Zur polit-ökonomischen Analyse des “sich verwertenden Wertes” (Marx) – Frankreich, Belgien, Deutschland, Italien, Spanien und Portugal
Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
I. Der Zwang hinter den Bildern
Eine Marseiller Schülerin, ein Lütticher Student, ein Berliner Gymnasiast, dessen Schuldecke eingestürzt ist, eine Familie in Lissabon mit Papphäusern in den Händen: Die Anlässe sind verschieden, die Generation ist dieselbe. Wer fragt, wer das bestellt hat, sucht eine Regie. Wer fragt, was diese Länder gemeinsam bedrängt, findet einen Zwang. Marx hat ihn im ersten Band des “Kapital” beschrieben: Kapital ist Wert, der sich selbst vermehrt und nur so lange Kapital bleibt, wie er das tut. Das Wort dafür ist Verwertung. Sie muss weitergehen, sonst brechen die Ansprüche zusammen, die auf ihr gründen.
Am deutlichsten wird dieser Zwang beim zinstragenden Kapital. Marx nennt es im dritten Band “Geld, das mehr Geld erzeugt, sich selbst verwertenden Wert, ohne den Prozeß, der die beiden Extreme vermittelt”, und spricht von einem “automatischen Fetisch” (MEW 25, S. 404 f.): Der Zins erscheint wie eine Eigenschaft des Geldes selbst, als wüchse er von allein. Dass er in Wahrheit aus der Arbeit anderer und aus künftigen Steuern bezahlt werden muss, verschwindet hinter dieser Erscheinung. Genau das geschieht heute in den Staatshaushalten: Die Zinsen müssen bedient werden, als wären sie ein Naturgesetz, und Schulen, Löhne und Wohnungen müssen warten.
Die Ansprüche, die bedient werden müssen, haben heute vier Gestalten: Zinsen auf Staatsschulden, Rüstungsausgaben, Mieten aus Grund und Wohnraum, und dazu Löhne, die das alles tragen müssen. Wo sie wachsen, ohne dass der erarbeitete Wert im gleichen Maß wächst, wird bei denen gespart, die keine Ansprüche haben, nur Bedürfnisse: bei Schulen, Wohnungen, Gesundheit. Die Unruhen sind der Ort, an dem diese Rechnung sichtbar wird.
II. Frankreich: die Schule, der Feind, die Ausgangssperre
Die Bewegung begann nicht mit einem Spritpreis, sondern mit verfallenen Schulgebäuden, fehlenden Lehrern und einem Zulassungssystem, das Kinder aus ärmeren Familien benachteiligt. Es waren Gymnasiasten, die im Oktober die Schulen blockierten. Gewerkschaften und alle, die auf Macron wütend sind, schlossen sich an, dazu kamen Lebenshaltungskosten und Klima. Ein 21-jähriger Student beschrieb sein staatliches Wohnheim mit feuchten Wänden, abblätternden Decken und Ungeziefer.
Diesem Befund steht der Haushalt gegenüber. Für 2027 sind 6,4 Milliarden Euro mehr für die Verteidigung vorgesehen, die Zinslast steigt von 64,8 auf 74,2 Milliarden, alle anderen Ministerien zusammen bekommen 1,5 Milliarden mehr. Das Defizit lag 2025 bei 5,1 Prozent der Wirtschaftsleistung, die Schulden bei 115,9 Prozent. Der Staat hat Geld für Zinsen und Rüstung, nicht für Schuldächer.
Die Begründung für diese Reihenfolge lieferte der Außenfeind. Macron sprach im November 2025 von der russischen Bedrohung, man dürfe keine Schwäche zeigen, und führte einen freiwilligen Wehrdienst ein. Der Generalstabschef sagte, das Land müsse bereit sein, “seine Kinder zu verlieren”. Die Kinder, die gemeint waren, standen im Oktober auf der Straße.
Am 17. Oktober gingen mehr als 550.000 Menschen auf die Straße, in Limoges brannte das Rathaus, in Lyon die Touristeninformation. Premier Lecornu sprach von 1.200 Festnahmen und 150 verletzten Polizisten, Macron kündigte an, die Verantwortlichen würden “verfolgt und bestraft”. Dann kamen die Ausgangssperren: nächtliche Zugangsverbote an der Place de la République und in Les Halles, für Minderjährige ab 21 Uhr rund um die Champs-Élysées. Zum dritten Protestwochenende waren 70.000 Polizisten im Einsatz.
In Frankreich begründete der Feind Russland den Verzicht. Als er nicht mehr überzeugte, kamen die Ausgangssperren, also Regeln, die in einer Notlage die Grundrechte beschränken. Der Staat richtete sich gegen die, für deren Schutz er den Feind beschworen hatte.
III. Belgien: die Gebühr und der innere Gegner
In Belgien stiegen die Studiengebühren im französischsprachigen Landesteil von 835 auf 1.194 Euro. Dazu kommen überfüllte Klassen und Reformen, die Lehrer und Schüler gleichermaßen treffen. In Brüssel setzte die Polizei Tränengas und Wasserwerfer ein, in Lüttich kam es zu Sachschäden. Innenminister Quintin benannte nach Presseberichten die Antifa als Anstifter. Es folgten ein Versammlungsverbot, zusätzliche Polizei und rund hundert Festnahmen. Der Lütticher Bürgermeister sagte dagegen, ein Dialog sei möglich.
Belgien wehrt sich zudem gegen die Fünf-Prozent-Vorgabe der NATO. Ein russischer Feind spielt als Begründung hier also eine kleinere Rolle als in Frankreich. Die Funktion bleibt aber dieselbe: Wer protestiert, gilt als Störer. Wo der Feind draußen nicht überzeugt, wird er drinnen benannt, in Belgien mit einer einzigen Aussage des Innenministers.
IV. Deutschland: die Decke und die Wehrpflicht
In Deutschland ging die Initiative “Gen Z regelt” in mehr als dreißig Städten auf die Straße, mit Zehntausenden Teilnehmern nach Angaben der Veranstalter. Die Forderungen: Bildung, Gesundheit, Klimaschutz, bezahlbares Leben und Nein zu jeder Rückkehr der Wehrpflicht. Am Brandenburger Tor forderten Schüler mehr Geld für Bildung und Wohnen, eine Gymnasiastin berichtete von einer Decke, die in ihrer Schule durch Wasserschäden eingestürzt ist.
Hier tritt der Zusammenhang am klarsten hervor. Dieselben jungen Leute, deren Schulen zerfallen, sollen nach dem Willen der Regierenden im Ernstfall wieder zur Wehrpflicht herangezogen werden. Schule und Kaserne stehen im selben Haushalt, und die Reihenfolge der Prioritäten ist in Deutschland so offensichtlich wie in Frankreich.
Der Protest ist nicht neu. Als der Bundestag am 5. Dezember 2025 das Wehrdienstgesetz beschloss, nach dem seit Januar alle Achtzehnjährigen einen Fragebogen zur Eignung für die Bundeswehr erhalten, den Männer ausfüllen müssen, und das der Regierung die Möglichkeit einer Bedarfswehrpflicht offenhält, blieben Tausende Schüler dem Unterricht fern. Im März folgte ein bundesweiter Schulstreik, bei dem die Veranstalter 50.000 Teilnehmer zählten, und auf den Schildern stand „Hoch mit der Bildung, runter mit der Rüstung“.
In Köln beendete die Polizei einen Aufzug vorzeitig, nachdem trotz Verbots Pyrotechnik gezündet und Steine geworfen wurden, in Hamburg setzte sie Wasserwerfer und Tränengas ein, in Frankfurt wurde ein Beamter schwer verletzt.
V. Italien: Meloni gegen die “Hooligans”
In Mailand begann ein Marsch gegen Kriege und steigende Lebenshaltungskosten friedlich. Dann warfen Vermummte Steine und Pflasterbrocken auf die Polizei, zündeten Barrikaden aus Bartischen an und plünderten Geschäfte, die Piazza del Duomo und die Einkaufsgalerie wurden geräumt. Etwa 50 Demonstranten wurden festgenommen, viele davon Minderjährige.
Ministerpräsidentin Meloni schrieb: “Demonstrieren ist ein Recht. Unsere Städte in Brand zu setzen nicht” und sprach von “Hooligans”. Der Mailänder Bürgermeister Sala sagte, die Gründe für die Proteste seien verständlich, die Gewalt aber nicht zu rechtfertigen. In dieser Doppelstimme steckt die italienische Konstellation: Die Regierung benennt den Gegner im Inneren und bleibt zugleich bei der Aufrüstung vorsichtig. Sie will von den EU-Mitteln für Verteidigung weniger nutzen als erwartet, etwa 14 statt 21 bis 22 Milliarden Euro, und lenkt einen Teil in die Spritkosten. Die Bevölkerung will keine Panzer statt Krankenhäuser. Die Reallöhne liegen nach OECD-Zahlen fast fünf Prozent unter dem Stand von 2000.
VI. Spanien und Portugal: das Wohnen
In Spanien und Portugal geht es um Wohnraum. Das Verhältnis von Hauspreisen zu Einkommen ist in Spanien seit 2000 um 56 Prozent gestiegen. In Portugal haben sich die Hauspreise seit 2017 mehr als verdoppelt, und die Neuvertragsmieten sind fast ebenso stark gestiegen. In Madrid starb nach Berichten eine 87-jährige Frau nach ihrer Zwangsräumung, danach gingen dort nach Veranstalterangaben rund 70.000 Menschen auf die Straße. Mieterverbände riefen zu einem Generalstreik am 11. November auf.
In Lissabon zogen Zehntausende friedlich durch die Stadt, Familien mit kleinen Kindern trugen Papphäuser und Schilder mit der Aufschrift “Häuser oder Feuer”. Rund 40 Zelte standen auf dem Rossio-Platz. Die Regierung antwortete, sie werde “dem Geschrei der Straße nicht weichen”. In Porto räumte die Polizei ein Zeltlager mit etwa 150 Aktivisten, nach Angaben der Aktivisten gab es Verletzte.
Hier muss kein Feind die Zumutung erklären. Die Last ist die Miete, und wer Wohnraum als Anlage hält, hat Anspruch auf deren Ertrag. Dass die Regierung der Straße trotzdem Härte verspricht, zeigt, wohin das führt, wenn die Not für sich spricht und kein Feind mehr gebraucht wird: Dann ist die Straße selbst der Gegner.
VII. Der Vergleich
Das Gemeinsame ist die Generation und die Reihenfolge der Haushaltsprioritäten. Überall zerfallen Schulen und werden Wohnungen unbezahlbar, während Zinsen und Rüstung wachsen oder Mieten steigen. Überall sind es Jugendliche, die auf die Straße gehen, weil sie in diese Verhältnisse hineinwachsen. Und überall wird aus dem Protest ein Störfall.
Verschieden ist nur die Begründung. In Frankreich soll die russische Bedrohung den Verzicht erklären, in Deutschland die Wehrpflicht, in Belgien und Italien wird der Gegner gleich im Inneren benannt, und in Spanien und Portugal braucht es keine Erklärung, weil die Not des Wohnens für sich spricht.
Ein gemeinsames Drehbuch gibt es nicht. Gleiche Zwänge erzeugen verschiedene Reaktionen, ohne dass irgendjemand sie abstimmen müsste. Das ist die stärkste Widerlegung der Idee vom bestellten Aufruhr.
VIII. Der nächste Feind
Die Frage der kommenden Monate lautet nicht, wer die Unruhen bestellt hat, sondern wen die Ordnung als Nächstes braucht. Wer Zinsen und Rüstung vor Schulen und Wohnungen stellt, kann das der Bevölkerung nur zumuten, solange ein Feind den Verzicht erklärt. Zieht Russland nicht mehr, bleibt die Rechtfertigung aus, aber der Zwang bleibt. Dann verschiebt sich der Feind: Aus dem Bürger mit berechtigtem Anliegen wird der Störer einer Ordnung, die ohnehin nur noch mit Disziplin zusammenzuhalten ist.
Genau das zeigen die Bilder aller dieser Länder. In Frankreich verhängt der Staat Ausgangssperren, in Belgien nennt der Innenminister die Antifa als Anstifter und verbietet Versammlungen, in Italien spricht die Regierungschefin von “Hooligans”, in Deutschland räumen Wasserwerfer die Straße, in Portugal verkündet die Regierung, sie werde nicht weichen. Es braucht dafür keine Abstimmung und kein Drehbuch. Der Druck fließt dorthin, wo der Widerstand gegen den Verzicht sichtbar wird, und das sind die eigenen Leute.
Noch ist das eine Tendenz, kein Zustand. Ein Pariser Gericht hat die Sperrstunde für Minderjährige aufgehoben, in Mailand sagt der Bürgermeister, die Gründe seien verständlich. Aber die Richtung ist erkennbar. Und überall bleibt der Zwang des “sich selbst verwertenden Werts”. Solange niemand die Ansprüche antastet, die bedient werden müssen, bevor für Schulen und Wohnungen etwas übrig bleibt, wird es weiter brennen.
+++
Bildquelle: Pierre Laborde / shutterstock
+++
Quellen:
- Cost of living protests hit Belgium, Italy, Portugal and France – Al Jazeera
- A third weekend of protests in France as youth-led rallies sweep Europe – PBS NewsHour
- France flags 2027 budget squeeze as defense and debt costs surge – Arab News
- Macron says France must not be ‘weak’ faced with Russia ‘threat’ – Arab News
- Over 100 arrested in Belgium student protests – Al Jazeera
- Belgium: minister blames antifa for student riots – Frontpages EU
- Ukraine war fatigue fuels defense spending downgrade plan in Italy – Defense News
- How has the cost of living changed in France, Italy, Spain and Portugal? – Al Jazeera
- Mass protests in Europe in 2026 – visitworld.today
+++
Dirk Ellerbrock, Jg. 1946, Dipl.-Sozialwissenschaftler, studierte Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie, arbeitete viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.
Mitte der 1990er wandte er sich spirituellen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Seminare Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung" (ISBN 978-3-8391-4517-3). 2026 entstand „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift" (ISBN 978-3-6967-8733-2), das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet: https://substack.com/home/post/p-222671216
Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock
+++
Ihnen gefällt unser Programm? Machen wir uns gemeinsam im Rahmen einer "digitalen finanziellen Selbstverteidigung" unabhängig vom Bankensystem und unterstützen Sie uns bitte mit der:
Spenden-Kryptowährung „Nackte Mark“: https://apolut.net/unterstuetzen/#nacktemark
oder mit
Bitcoin: https://apolut.net/unterstuetzen#bitcoin
Informationen zu weiteren Unterstützungsmöglichkeiten finden Sie hier: https://apolut.net/unterstuetzen/
+++
Bitte empfehlen Sie uns weiter und teilen Sie gerne unsere Inhalte in den Sozialen Medien. Sie haben hiermit unser Einverständnis, unsere Beiträge in Ihren eigenen Kanälen auf Social-Media- und Video-Plattformen zu teilen bzw. hochzuladen und zu veröffentlichen.
+++
Abonnieren Sie jetzt den apolut-Newsletter: https://apolut.net/newsletter/
+++
Unterstützung für apolut kann auch als Kleidung getragen werden! Hier der Link zu unserem Fan-Shop: https://harlekinshop.com/pages/apolut