und man lade die Welt ein, sich einem anderen Wohlstandsmodell anzuschließen. Handelsbeauftragter Jamieson Greer habe dabei ausdrücklich Hamilton und Lincoln genannt, wohl auch Carey. Im Februar wiederholte sich das auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Zwei Wochen später fielen die ersten Bomben auf den Iran.
Beachtenswert ist, was Krainer an diesem Gedanken nicht behauptet. Er vermutet, Trump habe sich von der Aussicht auf einen schnellen, spektakulären Sieg verleiten lassen. Diese Personalisierung kann man weglassen. Der strukturelle Kern bleibt: Ein Land, das sich neu aufstellen will, braucht dafür Aufmerksamkeit, Kapital, Energie und militärische Reserven. Ein Krieg im Nahen Osten bindet alles davon. Die Energiekrise, die daraus folgt, lässt sich nach Krainer nur mit Rhetorik, Marktmanipulation, der Freigabe strategischer Ölreserven, Gelddrucken und neuen Schulden managen. Der Kurswechsel, den Washington versprach, erstickt an der Überdehnung. Hinzu kommt der innenpolitische Zwang: Verliert Trump im November die Zwischenwahlen, wird er für den Rest seiner Amtszeit kaum noch handlungsfähig sein.
Daraus folgt ein Bild, das die Rede von europäischer Eigenständigkeit gründlich entwertet. Wenn selbst die Vereinigten Staaten, die sich diesen Kurswechsel vorgenommen haben, ihn nicht durchhalten, hat Europa, das ihn nie vorhatte, noch weniger Spielraum. Dass Washington dennoch Interesse daran hat, den europäischen Kurs zu verändern, steht nach der Darstellung von Diesen und Krainer in der Nationalen Sicherheitsstrategie von 2025. Unter der Überschrift “Promoting European Greatness” ist dort davon die Rede, Widerstand gegen den derzeitigen Kurs Europas zu fördern. Man kann das als Aufforderung zum Regimewechsel lesen. Aber auch hier gilt: Ein interessierter Akteur ist noch kein Urheber. Krainer relativiert selbst, er sage nicht, dass die USA dahinterstecken müssten. Dass sie zumindest versuchten, die Bewegungen zu verstärken, hält er für sicher.
V. Am Tisch sitzen, ohne zu reden
Wo steht Europa in diesem Gefüge? Krainer beschreibt es am Beispiel der Gespräche zwischen Washington und Moskau. Er hat in Istanbul an einem eurasischen Wirtschaftsforum teilgenommen und dort Kirill Dmitrijew getroffen, den Sondergesandten Putins und Chef des russischen Staatsfonds. Russland nutze Geschäfte mit den Amerikanern, also Diesel, Dünger, Kernbrennstoff und gemeinsame Projekte, um Vertrauen und damit die politische Zusammenarbeit wiederzubeleben. Wer ein Problem hat, kann dann zum Hörer greifen. Europa dagegen verweigere jede Zusammenarbeit. Die europäischen Hunde bellten, die Karawane ziehe weiter.
Besonders klar fällt seine Beschreibung der europäischen Verhandlungsposition aus. Die Europäer verlangten, dabei zu sein, wenn Washington und Moskau reden, weil es um Europa gehe, wollten aber eigentlich nicht mit Russland sprechen. Ihre Vorschläge, ein sofortiger Waffenstillstand, der NATO-Beitritt der Ukraine, Reparationen, seien Kapitulationsbedingungen und von vornherein aussichtslos. Deshalb wolle sie weder Washington noch Moskau am Tisch haben, denn sie würden die Gespräche nur zum Scheitern bringen.
Krainer sieht darin den Wutanfall von Kleinkindern, die sich auf dem Boden wälzen. Das erklärt nichts. Warum sollten Staaten mit Zentralbanken, Verwaltungsapparaten und zum Teil eigenen Atomwaffen sich wie trotzige Kinder verhalten? Näher liegt die Erklärung aus der Stellung der Akteure: Die europäischen Regierungen können nicht verhandeln, weil jedes Ergebnis unterhalb der Kapitulationsbedingungen ihre eigene Erzählung der letzten Jahre widerlegen würde. Sie haben billige Energie gegen Sanktionen eingetauscht und Haushaltsmittel gegen Rüstung gebunden. Diesen Preis kann man der Bevölkerung nur zumuten, wenn am Ende ein Sieg steht oder zumindest ein Feind, der den Verzicht erklärt. Wer Verständigung anbietet, nimmt dem Verzicht die Begründung.
Darin liegt der eigentliche Grund, warum der Außenfeind für diese Eliten unverzichtbar ist. Er ist kein Mittel unter vielen, sondern die Rechtfertigung, die alles andere trägt: die Haushaltsentscheidungen, die Kürzungen, den Ausnahmezustand der Energiepolitik. Ein Außenfeind, der nicht mehr überzeugt, stellt deshalb nicht bloß eine außenpolitische Linie in Frage, sondern das ganze Gebäude.
VI. Der Schwenk nach innen
Genau das geschieht nach Krainer gerade. Er beschreibt eine Abfolge. Die Machthaber hätten zunächst versucht, die Bevölkerung mit Gesundheitsnotlagen zu disziplinieren: erst ein Hantavirus, dann Ebola, zuletzt eine “russische Pest”, jeweils ohne Wirkung. Dann sei Mitte September das Narrativ vom unmittelbar bevorstehenden Krieg gegen Russland verstärkt worden, mit Drohnenmeldungen an europäischen Flughäfen und dem Argument, man könne nicht bis zum Ende des Jahrzehnts warten, nachdem die Zinsen stiegen und die Anleihen einbrachen. Es sei höchste Zeit gewesen, den Unmut der Bevölkerung auf einen äußeren Feind zu lenken.
Dann, so Krainer, passierte das Gegenteil. Zehntausende posteten in den sozialen Medien “Russland ist nicht mein Feind”. Gelingt es nicht, die Menschen gegen einen äußeren Feind zu mobilisieren, wird der Konflikt zum Klassenkonflikt, und sie sagen: Meine Feinde sind die, die meine Regierung führen.
Das ist die schärfste Beobachtung des ganzen Gesprächs. Sie verbindet Struktur und Handlungsdruck, ohne dass es eine Regie braucht. Eine Herrschaftsordnung, die ihre Lasten über den Außenfeind rechtfertigt, hat nur zwei Möglichkeiten, wenn dieser nicht mehr mobilisiert. Sie kann den Kurs ändern, was ihre Legitimation berührt. Oder sie muss nach innen disziplinieren. Dass die Wahl auf Letzteres fällt, braucht keine Verabredung. Es ist die Richtung, in die der Druck von selbst fließt.
Die Instrumente liegen bereit. Ausgangssperren, Versammlungsverbote und Protestauflagen sind Ausnahmerecht, also Regeln, die in besonderen Lagen den Normalbetrieb der Grundrechte außer Kraft setzen und sich für jeden Anlass in Anspruch nehmen lassen. Krainer verweist auf Großbritannien, wo täglich Menschen festgenommen werden, die für Gaza demonstrieren, wo ein falsches T-Shirt genügt. Es braucht dafür keinen Provokateur. Es braucht eine Regierung, die Ordnung für unverzichtbar hält, weil ihre Politik nur so durchzusetzen ist. Ob unter den Demonstranten in Frankreich tatsächlich Polizisten in Zivil waren, ist für diese Funktion zweitrangig. Falls es sie gab, haben sie getan, was solche Spitzel immer tun. Falls nicht, hätte der Staat dieselben Verbote erlassen.
Krainer kommt auf anderem Weg zu einem verwandten Befund. Er vermutet, man provoziere Ausschreitungen, um echten Unruhen zuvorzukommen, und dichte dann alles ab. Ob das funktioniert, wisse er nicht. Die Kapazität eines Sicherheitsapparats, Menschen einzusperren und zu verurteilen, sei begrenzt, und kämen genügend Menschen, werde er irgendwann überfordert. Das ist die Gegenrechnung, die man nicht übersehen sollte: Disziplinierung ist teuer. Sie funktioniert, solange die meisten stillhalten, und sie scheitert, wenn zu viele es nicht tun.
VII. Warum der Plan so verlockend bleibt
Bleibt die Frage, warum Krainer, der in seiner Analyse die Struktur so genau erfasst, trotzdem an der Regie festhält. Die Antwort steckt im Gespräch selbst. Die Eliten, die er beschreibt, sind zugleich allmächtig und ohnmächtig. Allmächtig, weil sie Krawalle präzise inszenieren, nacheinander Pandemien ausrufen und Erzählungen koordinieren. Ohnmächtig, weil sie “rein mathematisch” an der Schuldenarithmetik scheitern, ihre Pandemien versanden, ihre Kriegsgeschichten nicht verfangen und sie sich benehmen wie Kleinkinder im Wutanfall. Beides zugleich kann nicht stimmen. Ein Akteur, der so viel kann, würde die Lage nicht so verlieren.
Der Plan bietet etwas, das die Struktur nicht bieten kann: einen Adressaten. Gegen eine Regie lässt sich Empörung richten, man kann Namen nennen, auf Enthüllung hoffen, auf ein Ende der “Epstein-Klasse” setzen, wie Krainer die westliche Führungsschicht nennt, die er mit dem Umfeld des Finanziers Jeffrey Epstein verbindet. Gegen eine Struktur fehlt der Ort, an dem sich die Wut festmacht, und der Moment, in dem das Spiel auffliegt. Wer anerkennt, dass die Verhältnisse selbst den Zwang erzeugen, muss auch anerkennen, dass es mit der Auswechslung von Personen nicht getan ist. Krainer zieht diesen Schluss an einer Stelle selbst: Es sei kaum zu erkennen, wie ein bloßer Regierungswechsel, selbst hin zu einer guten Regierung, den Niedergang noch umkehren könne. Am Ende bleibt er trotzdem beim Optimismus, die alten politischen Kräfte würden scheitern und eine direktere Form der Demokratie entstehen, ohne einen Mechanismus zu nennen. Die Hoffnung deckt das Fehlen des Mechanismus zu.
Dass er vorab von sich sagt, er sei skeptisch gegenüber allen Erzählungen, die eine einfache Erklärung liefern wollen, gibt der Sache eine unfreiwillige Pointe. Die Geschichte vom inszenierten Aufruhr ist selbst eine einfache Erklärung. Sie erspart die schwierigere Einsicht, dass kein Drehbuch nötig ist, weil die Logik der Lage das Drehbuch ersetzt.
Eine tröstliche Einsicht ist das nicht, aber eine nützlichere. Wer die Unruhen als bestelltes Ereignis liest, wartet auf die Aufdeckung. Wer sie als Folge einer Ordnung liest, die ihre Rechtfertigung verliert, fragt, wohin der Druck als Nächstes fließt: in noch strengere Auflagen, in neue Feindbilder, in Zugeständnisse, die niemand freiwillig macht. Frankreich ist dafür ein früher Prüfstein, weil dort die Staatsquote am höchsten, die Protesttradition am stärksten und die Anleihemärkte am nervösesten sind. Was dort geschieht, ist kein Plan, der aufgeht oder scheitert. Es ist die Folge einer Ordnung, die ihre Lasten nur mit einem Feind rechtfertigen kann und deshalb nicht aufhört, einen zu brauchen, wenn der eine nicht mehr zieht. Sie sucht den nächsten. Und der nächste, das zeigen die Verbote, die Ausgangssperren und die Festnahmen, ist die eigene Bevölkerung.
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Bildquelle: miex / shutterstock
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Quellen
Hauptquelle
Alex Krainer im Gespräch mit Glenn Diesen: Der wirtschaftliche und politische Zerfall Europas. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=udOMYNZVcdk (abgerufen am 31.10.2026)
Dokumente und Veranstaltungen
- The White House: National Security Strategy of the United States of America, 2025, Abschnitt “Promoting European Greatness”.
- Weltwirtschaftsforum, Davos, Januar 2026: Auftritt der US-Delegation, u. a. Jamieson Greer, Handelsbeauftragter der Vereinigten Staaten.
- Münchner Sicherheitskonferenz, Februar 2026: Beiträge der US-Delegation.
- Eurasisches Wirtschaftsforum, Istanbul, Oktober 2026: Teilnahme von Kirill Dmitrijew, Sondergesandter des russischen Präsidenten und Chef des Russian Direct Investment Fund.
Literatur
- Hamilton, Alexander: Report on the Subject of Manufactures, 1791.
- Carey, Henry C.: The Harmony of Interests, Agricultural, Manufacturing and Commercial, Philadelphia 1851.
- List, Friedrich: Das nationale System der politischen Ökonomie, Stuttgart und Tübingen 1841.
Zahlen und Ereignisse
- Eurostat / INSEE: Staatsausgaben in Prozent des Bruttoinlandsprodukts, Frankreich, aktuelle Jahreswerte.
- Gelbwesten-Bewegung, ab November 2018, Auslöser Anhebung der Kraftstoffsteuer: Berichterstattung u. a. von Reuters und Le Monde.
- Unruhen in den französischen Vorstädten, Oktober bis November 2005 (Clichy-sous-Bois, Ausnahmezustand): Berichterstattung u. a. von Reuters und Le Monde.
- Unruhen nach dem Tod von Nahel M. in Nanterre, 27. Juni 2023: Berichterstattung u. a. von Reuters und Le Monde.
- Festnahmen bei Protesten für Palästina in Großbritannien: Metropolitan Police; Berichterstattung der BBC und des Guardian.
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Dirk Ellerbrock, Jg. 1946, Dipl.-Sozialwissenschaftler, studierte Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie, arbeitete viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.
Mitte der 1990er wandte er sich spirituellen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Seminare Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung" (ISBN 978-3-8391-4517-3). 2026 entstand „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift" (ISBN 978-3-6967-8733-2), das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet: https://substack.com/home/post/p-222671216
Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock
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